„Lolita“ mal anders

Die schwierigen Jahre: „Göre“ von Dorota Ambrožová

Hanka ist fünfzehn und verliebt sich in einen verheirateten Mann. Die tschechische Autorin Dorota Ambrožová erzählt in „Göre“ von Begehren, Selbstsuche und dem schwierigen Erwachsenwerden.

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Stand

Von Autor/in Elisabeth Bold

Wir sind ein Interessendreieck. Jeder von uns interessiert sich für einen der beiden anderen.

Hanka ist fünfzehn, als sie sich in den 33-jährigen „Doc“ verliebt. Er ist verheiratet mit Anna und Vater eines kleinen Sohnes. Mit seiner Familie lebt er im Haus gegenüber von Hanka, in einer namenlosen tschechischen Kleinstadt. Für Hanka allerdings steht fest: Zwischen ihr und dem erwachsenen Mann besteht etwas Besonderes.

Sie beobachtet ihn aus dem Fenster, und wartet auf jede Gelegenheit, ihm näherzukommen. Als Anna an Krebs erkrankt, wittert Hanka ihre Chance: Sie bietet an, auf den Sohn der beiden aufzupassen.

„Mama ahnt nicht, was für eine gefährliche Idee sie da hatte. Ich weiß es nur zu gut, und gerade deshalb geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf.“

Dorota Ambrožová
Dorota Ambrožová Pressestelle (c) privat scaled, Politycki und Partner

„Lolita“ mal anders

Die Ausgangslage erinnert an Nabokovs „Lolita“, doch Ambrožová dreht die Perspektive um. Im Mittelpunkt steht nicht die Rechtfertigung eines erwachsenen Mannes, sondern Hankas Blick auf ihr eigenes Begehren. Wir erleben ihre Schwärmerei unmittelbar und erkennen dabei zugleich etwas, das Hanka selbst noch nicht begreift:

Dass sie den Doc begehrt, entbindet den Erwachsenen nicht von seiner Verantwortung. Der Doc weiß, dass Hanka minderjährig ist, und versucht zwar immer wieder, Abstand zu schaffen.

Trotzdem bleibt sein Verhalten ambivalent, weil er Hankas Annäherungen nicht immer eindeutig zurückweist. Besonders heikel wird die Situation, als Anna bereits schwer krank ist:

„Anna liegt im Sterben, fügt er nach einer Weile hinzu. Niemand weiß, wie lange sie noch leben wird. Ich nicke, aber seine Botschaft erreicht mich nicht. In meinem Kopf passiert gar nichts. Ich will denken, aber es geht nicht. Erneut neige ich mich zu ihm, erneut küssen wir uns.“

Eine einsame Protagonistin

Man versteht Hankas Begehren, ohne es gutheißen zu müssen. Die Protagonistin selbst macht es einem nicht leicht. Sie ist zynisch, selbstgerecht und oft gemein. Mit ihrer Familie kommt sie schlecht zurecht, in der Schule langweilt sie sich und provoziert. Der Titel „Göre“ passt deshalb zunächst gut zu ihr.

Doch je länger man Hanka begleitet, desto deutlicher wird, dass hinter ihrer demonstrativen Gleichgültigkeit ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung steckt. Gerade hier zeigt sich eine der Stärken des Romans:

Ambrožová nimmt  die großen Emotionen eines Teenagers ernst, denn Hanka ist vor allem eins: unglücklich. Sie zieht sich zurück und verliert das Interesse an Dingen, die eigentlich wichtig sein sollten. Ihre Zukunft lässt sie kalt:

„Weihnachten naht schon wieder. Ich finde, immer naht irgendwas. Irgendwelche Meilensteine. Weihnachten, Ferien, Aufnahmeprüfungen an der Uni. Ich lebe von einem wichtigen Moment, der mich gar nicht interessiert, zum nächsten, der mich noch weniger interessiert.“

