Altertümliche Schauplätze, karierte Schuluniformen und flackerndes Kerzenlicht in einem düsteren Herbst – das ist die Welt von „Dark Academia“. Auf Booktok und Bookstagram, den Lese-Communities der Plattformen TikTok und Instagram, inszenieren Nutzerinnen und Nutzer diese stimmungsvolle Ästhetik.
Die kurzen Videos, in denen Outfits gezeigt und Büchertipps gegeben werden, erreichen zuletzt viele junge Menschen, und bringen sie dazu, sich mit Literatur und Studium zu beschäftigen.
Doch was steckt hinter dem Trend? Professorin Katharina Glaubitz, Expertin für englische Literatur an der Universität Kiel, hat sich mit dem Phänomen beschäftigt.
Eliteuniversitäten und Füllfederhalter
Glaubitz beschreibt „Dark Academia“ als „multimedialen Trend“, der Literatur, Mode und Architektur zusammenbringt: „Er funktioniert über Texte und Bilder und steht für eine bestimmte Stimmung.“
Die Bildwelt greift oft auf Vorbilder aus alten Eliteuniversitäten zurück — Oxford, Princeton, Ivy-League-Style der 1930er- bis 1960er-Jahre — mit Tweed, Cord und gedeckten Farben. „Meistens sind überhaupt keine digitalen Medien zu sehen, obwohl natürlich dieser Trend durch die digitalen Medien erst groß geworden ist,“ so Glaubitz.
Zwischen Schauerroman und „Harry Potter“
Auch literarisch lässt sich die Bewegung verorten: Die düstere Stimmung, die oft in abgeschlossenen Räumen oder alten Gemäuern inszeniert wird, erinnert an den Schauerroman des 19. Jahrhunderts. Themen der Romantik, wie Rückzug, Melancholie, die Auseinandersetzung mit dem Inneren, finden hier eine moderne Entsprechung.
Häufig mischen sich phantastische Elemente dazu: Es finden sich Zauberschulen und Figuren mit (vermeintlich) übernatürlichen Kräften. Auch die „Harry Potter“-Welt kann zu dem Trend hinzugezählt werden.
Corona-Pandemie machte Bildung zum Sehnsuchtsort
Der Hype setzte während der Corona-Pandemie ein. In Zeiten von Online-Seminaren und geschlossenen Bibliotheken wurde die Vorstellung einer idealisierten Bildung zum Sehnsuchtsort. Wer zu Hause vor dem Bildschirm saß, träumte sich in alte Universitäten, Bücherregale und hitzige Diskussionen mit Kommilitonen über große Ideen.
Im Zentrum steht, wie der Name schon andeutet, eine Projektion von humanistischer Bildung. Professorin Glaubitz erklärt: „Es ist eine sehr nostalgische Idee von Bildung, mit altbackenen Inhalten und dem Fokus auf der klassischen westlichen Literatur.“ Sprich, Autoren wie William Shakespeare, Homer oder Oscar Wilde.
In den sozialen Medien inszenierte „Dark Academia“-Charaktere verkörpern diese Idee: Sie verbringen Nächte in Bibliotheken, übersetzen antike Texte, führen Gespräche über Moral und Kunst – und verlieren sich dabei immer tiefer in ihrer eigenen Suche nach Erkenntnis. Bildung steht für sie dabei an oberster Stelle.
Eine dunkle Universitätswelt?
Die dunkle Seite dieser Ästhetik ist dabei aus dem Kanon von Campus-Romanen abgeleitet. Donna Tartts „Die geheime Geschichte“ beispielsweise erzählt von einer Gruppe Studenten, die ihre intellektuellen Ideale so ernst nehmen, dass sie moralische Grenzen überschreiten.
Der Roman, ursprünglich 1992 erschienen, wurde 2015 in den sozialen Medien wiederentdeckt und gilt bis heute als Grundstein des „Dark Academia“-Trends.
Wie im Donna-Tartt-Klassiker, kann die intensive Beschäftigung mit diesem Bildungsideal auch problematisch werden. „Es ist eine zweischneidige Sache“, findet die Literaturwissenschaftlerin Glaubitz: Einerseits steht die Persönlichkeitsbildung im Fokus, andererseits wird damit Elitismus idealisiert.
Eine Reise in die Hölle und ein grotesker Campus
Der Buchmarkt hat den Trend derweil längst aufgegriffen. „Verlage suchen nach Autoren und Autorinnen, die dieses Segment bedienen“, erläutert Glaubitz. Ganz oben mit dabei sind die Romane von Rebecca F. Kuang, die international bereits für Aufsehen gesorgt haben. Dieses Jahr erschien „Katabasis“, der eine mythologische Geschichte zweier Studenten erzählt, die in die Hölle reisen.
Ebenfalls viel zitiert wird Mona Awards „Bunny“ von 2019, der zentrale Elemente dieser College-Ästhetik aufgreift. Er handelt von einer Gruppe skuriller junger Frauen und dekonstruiert das elitäre Studentenleben auf groteske Weise.
In den USA hat sich 2025 „Dark Academia“ als drittgrößtes Segment im populären Buchmarkt etabliert, wobei viele Romane zugleich den Young-Adult-Markt bedienen.
Langanhaltender Trend statt kurzlebige Ästhetik?
Und auch Serien adaptieren den Trend: Die deutsche Erfolgsserie „Maxton Hall“ spielt beispielsweise an einem Elitecollege, die Serie „Wednesday“ (eine Adaption der „Addams Family“) in einem düsteren Internat. Sie stellen sich dabei in die Tradition von in „Dark Academia“-Kreisen beliebten Filmklassikern wie „Der Club der toten Dichter“ (1989) oder „Maurice“ (1987).
Die Literaturwissenschaftlerin Glaubitz zeigt sich überrascht vom medienübergreifenden Boom der letzten Jahre. Sie hätte „Dark Academia“ zunächst für einen kurzlebigen Social-Media-Trend gehalten, und ist erstaunt, wie sehr sich die Ästhetik doch etabliert hat.
Wird sich die dunkle College-Welt weiterhin halten? Eine klare Prognose wagt sie zwar nicht, doch erkennt sie einen gewissen Zeitgeist, der weiter vorherrschen könnte: „Angesichts der pessimistischen Weltlage ist es möglich, dass diese Art von Stimmung weiter in konsumierbare Form umgewandelt wird.“