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„Beileibe und Zumute": Ursula Krechels virtuoser Gedichtband

Feine Gedichtgebilde einer großen Schriftstellerin: In „Beileibe und zumute“ vermisst Ursula Krechel die fragilen Verbindungen von Körper und Sprache, Schönheit und Glück. Krechels Lyrikband ist 2021 erschienen.

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Von Autor/in Carsten Otte

So vielfältig die literarischen Genres, in denen Ursula Krechel arbeitet, so unterschiedlich die Themen und Formen auch ihrer Lyrik. Diese Schriftstellerin stellt in einem Gedicht grundsätzliche Fragen zur Ästhetik, um dann Oden an eine Stadt oder eine Landschaft zu verfassen.

Sie weiß ihre Verse graphisch aufzulösen, setzt mal auf strengen Rhythmus und nahezu klassische Reime, um der Poesie in anderen Strophen wieder etwas mehr Freiheit zu geben. Das literarische Denken wird befragt, das lyrische Erinnerungsvermögen, das auch eine „Gier nach Gegenwart“ zugibt.

Die Suche nach Schönheit

Ein Leitmotiv in Krechels neuem Gedichtband „Beileibe und zumute“ ist die Suche nach der Schönheit selbst, auch wenn dem Ideal in unseren Zeiten nicht wirklich zu trauen ist.  

Was, wenn Schönheit das Geschönte wäre
/der Torso heil gemacht und ideal gedacht
/was, wenn der Körper halbtot, halbiert, gevierteilt
/was, wenn der bronzierte Fitnessleib, allzeit Stein
/wie Fleisch vom Fleische, wenn er beinlos zerbräche wie
/in einem Krieg, Stückleib, verschnittener, zerkrümelter,
/liegen gelassen in einem Scharfschützenhinterhalt?

So groß das Misstrauen gegenüber dem, was in Stein gemeißelt ist, so neugierig wirkt das lyrische Ich gegenüber selbst profanen Dingen. Vom Tomatensaftbecher im Flugzeug bis zu den Steppjacken betagter Zeitgenossen – alles scheint diese Dichterin zu inspirieren.

Poesie trifft Schlager

Krechels poetische Erkundungen setzten auch schon mal bei einem allzu bekannten Schlager an, der dann durch eine witzige Motivmühle gedreht wird – mal abgesehen davon, dass sich Krechel als Meisterin des klug gesetzten Zeilensprungs zeigt. 

Ich hab mein Herz in Heidelberg ich
/hab mein Herz im Kleiderschrank ich hab
/das Bett noch nicht verbrannt mein Hut
/geht bis zum Mantelkragen der Krug
/geht übern Brunnenrand es bricht das Licht
/mein Hut geht durch das ganze Land
/es tut nicht weh in Heidelberg es schneit so weit
/und breit du siehst wir sehen nächtlich die Hand vor Augen nicht

In vielen Gedichten, die spielerisch daherkommen, lauern die Untiefen, im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Zeilen. Alte und aktuelle Identitätsdebatten scheinen in den Gedichten auf. Ohne dabei in einen belehrenden Duktus zu verfallen. Im Gegenteil. Wenn es um den weiblichen Körper und männliches Dominanzverhalten geht, wählt die Autorin eine leicht spottende Tonlage in einer Art Abzählreim.     

Nimm vom Weibe eine Scheibe
/speise, doch tu ihr nichts zuleide
/wenn du dann bei nacktem Leibe
/zerrst und ruckst an ihrer Seide?
/nimm und iss, sie ist ja generös
/sieh die Haut, straff noch und porös
/fühl das Nervgeflatter rasend schnell
/und das Licht, ich bitt dich, nicht so grell

„Einladung“ heißt dieses kurze Stück, auf das selbstverständlich eine „Ausladung“ folgt. Die rund 60 Gedichte und Zyklen des Bandes stehen zwar alle für sich, funktionieren aber auch wie kommunizierende Röhren. Manchmal wird die gebundene Sprache mit Prosaminiaturen ergänzt.

Platz 9 (33 Punkte) Ursula Krechel: Sehr geehrte Frau Ministerin

Eine Frau, deren Sohn es als Strafe empfindet, mit seiner Mutter sprechen zu müssen. Werden die beiden von einer Lateinlehrerin observiert? Und eine Ministerin, die ständig anonyme Briefe erhält. Es geht um den Rechtsstaat und die Frage, wer über wen Macht verfügt.

Anschauliche Bilder

Doch ob nun schroffe Zweizeiler, elegische Ballade oder skurril-expressionistische Reiselyrik – die Bilder dieser Dichterin sind so stark wie anschaulich, sodass Erklärungen meist überflüssig sind.

Torkeln durch blickdichte Tage, denen
/wachsweich der Himmel verhängt ist
/bleicher wird er am Nachmittag, wenn
/man ihn anfasste, wäre er aus Beton.

Poesie ist zentral in Ursula Krechels Werk

Nach ihrem furiosen Lyrikdebüt mit dem biographisch-programmatischen Titel „Nach Mainz!“ folgten seit nunmehr fast 45 Jahren weitere 15 Gedichtbände, und so ist es sicherlich nicht übertrieben zu sagen, dass die Poesie zentral ist in Ursula Krechels Werk.

Die neuen Gedichte sind demnach auch als Aufforderung zu begreifen, noch einmal in frühere Lyrikveröffentlichungen der Autorin hineinzuschauen. Zart und komisch sind ihre poetischen Gebilde. Ausgesprochen welthaltig ist Krechels Lyrik, ohne dabei einem Zeitgeist zu verfallen.

Neues und Altes verbinden sich in originellen Wortneuschöpfungen, die wirken, als habe es sie immer schon gegeben. Das wird etwa im vierteiligen Zyklus namens „Krankenblätter“ deutlich, in dem nicht nur Klinikräume und Körperpein vermessen werden, sondern zwischendrin auch die „Wellnesstempelglocke“ geschlagen wird.

Mahnende Gedichte erinnern an Durchhalteparolen

Ursula Krechel spürt den fragilen Verbindungen von Sprache und Körper nach, sucht nach Schönheit und Glück, selbst wenn am Ende oft nur Bruchstücke aufzulesen sind. Im Titelgedicht „Beileibe und zumute“ sind die Menschen „schwungvoller Reden“ ausgesetzt, physisch wie mental.

Durch Räuspern oder andere „Rachenlaute“ verlieren die „Appelle“ zumindest ein wenig an Schärfe. Es handelt sich um ein mahnendes Gedicht, das angesichts der Durchhalteparolen mancher Politiker im dauerverlängerten Lockdown erschreckend aktuell ist. In solchen Lebens- und Sprachräumen begegnen sich die Vereinzelten jedenfalls in großer Ratlosigkeit.

Leute palavern, andere schweigen eher
/wie´s wem zumute ist, weiß man nicht

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Carsten Otte