Langjähriger Russland-Experte
Der Essayist, Historiker und Publizist Karl Schlögel kennt sich wie kaum ein anderer Intellektueller in Deutschland mit der Geschichte Russlands aus, mit dem Stalinismus und den Umbrüchen in Osteuropa seit dem Fall des Eisernen Vorhangs.
Karin Schmidt Friedrichs, die scheidende Vorsteherin des Börsenvereins, der den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche verleiht, erinnerte in ihrer Ansprache an Schlögels erstes großes Buch: „Moskau lesen“ lautet der Titel des inzwischen kanonisierten Werks, das ausgerechnet im Orwell-Jahr 1984 erschien und das schon im Titel das Verfahren Schlögels beschreibt.
Als Wissenschaftler geht Schlögel nicht nur in die Archive, sondern besucht die Schauplätze seiner Untersuchungen, spricht mit den Menschen vor Ort. Nicht nur „Fußnoten, sondern auch Fußspuren“, sagte Schmidt-Friedrichs, prägen seine empathischen Texte, sein feinfühliges Denken überhaupt.
Fehleinschätzung Putins korrigiert
Zu den herausragenden Fähigkeiten dieses Forschers gehört zudem, sich auch schmerzhafte Fehleinschätzungen einzugestehen. Den Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine hätte Schlögel in den 1990er Jahren nicht für möglich gehalten.
Die ukrainisch-deutsche Schriftstellerin Katja Petrowskaja erinnerte in ihrer Laudatio an eine berührende Szene. Auf dem Berliner Bebel-Platz hatten sich im März 2022 eine Handvoll Menschen versammelt, um gegen die todbringende Invasion Russlands zu protestieren.
Schlögel habe weinend am Rand gestanden, bis er ans Mikrofon gebeten wurde. Doch ging es Petrowskaja in der Paulskirche nicht darum, Rührung zu erzeugen. Sie zeigte mit dieser Szene vielmehr die Bescheidenheit eines Humanisten und lobte dann ausgiebig den überaus musikalischen Stil seiner Texte.
„Zu viele Russlandversteher“
Der Friedenspreisträger brachte es in seiner Rede schnell auf den Punkt: In Deutschland gebe es „zu viele Russlandversteher und zu wenige, die etwas von Russland verstehen.“ Im 75. Jahr des Friedenspreises erlebe Europa eine „Zeitenwende“, die Gewissheiten der Vergangenheit müssten angesichts des alltäglichen Mordens in der Ukraine auf den Prüfstand.
Die alten Erkenntnisse und Analysen würden kaum helfen, um die historische Situation angemessen zu beurteilen und dementsprechend zu handeln. Deutschland und Europa müssten endlich begreifen, dass Putins Russland einen Krieg gegen den Westen führe, der auch in der Ukraine nicht enden werde.
Schlögel schloss seine mit viel Applaus bedachte Friedenspreisrede mit einem Gruß an die Menschen in dem geschundenen Land, die trotz täglicher Drohnen-Attacken und Raketen-Beschuss ihr Leben weiterführen, der Arbeit nachgehen, Kinder zur Schule bringen und die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben würden. Das nennt Schlögel eine „Revolution der Würde in Permanenz“.
Stand der Ukraine nennt getötete Schriftsteller
Von der existentiellen Bedrohung der Ukraine konnte auch erfahren, wer auf der Buchmesse den Stand des Landes besuchte. Die vielen Namen der auf dem Schlachtfeld getöteten Schriftstellerinnen und Schriftsteller waren auf einer Pinnwand nachzulesen.
Einige Buchautoren wie Vladyslav Golovin waren im militärischen Tarnanzug auf die Buchmesse gekommen. Ein ungewohnter, aber erhellender Anblick.
Golovin, der sogar mit Humor über ein ukrainisches Soldatenleben zu schreiben weiß, ist Mitglied der sogenannten „Cultural Forces“, die mit friedlichen Mitteln aufzuzeigen versuchen, dass Putins Feldzug auch ein kultureller Vernichtungskrieg ist.
Umso wichtiger ist das mit deutschen Geldern mitfinanzierte Übersetzungsprojekt der „Ukrainischen Bibliothek“, die auf der Messe von Tanja Maljartschuk und Juri Andruchowytsch vorgestellt wurde.
Freie Buchmesse nicht selbstverständlich
Im Trubel des bunten Messegeschehens, zwischen Burrito-Stand und Bratwurst-Bude, beim Gang durch die rosaroten bis düsteren Welten boomender Buchgenres wie Romantasy oder Dark Romance, gerät leicht in Vergessenheit, dass eine Buchmesse mit freiem Meinungsaustausch keine Selbstverständlichkeit ist.
Außerdem zu erwähnen sind die ausgesprochen formschönen Inseln auf dem Pavillon des philippinischen Gastlandes, aber auch der aufkommende Schwindel beim Nachdenken über die Veränderungen des Buchmarktes durch Künstliche Intelligenz.
Der Friedenspreis an Karl Schlögel war daher nicht nur ein würdiger, sondern auch ein politisch äußerst wichtiger Abschluss der diesjährigen Messe.
Frankfurter Buchmesse 2025
Die Frankfurter Buchmesse 2025 startet am 15. Oktober Ein Streifzug durch die Literatur des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2025
Die Philippinen sind Gastland der Frankfurter Buchmesse 2025. Rund dreißig neue Bücher erscheinen zur Messe, auch viele Graphic Novels. Hervorragend übersetzt und hochpolitisch.