In geflickten Kleidern und abgelaufenen Pantoffeln wanderte Martha E. durch Berlin-Schöneberg. Dabei war sie gar nicht arm, ihr gehörte angeblich ein ganzes Wohnhaus. Ein Nazi soll es ihr im Zweiten Weltkrieg geschenkt haben.
War Martha E. also Millionärin? Und was hat es mit dem Haus auf sich? Diesen Fragen geht die Journalistin und Autorin Shelly Kupferberg in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ nach.
Hausbesorgerin mit Haltung
Shelly Kupferberg selbst kannte Martha E. vom Sehen: „Die schlohweißen, langen Haare reichten ihr bis in die Kniekehlen und waren verfilzt.
Dieses abgewetzte Äußere, das hat mich so berührt. Ich dachte, Mensch, so eine alte Frau auf der Straße, wie schrecklich ist das denn? Und gleichzeitig habe ich aber gesehen, dass beliebt war, denn überall hielt sie einen kleinen Schwatz“, erinnert sich Kupferberg.
Kupferberg stürzt sich in die Recherche
Shelly Kupferbergs Neugierde ist geweckt: Zwanzig Jahre später geht sie der Geschichte dieser unscheinbaren Frau nach und findet Erstaunliches heraus:
Martha E. war Hausbesorgerin bei dem jüdischen Brüderpaar Henry und Ber Berkowitz. Als Hausbesorgerin trieb sie die Mieten ein, kümmerte sich um Reparaturen und ein sauberes Treppenhaus. Das fand Shelly Kupferberg unter anderem mithilfe der Grundbuchakten heraus.
Und mit einem Zeitzeugen: Ein Schornsteinfeger berichtete Shelly Kupferberg Einiges über das Haus und seine Bewohner.
„Rote Insel“ in Schöneberg
Zudem soll Martha ein enges Verhältnis zur Familie Berkowitz gehabt haben. Selbst kinderlos, kümmerte sie sich liebevoll um deren Tochter Liane Berkowitz.
Während der Nazi-Zeit blieb Martha weiterhin für die Familie tätig. Das Haus in Schöneberg steht am Rande der sogenannten „Roten Insel“:
Diese ‚Rote Insel‘ war geprägt durch das Proletariat, durch Kommunisten, durch die Arbeiterschaft, war also widerständig, als die Nazis aufkamen und Martha macht dort ihre Hausbesorgung tagtäglich.
Sie kennt also alle Gewerbetreibenden und bekommt eben mit, wie sich die Zeiten verändern, wie immer mehr Männer mit braunen Hemden auf den Straßen zu sehen sind“, so Shelly Kupferberg.
Widerstand in kleinen Gesten
Martha habe sich widerständig in kleinen, alltäglichen Gesten gezeigt: So versorgt sie eine alte, jüdische Mieterin mit Lebensmitteln oder nimmt sie mit in den Luftschutzkeller, als das für die jüdische Bevölkerung verboten war.
„Sie hat in dem ganz Alltäglichen unglaublich praktisch gehandelt. Einige Dinge konnte ich verifizieren, andere sind fiktionalisiert, aber für mich steht sie für eine Aufrichtigkeit in der Gesellschaft, ohne daraus gleich ein Politikum zu machen oder sich als besonders politisch zu bezeichnen“, so die Autorin.
Stille Heldin
Auch als Liane Berkowitz, die Teil eines Widerstandsnetzwerkes war, von der Gestapo verhaftet wird, setzt sich Martha für sie ein. Sie versorgt sie mit Büchern und Lebensmitteln. Nach dem Krieg unterstützt sie Lianes Mutter in einem Entschädigungsverfahren. Shelly Kupferberg nennt sie eine stille Heldin:
„Sie hatte ihr Herz auf dem richtigen Fleck und sie hat nie über das gesprochen, wie sie diese jüdische Familie unterstützt hat oder wie sie in der Zeit überhaupt durchs Leben ging und ich dachte mir, das muss mal erzählt werden, weil das wirklich ganz stark und auch widerständig wirkt.“
Aufräumen mit dem Gerücht
Und das Gerücht, Martha E. würde das Wohnhaus, in dem sie Hausbesorgerin war, besitzen? Wahr ist, dass sie tatsächlich Eigentümerin des Hauses geworden ist.
„Aber es hat nichts mit dem eigentlichen Gerücht zu tun“, stellt Kupferberg klar. Ihr sei es auch darum gegangen, Martha E. ein wenig zu rehabilitieren. Denn sie hat dieses Haus für einen ganz günstigen Preis von den Brüdern Berkowitz angeboten bekommen.
„Aus Dank, weil sie sich einfach so sehr für diese Familie eingesetzt hat“, erzählt Kupferberg.
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