Der Wunsch nach Anerkennung

Hanka möchte unbedingt als klug und begabt wahrgenommen werden, hält die Erwartungen, die daraus entstehen, aber kaum aus. Als ihre Lehrerin ihr sagt, sie könne an jeder Universität angenommen werden, kann die Ich-Erzählerin das kaum annehmen:

„‚Du bist jetzt dabei, den Grundstein für deine Zukunft zu legen. Ich erwarte viel von dir, enttäusch mich nicht.‘ Damit killt sie mich. Vollends. Ich weine sogar auf dem Klo.“

Ambrožová begleitet Hanka über mehrere Jahre. Aus dem fünfzehnjährigen Mädchen wird langsam eine junge Frau, ohne dass es dabei den einen großen Moment der Erkenntnis gibt. Das ist eine wohltuende Abkehr vom klassischen Coming-of-Age-Muster:

Hanka bekommt keine fertigen Antworten und wird auch nicht plötzlich vernünftig. Stattdessen verschiebt sich ihr Blick auf die Welt fast unmerklich.

Eine gereifte Wahrnehmung der Menschen

Besonders überzeugend ist, dass dabei auch ihre Fixierung auf den Doc an Bedeutung verliert. Anna wird für Hanka irgendwann mehr als die Frau, die zwischen ihr und ihrem Wunsch steht. Sie beginnt, andere Menschen als eigenständige Personen mit eigenen Bedürfnissen und Verletzungen wahrzunehmen, und wird zunehmend reifer.

Zu diesen neuen Beziehungen gehört auch ein literaturinteressierter Student, den Hanka selbst „den Literaten“ nennt. Er ist kein Retter und schon gar kein Ersatz für den Doc. Das ist eine kluge Entscheidung:

Statt Hanka einfach die nächste romantische Beziehung zu geben, zeigt Ambrožová eine andere Form von Nähe.

Bei ihm muss Hanka nicht begehrt werden, um sich wahrgenommen zu fühlen.  Auch die Malerei wird für sie wichtiger. Sie bietet ihr einen Raum, in dem sie nicht darauf warten muss, von jemand anderem gesehen zu werden.

Hankas Stimme überzeugt

Wie wenig geradlinig dieser Prozess ist, zeigt ein späterer Moment:

„Ich beende mein Praktikum und informiere die Studienabteilung, dass ich mein Studium bis auf Weiteres unterbreche. Ich bin planlos und frei.“

 Die größte Stärke des Romans ist Hankas Stimme. Ambrožová schreibt direkt, manchmal roh und mit einem trockenen, bissigen Humor.

„Als mich meine Klassenlehrerin während der persönlichen Beratung in ihrem Büro fragt, wo ich mal hinwill, antworte ich, ins Bett vom Nachbarn.“

Der Blick auf sich und andere

Ihre Sätze wirken, als kämen sie unmittelbar aus dem Kopf einer Fünfzehnjährigen: übertrieben und überzeugt davon, dass ein einzelner Moment über das ganze Leben entscheidet. Hankas Gedanken springen und verrennen sich, Gefühle werden innerhalb weniger Sätze zu Gewissheiten und lösen sich ebenso schnell wieder auf.

„Göre“ fesselt deshalb weniger durch große Wendungen als durch Hankas innere Unruhe und die fast unmerklichen Veränderungen in ihrem Blick auf sich und andere. Immer wieder öffnet Ambrožová den Blick über Hanka hinaus auf Familie, Schule, Arbeit und gesellschaftliche Erwartungen, doch diese Aspekte bleiben eher im Hintergrund.

Ihre eigentliche Stärke liegt jedoch in der genauen Beobachtung ihrer Protagonistin, die sich erst einmal entwickeln darf. Vielleicht braucht sie dafür vor allem eines: Zeit. Und einen heranwachsenden präfrontalen Kortex, der bei den nächsten Entscheidungen hoffentlich etwas stärker mitredet.

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Autor/in
Elisabeth Bold