Der Autor im Gespräch

Brückenbauen statt „Traumastriptease“: Don Pablo Mulemba über „Hundeheimat“

Die unbeschwerten 2000er? Journalist und Podcaster Don Pablo Mulemba schreibt in seinem Buch auch von dem Rassismus, den er als Heranwachsender im Osten Deutschlands erlebt hat.

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Stand

Wer bist du in Hundeheimat?

Don Pablo Mulemba wurde 1995 in Eberswalde in Brandenburg geboren. Seine Mutter ist Ostdeutsche, sein Vater kam als Vertragsarbeiter aus Angola nach Deutschland. Sein Vater stellte ihm als Jungen immer wieder die Frage „Wer bist du in Hundeheimat?“.

Hundeheimat sei dabei aber nicht gleichzusetzen mit Deutschland, betont Don Pablo Mulemba. Für ihn stehe sie symbolisch für die großen Fragen rund um Identität, Zugehörigkeit und Rolle innerhalb einer Gesellschaft. Heute würde er seinem Vater antworten: „Ich bin Don Pablo Mulemba, ein ganz normaler Afro-Ossi.“

Die DDR war nicht nur weiß

Die Selbstbezeichnung Afro-Ossi sei keine, die er sich auf die Stirn schreibe, so Mulemba:

„Ich fand es interessant, diesen Begriff in den Diskurs einzustreuen. Mir ist schon so oft zu Ohren gekommen, dass Leute nicht wissen, dass es zu DDR-Zeiten schon seit Jahrzehnten und über Generationen hinweg Menschen aus anderen Ländern, Menschen aus Afrika gab.

„Durch die Verwendung dieses Begriffs wollte ich diese Realität sichtbar machen und auch greifbar machen“, erläutert der Debütautor.

Von wegen Bruderliebe zwischen Bruderstaaten

Don Pablo Mulembas Vater kam als Vertragsarbeiter aus dem damals vom Bürgerkrieg erschütterten Angola in die DDR nach Eberswalde. Ihm wurde versprochen, Luft- und Raumfahrttechnik studieren zu können. Doch vor Ort musste er schnell feststellen, dass er eine billige Arbeitskraft in der DDR ist.

Im großen Stil wurden Menschen wie ihm Möglichkeiten versprochen, die nicht existierten, resümiert Don Pablo Mulemba. Menschen aus vermeintlichen Bruderstaaten wurden nicht aus einem Akt der Nächstenliebe in die DDR geholt, sondern aus „Verwertungszwecken“, bringt es der Autor auf den Punkt.

Rassismus der 90er Jahre

In „Hundeheimat“ schildert Mulemba auch, welche rassistischen, menschenverachtenden Erlebnisse seine Eltern und seine Schwester in Eberswalde der 1990er Jahre durchmachen mussten.

So musste sein Vater unter anderem mit ansehen, wie sein Freund Amadeu Antonio von Neonazis ermordet wurde. Auch seine Eltern und seine jüngere Schwester wurden von Rechtsextremen in ihrer Wohnung bedroht.

Dass er diese Seite seiner Familiengeschichte erzählt, sehe er als Gesprächsangebot. In der Hoffnung, dass die andere Seite, die das nicht erlebt hat, ins Mitfühlen und Nachdenken komme.

Umdeutung von rechts der Baseballschlägerjahre

Bestürzend und brutal sind diese Schilderungen, die Don Pablo Mulemba nicht ausspart. Und sie sind umso wichtiger in einer Zeit, in der eine als gesichert rechtsextreme eingestufte Partei wie die AfD in Sachsen-Anhalt die Deutungshoheit über die Vergangenheit anstrebt.

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, wirbt im Landtagswahlkampf für die Rückkehr zu einem „alten, sicheren Deutschland“ und nennt die 1990er- und 2000er-Jahre als Vorbild für innere Sicherheit und Freiheit. Er möchte nicht, dass der Begriff „Baseballschlägerjahre“ sein positives Bild der 90er Jahre in Frage stellt.

James Baldwin 1969
picture alliance / Captital Pictures | Allan Warren.

Das zeuge von einem großen Maß an Skrupellosigkeit, findet Don Pablo Mulemba. Von James Baldwin habe er im Zuge seiner Recherchen für „Hundeheimat“ diesen Gedanken behalten:

Natürlich könne man an das Gewissen und an die Menschlichkeit der Masse, die nicht von rassistischer Gewalt betroffen ist, appellieren. Aber wenn diese Empathie nicht vorhanden sei, dann gäbe es nichts, woran man appellieren könne.

James Baldwin on how Suffering is a Bridge

Das eigene Leid als Brücke

Ein Interview mit James Baldwin war es auch, das Don Pablo Mulemba davon überzeugte, die diskriminierenden Erfahrungen seiner Eltern und seine eigenen in „Hundeheimat“ aufzuschreiben. Baldwin sagte in einem Gespräch mit der Schriftstellerin Nikki Giovanni:

„Einem wird klar, dass das eigene Leiden einen nicht isoliert. Dass das eigene Leiden die Brücke ist. Dass viele Menschen vor einem gelitten haben, dass viele Menschen um einen herum leiden. Und das wird immer so sein. Und alles, was du tun kannst, ist, hoffentlich ein wenig Licht in dieses Leiden zu bringen.“

Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten

Dieser Gedanke habe Don Pablo Mulemba dazu gebracht, seine rassistischen und diskriminierenden Erfahrungen in seinem Buch zu schildern:

„Nicht um einen mitleiderregenden Traumastriptease abzulegen“, so Mulemba, „sondern, damit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sehen, ich bin gar nicht allein. Da gab es auch schon in den 2000ern jemanden, der Ähnliches durchgemacht hat.“

Sein Wunsch ist es, dass Leserinnen und Leser, sich vielleicht in kleinen Dingen wiederfinden, auch wenn sie nicht Schwarz sind, nicht migrantisch sind oder nicht in Ostdeutschland aufgewachsen sind. Das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten kann zu Solidarisierung führen, so Don Pablo Mulembas Hoffnung.

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Erstmals publiziert am
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Das Gespräch führte
Kristine Hartauer
Gespräch mit
Don Pablo Mulemba