Buchkritik

Kühner Roman von Emma Cline: „In die Schweiz“

Wie erinnert man sich an sein Leben, wenn man seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen kann? Emma Cline erzählt in ihrem neuen Roman von einem Demenzkranken, der sterben will.

Teilen

Stand

Von Autor/in Sonja Hartl

In fünf Tagen wird David Hastings sterben. Dann wird er in der Schweiz einen vorbereiteten Medikamentencocktail nehmen, der ihn tötet. Assistierter Suizid. Die Formalitäten sind geregelt, nur ein letzter Check wartet noch.

Besser jetzt abtreten, wo die Welt noch Elemente von Verständlichkeit enthielt. Bald würde sie gänzlich fremd sein, jemandem wie ihm überhaupt keinen Halt mehr bieten.

David Hastings hat Alzheimer, er fürchtet die Veränderungen, die ihm bevorstehen und will deshalb sterben, solange er diese Entscheidung noch treffen kann.

Der Mitte 70-Jährige steht im Zentrum von Emma Clines Roman „In die Schweiz“ – eine Figur, die man kennt aus der US-amerikanischen Literatur: weiß, wohlhabend, geschieden, kultiviert. Ein Mann, der tat, was getan werden musste, sich in seine Arbeit im Finanzwesen geflüchtet und die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllt hat.

Nun hat er sein Sterben geplant: Mit zwei Zwischenstationen bei seiner Tochter in London und einem Schulfreund aus Frankreich reist er nach Zürich.

Vertraute Erzählmuster als Ausgangspunkt

Diese Reise gibt diesem faszinierenden Roman den äußeren Rahmen; auch das ein vertrautes Erzählmuster. Davids Demenz jedoch erschüttert alles Vertraute, sie verändert das Erzählte und das Erzählen.

Das zeigt sich am deutlichsten in der Erzählperspektive: Wie in ihren vorherigen Romanen erzählt die 1989 geborene Emma Cline auch hier personal: Sehr nah bei David, aber doch mit etwas Abstand zu ihm.

Und sie spielt die Stärken dieser Erzählweise gekonnt aus: Wichtig ist allein, was für David wichtig ist. So braucht er zwar seinen Assistenten Cody dafür, dass die Planung funktioniert und er sein Ziel erreicht. Als Figur aber bleibt Cody schemenhaft.

Vielmehr führt dieser Roman in die eigene Welt eines Demenzkranken. Lange konnte David den Schein des Gesundseins aufrechterhalten, durch Umwege, Ausflüchte, die er sich zurechtgelegt hat: Lächeln. Über Dinge im Raum sprechen, wenn man nicht weiß, wo man eigentlich ist.

Doch zunehmend verliert er diese Fähigkeit, klammert sich an sein Notizbuch, in dem er – möglicherweise – alles Wichtige notiert. In kurzen, aber niemals verwirrenden Absätzen springen Davids Gedanken zwischen der Gegenwart, fragmentarischen Erinnerungen, wiederkehrenden Gedanken, Orientierungsversuchen, Zitaten aus Liedern, Texten.

„Verwirrt. Das war die Sorte von altmodischem Euphemismus. Für das Stottern in Davids Verstand. Diese Zufallswiedergabe anderer verschwundener Dinge – Bilder, Fakten, Namen, bedeutsame und unbedeutende Zeitabschnitte. The quick brown fox. Ich werde alt, Mr Bones. Ha-ha.“

Die Bindung zur Welt verlieren

Mit fast schon beängstigender-hypnotischer Ruhe erzählt Cline, wie Davids Demenz sein Bewusstsein, seine Wahrnehmung zersplittert – dabei korrespondiert dieser Erzählstil mit Davids einst kontrollierter Persönlichkeit. Doch nun entstehen immer mehr Risse, mehr Splitter, David zieht sich stärker in sich selbst zurück, verliert die Bindung zur restlichen Welt.

Das ist teils friedlich, teils bitter-humorvoll– vor allem, wenn David Gegenstände oder Worte missversteht: Das deutsche Wort „Ausfahrt“ klingt für ihn wie „assfart“, also englisch für „Arschfurz“.

