Mit „Die Nixen von Estland“ erschien 2002 Kat Menschiks erstes illustriertes Buch. Wie schaut sie heute darauf? Sie sei gerührt, sagt sie: „weil ich da mein zeichnerisches, früheres Ich betrachte“. Ihr Strich habe sich über die Jahre nicht verändert, er sei „wie die eigene DNA“. Nur die Ausführung wirke reifer.
Ob sie jemals eine Nixe gesehen habe? „Na ja, ich bin mir nicht so ganz sicher, aber ich glaube, ja“, sagt sie. Als Kind sei sie, wie sie im Vorwort schreibt, von einer Nixe begrüßt worden, die ihr Zeichenstifte reichte. Seitdem habe sie „die Stifte nie wieder aus der Hand gelegt“.
Die Idee zum Buch kam durch ein Geschenk zum 30. Geburtstag: eine unillustrierte DDR-Ausgabe der Geschichte. „Erst war ich enttäuscht, dann dachte ich: Das kann man ja illustrieren.“ Aus der knappen Vorlage entwickelte sie ein „wirkliches Bestimmungsbuch über Nixen“ – mit anatomischen Schaubildern, Haarfärbeproben und kleinen, skurrilen Details, die sich so anfühlten, als gehörten sie schon immer dazu.
Anruf von Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger
Nach der Veröffentlichung erhielt sie einen unerwarteten Anruf: „Schönen guten Tag, mein Name ist Hans Magnus Enzensberger. Sie werden mich nicht kennen, aber ich will ein Buch mit Ihnen.“ Für Menschik war das „einer meiner Lebensmomente“. Der berühmte deutsche Schriftsteller, der 2022 verstarb, holte sie in die „Andere Bibliothek“, die sie später selbst mitprägte.
Auch die Begegnung mit dem Schriftsteller Volker Kutscher sei spontan gewesen. Auf der Buchmesse habe sie ihn einfach angesprochen: „Ich würde so gerne ein Buch mit Ihnen machen.“ Kutscher mochte ihre Zeichnungen – aus dem Gespräch entstand nicht nur eine fruchtbare Zusammenarbeit, sondern auch eine Freundschaft.
Kommissar Gereon Rath und „Babylon Berlin“
Kutscher ist der Schöpfer von Kommissar Gereon Rath, dessen Kriminalfälle im Berlin der Weimarer Republik spielen. Millionen kennen die Figur aus der Serie „Babylon Berlin“. Menschik illustrierte bereits zwei Bände, die in diesem Universum angesiedelt sind.
Der neue Band „Westend“ setzt 1973 an – lange nach den bekannten Rath-Romanen. „Das ist in Dialogform, jemand wird interviewt und erzählt, was mit allen Figuren passiert ist. Wir werden erfahren, wer vielleicht überlebt hat, was aus den Leuten geworden ist.“ Viel mehr verrät sie nicht – Spannung gehört zum Konzept.
Künstlerische Freiheit innerhalb der Reihe „Illustrierte Lieblingsbücher“
„Westend“ erscheint als 20. Band in Menschiks eigener illustrierten Buchreihe, die seit 2016 bei Galiani verlegt wird. Dort veröffentlicht sie Illustrierte Klassiker der Weltliteratur wie Kafka oder Poe ebenso wie zeitgenössische Texte. Alle Bände sind sehr edel aufgemacht. Sie bestechen nicht allein durch Menschiks farbenprächtige Illustrationen, auch das Material ist besonders.
„Ich habe wirklich die absolute Freiheit, das habe ich noch nie irgendwo anders erlebt.“ Sie entscheidet über Illustrationen, Materialien, Layouts und Farben. Diese Unabhängigkeit bedeute, dass sie ihre ästhetische Handschrift ohne Kompromisse umsetzen könne – eine Seltenheit im Verlagswesen.
Farbgestaltung bei Kat Menschik: Mehr als nur bunte Bilder
Farbe ist für Menschik ein zentrales Gestaltungselement. Sie arbeitet mit Tusche auf Papier, scannt die Zeichnungen und koloriert sie digital. „Ich finde alles gut, was irgendwie lebensbejahend ist.“ Grau in Grau sei nicht ihr Stil, auch Typografie setze sie gern als Gestaltungselement ein.
Neben Illustrationen tritt sie auch als Autorin auf – etwa mit dem Kochbuch „Essen essen“. Kochen sei nicht ihre Leidenschaft: „Wenn ich es vermeiden kann, koche ich nicht.“ Derzeit arbeitet sie an einem Folgeband, inspiriert von einem befreundeten Hobbykoch, der für sie zum Thema „einfach, lecker und schön angerichtet“ Rezepte entwickelt.
Wurzeln in Luckenwalde in Brandenburg
Aufgewachsen in Luckenwalde, hatte sie durch ihren Vater, den Grafiker Rainer Menschik, früh Zugang zu Papier, Stiften und Farben. Dennoch sagt sie: „Wir machen zwei verschiedene Berufe, obwohl wir den gleichen Beruf haben.“ Gemeint ist: Er entwarf in der DDR vor allem Plakate und Gebrauchsgrafik, sie arbeitet heute in der freien Buchillustration – eine künstlerisch viel offenere und selbstbestimmtere Form des Arbeitens.
Comics waren ihr erster Zugang zum Zeichnen, doch in der illustrierten Erwachsenenliteratur habe sie ihren Platz gefunden. „Ich habe schon so viel Glück im Leben. Mit der Reihe, die ich illustrieren darf, habe ich mein Herzensprojekt gefunden.“