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Leseland Tschechien

Tschechen lesen viel und gerne, doch die digitale Ablenkung bedroht die Lesekultur. Die Schulen steuern dagegen und nutzen Lesetagebücher, die oft über Generationen weitergegeben werden.

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Von Autor/in Marianne Allweiss

Die Germanistin Barbora Sramkova blättert in gebundenen Notizbüchern. Sie sind außen himmelblau und innen eng auf Tschechisch beschrieben.

„Ich habe hier drei Hefte von mir. Meistens steht da ‚Ctenarsky a kulturni denik – also Lesetagbuch und Kulturtagebuch.‘ Wir sollten damals auch unsere Theaterbesuche oder andere kulturelle Erlebnisse festhalten“, beschreibt sie.

„Das älteste ist aus der fünften Klasse, Jahrgang 83/84. Ja, hier haben wir den Shakespeare. Das ist die Geschichte der tragischen Liebe von Romeo und Julia. 1,2,3,4 Seiten.“

Zehn Bücher pro Jahr

Diese Lesetagebücher mussten früher alle tschechischen Schülerinnen und Schüler führen. Sie wurden benotet, waren aber auch eine gute Vorbereitung für das Abitur. Rund zehn Bücher sollten pro Jahr gelesen werden, erinnert sich die heutige Deutschlehrerin.

Neben Weltliteratur vor allem tschechische und slowakische Klassiker. Auf dem Gymnasium erhielt sie ein rettendes Geschenk von ihrem Vater. Ein altes Heft von der Großmutter seines Mitschülers.

„Das war ein Lesetagebuch, das diese Frau in den Zwanzigern des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Es deckte sich zum großen Teil mit unserer Lektüre. Evzen Onegin von Puschkin. Svatopluk Cech oder die Babicka von Bozena Nemcova.“

Sie gibt zu: „Ich kann mich erinnern, dass ich ein bisschen abgeschrieben habe. Natürlich musste ich die Sprache ändern, dass es nicht so veraltet klingt. Aber es hat mir schon geholfen, das gebe ich zu nach 40 Jahren.“

Ihrem Sohn nützt das 100 Jahre alte Lesetagebuch an seinem Gymnasium nicht mehr so viel. Pflichtlektüre gibt es nicht mehr – außerdem werden viel mehr zeitgenössische Autorinnen und Autoren aus Tschechien und der ganzen Welt gelesen.

Lesetagebücher sind immer noch beliebt

Literatur spielt aber noch immer eine große Rolle. Tschechien definiert sich als Kultur- und Sprachnation. Manche Schulen setzen weiterhin auf klassische Lesetagebücher. Andere sind flexibler, wie die Jecna-Schule im Zentrum von Prag, an der Barbora Sramkova unterrichtet. 

Praktisch jede Schule hat eine Bücherei und arbeitet darüber hinaus mit Stadtbüchereien zusammen – zum Bücheraustausch, für Workshops und um Kinder früh zu Leserinnen und Lesern zu machen.

Tschechien verfügt über das dichteste Bibliotheksnetz der Welt. Nach 1919 musste jeder Ort mit mehr als 400 Einwohnern eine öffentliche Bücherei einrichten, erklärt Vendula Havrdova. Sie leitet hier die Bücherei und unterrichtet Kinder bis zur 9. Klasse: 

„Wir freuen uns, dass unser Bibliotheksraum bald renoviert wird. Denn wir wollen aus ihm einen Treffpunkt machen, wo Kinder lesen und sich unterhalten können.“

Für ihren Unterricht erstellt die Tschechisch-Lehrerin eigene Lese-Arbeitsblätter. Sie lässt Comics zeichnen oder Theaterszenen entwerfen:

„Ich erinnere mich, dass ich mit 17 Jahren Kafka lesen musste. Damals war das für mich unzugänglich. Also habe ich eine Inhaltsangabe aus irgendeinem Literaturlexikon abgeschrieben. Das bringt nichts.“

„Meine Lesetagebücher funktionieren anders: Die Schüler beschreiben eine Situation aus einem Buch, die sie nie erleben wollen oder sie tragen vor, was sie der Hauptperson raten würden. Jüngere zeichnen eine Hand und schreiben fünf Eigenschaften der Hauptfigur dazu und überlegen, was sie gemeinsam haben.“   

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Auch in Tschechien wird weniger gelesen

Tschechinnen und Tschechen besitzen noch oft große Hausbibliotheken. Sie lesen überdurchschnittlich viel und lang. Aber immer weniger. In der aktuellen PISA-Studie schneiden tschechische Jugendliche vor allem bei der Lesekompetenz schlechter ab.

Sie sind zwar noch besser als die Deutschen und die meisten anderen OECD-Länder.

Auch beim Lernen in der digitalen Welt ist Tschechien überdurchschnittlich gut. Doch auch die Abhängigkeit des Lese- und Lernerfolgs von sozialen Faktoren besorgt die Fachwelt. Umso wichtiger sind die Schulen, findet die Tschechisch-Lehrerin Lucie Odvarkova:

„Wir bemühen uns sehr, diesen Trend aufzuhalten. Es gibt kaum noch klassischen Literaturunterricht mit Auswendiglernen von Inhalten. Wir arbeiten zum Beispiel mit Lese-Werkstätten, wo jedes Kind ein eigenes Buch mitbringt, im Unterricht liest und dann zu Hause weiter“, so die Lehrerin.

„Ich versuche auch, ganz unterschiedliche Bücher anzubieten. Ich habe weder etwas gegen Comics, gegen Sportler-Biografien oder gegen Mangas.“

In den sozialen Medien folgt die Lehrerin Influencern, die neue Bücher für bestimmte Klassenstufen empfehlen.

Bookfluencer werden wichtiger

Auch Bibliotheks-Youtuber gibt es inzwischen in Tschechien: Mit Tipps zur Einrichtung von Lese-Ecken oder für Krimi-Workshops in Schulen.

Ohnehin erweist sich das traditionsbewusste Tschechien als ausgesprochen experimentierfreudig, wenn es darum geht, Lust am Lesen zu wecken. E-Books und Tablets sind häufig Teil des Unterrichts. Auch Podcasts oder Hörbücher mit dazugehörigen Texten zum Mitlesen nutzen die Lehrerinnen.

Besonders im Tschechischen sei das wichtig. Die slawische Sprache gilt als äußerst anspruchsvoll. Der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache ist groß. Lucie Odvarkova sieht folgende Möglichkeiten:

„Lesen kann den Schülern beim Tschechisch lernen helfen. Gleichzeitig ist es für Kinder, die mit der Sprache kämpfen, schwieriger, ganze Bücher zu lesen. Zum Glück gibt es Comic-Bearbeitungen von bekannten Werken oder Klassiker in leichter Sprache. So versuchen wir, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.“  

Die Lese-Expertin Irena Prazova von der Prager Karls-Universität gibt den beiden Lehrerinnen recht:

„Unsere Untersuchungen zu Pandemie-Zeiten haben uns gezeigt, dass wir digitale Technologien nicht verurteilen sollten. Sie sind ein Bestandteil unseres Lebens und wir sollten sie nutzen, um Kinder auf die eine oder andere Art zum Lesen zu bringen. Dabei ist es egal, was sie lesen. Hauptsache sie lesen.“

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