Westberlin, 1980
Man kann das neue Buch von Sven Regener so zusammenfassen: zwei Brüder suchen eine Tasche.
Westberlin am 23. Dezember 1980. Frankie und sein älterer Bruder Freddie jagen der verlorenen Tasche hinterher, denn darin sind Freddies Pass und die Flugtickets nach New York, ohne sie kann er seine Reise vergessen. Klingt überschaubar – Sven Regener sieht das etwas anders.
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So viel Action wie ein Indianer-Jones-Film
„Also für mich ist ja nicht weniger Action als in einem Indiana-Jones-Film oder so. Ich meine, die jagen so einer Tasche hinterher mit gutem Grund, entwickeln dabei eine gehörige Paranoia, marodieren dreimal quer durch die Stadt“, beschreibt es der Autor.
Indianer Jones auf Regener Art. Mit dieser irren Regener Syntax: Mäandernden Sätzen, die geradewegs in den Kopf von Frank Lehmann führen, der in dieser Geschichte noch von allen Frankie genannt wird. Immer wenn Frankie zu denken beginnt, entwickeln die Sätze ein Eigenleben, rattern im Takt von einem Gedanken zum nächsten:
„Wieso denke ich immer so einen Scheiß, wenn ich mit meinem Bruder zusammen bin, fragte er sich rhetorisch, denn natürlich wusste er die Antwort ganz genau, weil es eben sein Bruder war und genau dafür ist so ein Bruder ja wohl auch da, dachte er, dass er einen an früher erinnert, als man noch klein war und alles eine große Bedeutung hatte.“
Es geht um viel mehr als die verlorene Tasche
Und genau darum geht es in „Frankie und Freddie“: Was passiert, wenn man mit Anfang 20 versucht, erwachsen zu werden – und neben einem plötzlich wieder der Mensch steht, der einen noch als Kind kennt?
Frankie ist erst seit ein paar Wochen in Berlin. Auch wegen seines großen Bruders ist er überhaupt erst in die Stadt gekommen.
Von Freddie hat er sich ein bisschen Orientierung erhofft – aber Freddie ist angeschlagen, er hat an einer Medikamentenstudie teilgenommen und leidet seitdem unter Panikattacken.
Frankie und Freddie streiten um alles Mögliche
Menschenmengen machen ihm Angst, U-Bahn fahren kann er nicht mehr - und ausgerechnet jetzt will er nach New York, mit einem Künstlerstipendium.
Es geht also um viel mehr als um Freddies Tasche. Frankie und Freddie streiten um alles Mögliche:
„Es geht natürlich darum, dass es so etwas wie Bruderliebe gibt und dass sie versuchen, das auszuloten, wie weit das geht und was das eigentlich bedeutet“, erzählt der Autor.
„Das Interessante, aber auch melancholische an diesem Alter, in dem sie sich befinden, ist, dass da schon die ersten Türen zugeschlagen sind. Man hat schon die ersten Entscheidungen gefällt und sieht zum ersten Mal, welche Tragweite die haben.“
Den Regener-Humor muss man mögen
Melancholisch ist das durchaus. Schwer fühlt sich „Frankie und Freddie“ trotzdem nie an. Vorausgesetzt, man kann mit Regeners sehr spezieller Art von Humor etwas anfangen.
Man muss es komisch finden können, wenn Menschen minutenlang aneinander vorbeireden, sich an einem einzigen Wort festbeißen oder mit größtem Ernst alte Familienrollen verhandeln.
„Freddie! Du bist der Ältere von uns beiden. Ich will gar nicht wieder mit der Große-Bruder-Enttäuschung anfangen, als die du dich immer mehr entpuppst, aber ich will dich mal darauf hinweisen, dass du, wenn du hier einen auf Rad-ab machst, deinem kleinen Bruder nicht gerade ein Vorbild bist.“
„Du redest wie unsere Mutter!“
Die großen Veränderungen im Leben
Sven Regeners Komik ist nicht auf Pointen hin konstruiert. Sie entsteht aus seinen Figuren: aus ihrer Rechthaberei, ihren Missverständnissen, dem Schwirren um vermeintliche Kleinigkeiten – und aus der ungeheuren Ernsthaftigkeit, mit der sie all das betreiben.
„Ich sehe Komik oder eben Humor in solchen Romanen eher als ein Mittel, dass man zwischendurch als Leser wie auch als Autor eine gewisse Distanz gewinnt zu den Gefühlen, mit denen man die ganze Zeit sozusagen belastet ist. Denn wenn man sich da wirklich hineinversenkt in das, was die Leute erleben, ist das teilweise sehr melancholisch“, sagt Regener.
Sven Regener erzählt in „Frankie und Freddie“ von den großen Veränderungen im Leben, indem er ganz genau auf die kleinen schaut.
Dabei sind Frankie und Freddie keine Figuren, die für irgendetwas stehen müssen. Sie dürfen rechthaberisch sein und ungerecht, ängstlich, albern, anstrengend – so viel lustiges, menschliches Gewusel!
„Frankie und Freddie“ ist ein sehr komischer zärtlicher Roman über zwei Brüder – und über all das, was man miteinander ins Erwachsenenleben schleppt.
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