Am 15. Juli verkündet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, wer in diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis 2025 ausgezeichnet wird. Der jährlich verliehene Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. 2024 ging er an Schriftsteller Oswald Egger.
Die SWR Kultur Literaturredaktion hat sich vor der Bekanntgabe gefragt: Welchem Schriftsteller oder welcher Schriftstellerin würden sie den Preis wünschen? Drei potentielle Preisträger bzw. Preisträgerinnen haben sie gefunden.
Warum Monika Rinck mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet werden sollte
Seit 1951 wurde der Büchner-Preis 72-mal vergeben: 60-mal an einen Mann und 12-mal an eine Frau. Höchste Zeit also für eine neue Büchnerpreisträgerin! Und zwar für eine, die nicht nur souverän und gewitzt über ihre Sprache verfügt, sondern eine, die die Sprache selbst zum Gegenstand ihrer literarischen Erkundungen und Verzauberungen macht.
Monika Rinck ist Dichterin, Essayistin, Übersetzerin, Performerin. Ein literarisches Gesamtkunstwerk, immer in Bewegung. In ihrer Lyrik, etwa in „Honigprotokolle“ oder „Risiko und Idiotie“, nimmt sie Floskeln, Sprichwörter, Werbeslogans und kippt sie in einen neuen Kontext, wo sie plötzlich fremd, komisch, aufgeladen wirken.
Auch in ihrem jüngsten Gedichtband „Höllenfahrt und Entenstaat“ zeigt sie sich als Meisterin der Assoziationsräume: Von Dantes Höllenkreisen bis nach Entenhausen.
Platz 10 (16 Punkte) Monika Rinck: Höllenfahrt und Entenstaat
Monika Rinck ist der Superstar der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Akademisch, experimentell, rasant, ganz nah an den aktuellen Diskursen. Wucht und Rhythmik bestimmen ihre Verse, in denen sie Dante und Duck zusammendenkt.
Monika Rinck zerlegt die Sprache. Nicht zerstörerisch, sondern sie zeigt, wie sich Bedeutung bildet, wie sie sich verschiebt oder auch entgleitet: Und sie tut das mit großem Witz, mit Eleganz, und einer Liebe zum Absurden. Das ist gar nicht so hermetisch, wie man vielleicht vermuten könnte. Es ist offen für alle möglichen Assoziationen und auch einen sehr handfesten Weltbezug.
Monika Rinck beherrscht das Komische im Philosophischen, das Spielerische im Theoretischen: eine Poetik des „sinnlichen Denkens“, wie sie selbst es nennt. Sie reflektiert, wie wir sprechen, schreiben, verstehen – oder auch scheitern. Das tut sie aber nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern öffentlich, geradezu performativ.
Und sie behandelt Literatur als etwas, das gerade jetzt dringend gebraucht wird: nämlich als dialogisches, offenes System. In Kollaborationen, Übersetzungen, interdisziplinären Arbeiten, etwa auch mit Musik und bildender Kunst.
Monika Rinck steht für eine Literatur, die zugleich hochreflektiert und zugänglich ist.
Ihr Werk ist kein Projekt, es ist eine Haltung: wach, präzise, spielerisch. Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Literatur diese Stimme auch mit ihrem bedeutendsten Preis ehrt.
Warum Ralf Rothmann mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet werden sollte
Christoph Schröders Favorit auf den Preis ist Ralf Rothmann. Im Mai ist er 72 Jahre alt geworden; es wird also dringend Zeit. Und sein vor wenigen Wochen veröffentlichter Erzählungsband „Museum der Einsamkeit“ ist ein weiterer Beweis dafür, dass Rothmann den Preis verdient hat.
Seit 1991, seit seinem herausragenden Debütroman „Stier“, schreibt Rothmann zuverlässig wunderbare Romane und Erzählungsbände. Geboren wurde er in Norddeutschland, aufgewachsen ist er im Ruhrgebiet als Sohn eines Bergmanns. Er hat eine Maurerlehre absolviert, ist kein Akademiker. Das stört manche.
Schröder findet in Rothmanns Texten große Schönheit und überraschende Epiphanien des Alltags. So derangiert seine Figuren manchmal auch sein mögen, so selbstverständlich verleiht Rothmann ihnen Würde und Glanz.
Zudem spiegelt sich in diesen Figuren, gerade in den schweigsamen Malochern der 1960er-Jahre, eindrucksvoll und unausgesprochen das Trauma einer ganzen Generation. Rothmann schreibt fortlaufend an einer literarischen, poetisch getönten Chronik dieses Landes.
Platz 3 (72 Punkte) Ralf Rothmann: Museum der Einsamkeit
Unbeirrt und auf höchstem Niveau schreibt Ralf Rothmann seine Ästhetik des romantischen Realismus fort. Seine neuen Erzählungen sind gleichermaßen sprachlich authentisch wie einfühlsam.
Warum Barbara Honigmann mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet werden sollte
Preise wurden ihr schon einige verliehen. Barbara Honigmann erhielt für ihr Werk bereits den Heinrich-Kleist-Preis, den Jean-Paul-Preis 2021, den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2022, 2024 den Schiller-Gedächtnispreis, das Bundesverdienstkreuz am Band – um nur eine Handvoll zu nennen.
Was fehlt, um diese eindrückliche Sammlung zu vervollständigen? Na klar, der Georg-Büchner-Preis. 2025 würde es doch mal Zeit dafür!
Denn Honigmann ist eine der bedeutendsten literarischen Stimmen unserer Zeit. Als jüdische Autorin, geboren 1949 in Ost-Berlin, erzählt sie vom Leben zwischen Ländern, Sprachen und Zugehörigkeiten.
Ihre Stärke: die autofiktionalen Erzählungen. In Büchern wie „Chronik meiner Straße“ oder „Unverschämt jüdisch“ verknüpft sie Autobiografie mit kollektiver Erinnerung. Ihre Sprache ist klar und unpathetisch, poetisch und eindringlich.
Chronistin jüdischen Lebens in Deutschland Fünf gute Gründe, die Bücher von Barbara Honigmann zu lesen
Barbara Honigmann bekommt den Friedrich-Schiller-Preis – nur eins von vielen Argumenten für die Lektüre einer der bedeutendsten aktuellen deutsch-jüdischen Stimmen.
Gerade in einer Zeit, in der jüdisches Leben in Europa erneut angegriffen wird und Antisemitismus auf dem Vormarsch ist, wird ihre Literatur ein unmissverständlicher Akt der Selbstbehauptung – und eine Mahnung. Denn Honigmann schreibt gegen das Vergessen und für ein Deutschland, das sich seiner Geschichte stellt, ohne sie zu wiederholen.
Sie erinnert daran, dass die deutsche Sprache auch eine jüdische ist – und eine poetische. Deshalb verdient sie den Georg-Büchner-Preis. Für ihr Werk. Für ihre Haltung. Und für ihre Stimme, die heute nötiger ist denn je.