Die nächste Pandemie wird nicht aus Asien kommen, sondern aus Südamerika. Das Virus wird nicht Corona, sondern „Dropsy“ heißen, und es wird erheblich gefährlicher sein als sein Vorgänger.
Denn die Infizierten werden nicht an Erkältungssymptomen leiden, sondern an monströsen Schwellungen. Und an Gedächtnisverlust, einer Art Demenz im Zeitraffer.
Dropsy. Was für ein alberner Name. Ich verstehe nicht, warum sie nicht einfach den wissenschaftlichen Namen verwenden.
„Irgendeine Boulevardzeitung hat den englischen Namen Dropsy eingeführt, und alle haben es nachgeplappert. Als hätten wir es hier mit einer Disneyfigur zu tun.“
Verzweifelte Suche nach einem Impfstoff
Claire Fullers neuer Roman spielt in einer Londoner Klinik, in der ein neuer Impfstoff erprobt werden soll. Neffy, die Ich-Erzählerin, ist eine der Freiwilligen.
Zusammen mit einer Handvoll anderer junger Leute wird ihr erst das Vakzin, dann das Virus verabreicht – ein riskantes Menschenexperiment nach dem Prinzip „hopp oder topp“ also. Weshalb Neffys Angehörige die Protagonistin von der Teilnahme bis zuletzt abhalten wollen.
Was folgt, ist ein mehrtägiger Fiebertraum zwischen Leben und Tod. Als Neffy endlich wieder wach ist, ist alles anders: Ärzte und Schwestern sind verschwunden, zusammen mit dem Impfstoff.
Die Menschheit wird ausgelöscht
Nur vier – ungeimpft gebliebene – Probanden sind noch da, die Neffy schonend beizubringen versuchen, dass das Virus in der Zwischenzeit mutiert sei. Und gerade die Menschheit auslösche. So ganz genau weiß man es aber nicht: Die Fernsehsender haben sich verabschiedet, das Handy schweigt.
„Ein Sprecher des Rettungsdienstes bezeichnet die Lage als humanitären Notstand“, sagte die Moderatorin. „Und jetzt schalten wir zu …“, sie zögert, späht zur Seite, wo ihre Notizen auf dem Sofa liegen, verliert aber den Faden.
„Sie blickt erst in die Kamera, dann auf den Bildschirm hinter sich, wo immer noch die Fahrzeugschlangen zu sehen sind, als wäre sie überrascht, hier zu sitzen. „Wir haben …“, sagt sie, die Augen aufgerissen. Es scheint, als hätte sie vergessen, dass sie eine Livesendung moderiert.“
Klaustrophobisches Kammerstück
So weit, so apokalyptisch also. Das Szenario ist nicht unbekannt. Dass ein Protagonist in einer Klinik aus einem längeren Zustand der Bewusstlosigkeit aufwacht, nur um festzustellen, dass inzwischen die Welt untergegangen ist, kennt man, etwa aus dem Zombiefilm „28 Days later“.
Wenn Weltuntergangsgeschichten aber normalerweise davon leben, sich vorzustellen, wie es danach weitergeht, ist Claire Fullers Roman sozusagen die Ausnahme von der Regel.
Und zwar aus zwei Gründen: Zum einen spielt er fast ausschließlich in dem geheimen Institut; vom Rest der Welt sehen Probanden wie Lesende nur wenige Bruchstücke beim Blick aus den Fenstern: ein verlassener Krankenwagen, streunende Hunde, entstellte Infizierte, die desorientiert umherkriechen.
Als klaustrophobisches Kammerstück konzentriert sich Fullers – von Andrea O’Brien stilsicher übersetzter – Roman daher eher auf die fragile Dynamik der Überlebenden. Wobei die anderen Probanden, wie sich zeigt, so manche Geheimnisse vor Neffy zu verbergen suchen.
Zudem gehen bald schon die Vorräte zur Neige. Weshalb der Druck auf Neffy steigt, für die anderen hinauszugehen und Essen zu suchen. Schließlich ist sie aufgrund der überlebten Impfung die Einzige der Gruppe, die – vermutlich – immun ist.
„Hast du schon über meine Bitte nachgedacht? Übers Rausgehen?“, fragt Yahiko, der mir den Rücken zugewandt hat, als würde er die Frage gar nicht an mich richten.
„Diese Methode hat Mum auch immer angewandt, mich beim gemeinsamen Kochen unangenehme Dinge gefragt, zum Beispiel, was ich mit meinem Leben anstellen wolle. Dabei klang ihre Stimme weich und sanft, aber darunter brodelte es.“
Flucht in private Vergangenheit
Neffy denkt aber gar nicht daran hinauszugehen, sie flüchtet sich lieber in ihre Vergangenheit.
Womit wir beim zweiten Grund wären, der Fullers Roman von anderen Weltuntergangsgeschichten unterscheidet: der immense Raum, der die Vorgeschichte der Protagonistin einnimmt – und der der Spannung leider eher abträglich ist.
Man erfährt viel über Neffys komplizierte Familie, die Erkrankung ihres Vaters, ihre Liebe zu ihrem Stiefbruder. Und über Oktopoden, Neffys große Leidenschaft.
Das alles bekommt man aber nicht über gewöhnliche Rückblenden serviert. Sondern teils über Briefe, die Neffy in der Klinik an H., ihren Lieblingsoktopus, schreibt. Und über sogenannte „Erinnerungsreisen“.
Denn praktischerweise – Zufälle gibt es – hat einer der anderen Probanden den Prototyp eines neuartigen Geräts mitgebracht, das es erlaubt, eigene Erinnerungen wie eine Art Traum wiederzuerleben.
„Ich verstehe meine Gedanken – die Gedanken dieses jungen Mädchens –, ihre Wünsche, Vorlieben, Abneigungen, ohne mir dessen bewusst zu sein, denn sie sind auch meine gewesen, und ich verstehe, dass ich dieses Mädchen bin, und gleichzeitig die Frau, jetzt, in der Gegenwart.“
Es fühlt sich an, als würde ich in einem alten Familienvideo mitspielen.
Wichtige Fragen trotz erzählerischen Uneinigkeiten
Natürlich könnte man hier einwenden, dass das Gedächtnis doch gar nicht wie eine Videokamera funktioniert. Problematischer ist aber: Die apokalyptische Romangegenwart um das Dropsy-Virus und die immer neuen Erinnerungsreisen der Hauptfigur fügen sich partout nicht zu einem Ganzen.
Weshalb gerade der Mittelteil erzählerisch allzu lang auf der Stelle tritt. Was schade ist, denn Fullers Roman stellt wichtige Fragen:
Welchen Wert haben persönliche Erinnerungen überhaupt noch in einer Welt nach dem Weltuntergang? Und was ist am Ende wichtiger, ein sicheres Leben in selbstgewählter Gefangenschaft? Oder ein unsicheres in Freiheit?
Das Ende von „Das Gedächtnis der Tiere“ hält jedenfalls noch einige Überraschungen bereit.
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