Aber Emma Cline spart auch Davids Verzweiflung, seine zunehmende Aggressivität und die körperlichen Veränderungen nicht aus.

„Aber das Leben, das dieses Hotelzimmer umfasste, umfasste auch die an seinen Oberschenkeln getrocknete Scheiße und das eine Mal, als er sich allein und von der hochstehenden Sonne wie betäubt auf einem Parkplatz wiedergefunden hatte, und den Umstand – einen Umstand, den er nie aus dem Gedächtnis verlor –, dass er eines Tages aufhören würde zu schlucken.“

Der Körper würde sich weigern.

Andere lassen sich nicht mehr täuschen

Dieses innere Zersplittern kontrastiert Emma Cline mit Episoden, in denen David auf seiner Reise auf die Gegenwart der Anderen trifft: Das Zusammentreffen mit seiner Tochter Rebecca in einem exklusiven englischen Club, in dem er sich zwar bemüht, dass sie nichts merkt, seine Gedanken aber abschweifen.

Warum ich/warum nicht ich – so gingen manche Leute mit schlechten Nachrichten um. Akzeptieren, dass man eben doch nichts Besonderes war. Rebecca hatte das noch nicht gelernt. Er in gewisser Weise schon.

„Der Fluch hatte ihn ereilt, es war zu spät. Die Vitamine blieben in der Schublade. Er ließ sein Gehirn bei Wörtern abschalten, ohne zu versuchen, sie aufzuspüren.
The quick brown fox, the lazy dog. The lazy – Wie nannte man sie doch gleich, die kleinen Halbgardinen an den Fenstern?“

Oder eine leider unnötige Episode in einer Hotelbar, in der David auf eine Frau – vermutlich eine Prostituierte – trifft. Hier wiederholt Emma Cline nur, was längst klar ist: Dass David nur noch die Versöhnung mit seinem Schulfreund begehrt, sonst nichts und niemanden.

Dieses Gespräch mit dem Schulfreund läutet das starke Ende des Romans ein. Hier zeigt sich noch einmal, wie viel emotionale Kraft in Emma Clines präzise-distanziertem Stil stecken kann. Es gibt keine tränenreiche Vergebung, kein Abschied, kein kitschiges Lebewohl. Nur zwei alte Männer, die sich nichts zu sagen haben.

Kein Roman über Sterbehilfe

Emma Clines trotz einiger Längen beeindruckender und berührender Roman „In die Schweiz“ handelt nicht von dem Für und Wider von Sterbehilfe: Für David steht der Entschluss fest.

Als er am letzten Tag das Gift nimmt, das ihn töten wird, ändert sich für einige Absätze die Perspektive des Erzählens: Aus dem Er wird ein Du – und in diesen Absätzen steckt letztlich die Essenz von Davids Leben, von den kleinen Momente, die wirklich zählen.

Es sind andere als man glauben mag. Denn letztlich erzählt „In die Schweiz“ auch davon, dass niemand ein anderes oder gar sein eigenes Leben jemals vollständig verstehen wird.

Buchkritik Peggy Elfmann – Meine Eltern werden alt

Peggy Elfmann will Angehörigen ganz praktische Hilfen an die Hand geben, wie sich der Alltag mit „alten Eltern“ besser bewältigen lässt.
Rezension von Andrea Gnam

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Buchkritik Einfühlsamer Comic über Demenz: Lika Nüsslis „Vergiss dich nicht“

Als ihre demente Mutter verstummt, hält die Künstlerin Lika Nüssli Szenen aus dem Pflegeheim fest und fragt, was bleibt, wenn Erinnerungen zerfallen.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Buchkritik Volker Kitz – Alte Eltern

Alte Eltern ist ein Thema, mit dem früher oder später die meisten von uns konfrontiert werden. Volker Kitz schildert sehr persönlich den Alltag mit seinem dementen Vater und hat damit einen wertvollen Begleiter für erwachsene Kinder geschrieben, die vor demselben Problem stehen.
Rezension von Margrit Irgang

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Sonja Hartl