Buchkritik

Männerfantasie oder Meisterwerk? Andreas Schäfers „Letzter Akt“

In Andreas Schäfers „Letzter Akt“ wird eine scheinbar banale Begegnung einer berühmten Schauspielerin mit einem fremden Mann zum raffinierten Spiel über Ruhm und Selbsttäuschung.

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Stand

Von Autor/in Oliver Pfohlmann

Man stelle sich eine weltberühmte Schauspielerin vor, ständig auf der Flucht vor der Klatschpresse.

Auf der Premierenfeier ihrer neuen Theaterinszenierung sitzt ihr ein unbekannter Mann gegenüber, mit dem sie zwei, drei Worte wechselt. Dann verlässt der attraktive Fremde die Feier, in die er angeblich nur zufällig hineingestolpert ist.

Und die Oscar-nominierte Schauspielerin? Folgt ihm einfach. Gemeinsam fahren sie dann zu seiner Wohnung und verbringen die Nacht miteinander. Klingt das glaubwürdig – oder nicht doch eher nach einer mittelprächtigen Männerfantasie?

Furioser Künstlerroman 

So oder so: In Andreas Schäfers neuem Roman ist dieser Einfall der Ausgangspunkt für einen erstaunlich spannend zu lesenden, furiosen Künstlerroman. In „Letzter Akt“, so der Titel, wird das Unwahrscheinliche dieser Begegnung dadurch gemildert, dass der Fremde sein prominentes Gegenüber anscheinend gar nicht kennt.

Denn nichts könnte für Schäfers Hauptfigur Dora an diesem Punkt ihrer Karriere anziehender sein als ein Mann, der sich noch kein Bild von ihr gemacht hat. Und der sich noch dazu nicht im Mindesten von ihrem Ruhm eingeschüchtert zeigt.

Die Freiheit, alles erzählen zu können, weil er weder Filme mit ihr gesehen noch Artikel über sie gelesen hatte. Ohne Sorge, gegen ein längst gefasstes Urteil anreden zu müssen oder dem Vergleich mit der Leinwand ohnehin nicht zu genügen.

Andreas Schäfer
Andreas Schäfer (c) Frank May

Ein Maler und eine Schauspielerin

Allem Anschein nach hat Dora Glück: Der Unbekannte entpuppt sich weder als verrückter Fan noch als Klatschreporter. Victor Hastings ist ebenfalls ein Künstler, und zwar ein Maler, kurz vor seiner ersten Ausstellung.

Für Dora, die allabendlich auf der Bühne steht, ist die Auseinandersetzung mit Victors Bildern ebenso eine Inspiration wie überhaupt die Beziehung mit diesem schweigsamen, sich geheimnisvoll gebenden Mann – dem Hintergedanken angeblich fremd sind.

„Es ist mir ganz recht so.“ 
„Was ist dir recht?“ 
„Dass wir uns hier treffen. Hier bei mir.“ Er sah sie an, direkt, ohne den Rückhalt der Belustigung. „Ich möchte mit dir zusammen sein, nicht von dir profitieren.“

Klatschpresse mit Teleobjektiven

Das gemeinsame Glück hält allerdings nur so lange, bis sich die Presse auf das Paar stürzt und mit ihren Teleobjektiven bis ins Innere von Victors Wohnung eindringt. Als dem nun doch verunsicherten Maler mit einem Mal kein Pinselstrich mehr gelingen will, hat Dora eine Idee:

„Mal mich, bitte. Mal mich so wie die Bilder, die du im Schuppen vor dir selbst versteckst.“

„Sie hörte ihn atmen. Sie hatte sich über ihn gebeugt, drückte ihr Gewicht gegen seine Schultern, während sie sagte: `Ich will, dass du mich wieder ansiehst wie im Restaurant, wie damals, als wir nichts voneinander wussten´.“

Das Porträt wird Victor in der Folge selbst Weltruhm einbringen. Dora allerdings bricht nach dem Anblick des Porträts zusammen und landet wenig später in der Psychiatrie. Warum? Das ist nur eine der Fragen, die den Spannungsmotor dieses Romans über Selbstlügen und die Wiederkehr des Verdrängten antreiben.

Andere vom Roman aufgeworfene Fragen lauten: Aus welchen Untiefen entsteht Kunst? Kann man seine Vergangenheit wirklich hinter sich lassen? Was kann ein Kunstwerk über uns offenbaren, was wir noch nicht wissen?

Und nicht zuletzt: War Victor in Bezug auf Dora wirklich so ahnungslos oder entpuppt er sich am Ende doch als, „fragwürdiger Trittbrettfahrer“?

Lohnende Lektüre, trotz Männerfantasie

Andreas Schäfer erweist sich mit „Letzter Akt“ erneut als gewieft-routinierter Romancier.

Sein neues Werk belegt aber auch eindrucksvoll, was diesen 56-jährigen Berliner Autor in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur so außergewöhnlich macht, spätestens seit seinem Roman „Das Gartenzimmer“ aus dem Jahr 2020:

Seine Kunst, durch die Schilderung von Interieurs Atmosphäre zu erzeugen. Allein das macht „Letzter Akt“ zu einer lohnenden Lektüre – die eine oder andere Männerfantasie hin oder her.

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Oliver Pfohlmann