E.T.A. Hoffmann: Vielseitig begabter Schmuddelklassiker
Es gibt Klassiker, die stehen auf einem stabilen Sockel, dem auch die Jahrhunderte nichts anhaben können. Im Zweifelsfall wird der Sockel eher noch höher, Goethe ist so ein Fall und sein Kompagnon Schiller natürlich auch.
Aber dann gibt es die etwas schmuddeligen Klassiker, die mal einen Lauf haben, dann auch wieder nicht. „Klassiker mit Mängeln“, könnte man sagen. Da heißt es dann, sie seien keine guten Stilisten. Schlimmer noch, gerade in Deutschland: „Sie verfassten Unterhaltungsromane“, oder „Sie sind Vielschreiber“.
Solch ein Klassiker ist E.T.A. Hoffmann. Er war vielseitig begabt, er hat geschrieben – Erzählungen, Romane, Musikkritiken –, er hat gezeichnet, er hat dirigiert und komponiert. Und nebenher, müsste man fast sagen, war er ein brillanter Jurist.
Aber wie so oft bei Vielbegabten, setzte er aufs falsche Pferd: Er wollte unbedingt in der Musik reüssieren, auf dem Theater. Mit „Undine“ hat er eine Oper geschrieben, die geblieben ist, aber was heißt das schon in den Zeiten von Mozart und Beethoven?
„Gespenster-Hoffmann“ zwischen Schauerromanen und Dämonen
„Gespenster-Hoffmann“ hat man ihn genannt, und gerade sein düsterer und mäandrischer Schauerroman „Die Elixiere des Teufels“ ist schuld an diesem Spitznamen. Aber die Geister da draußen sind nicht das entscheidende Kriterium, um ein Klassiker zu werden, der uns heute noch angeht. Nein, es sind die Dämonen in einem selbst, die zu großen und modernen Romanen und Erzählungen führen.
Da war einer zerrissen wie die Epoche, in der er lebte. Darum stoßen in seiner Literatur Märchen, Mythen und Träume auf die brutalste Realität.
Gothic Novel | Das Hörbuch liest Peter Lieck Der berühmteste Gruselklassiker der deutschen Literatur: „Die Elixiere des Teufels“ von E.T.A. Hoffmann
Der Mönch Medardus kann dem im Kloster aufbewahrten Teufelselixier nicht widerstehen und wird von finsteren Mächten in Liebeswahn, Ehebruch und Mord getrieben. Das Hörbuch liest Peter Lieck
Der goldene Topf
„Der goldene Topf“ ist vielleicht der berühmteste Text von Hoffmann. Und er beginnt sogleich mit einem Paukenschlag: Der Student und Träumer Anselmus stößt aus Versehen den Korb mit Äpfeln eines alten Marktweibs um. Damit ist das Tor in eine andere Welt geöffnet, in eine gute und in eine böse, was gar nicht immer leicht zu unterscheiden ist.
Unser Held verliebt sich in eine Schlange, die in Wirklichkeit die Tochter des Archivarius Lindhorst ist. Aber was heißt schon in Wirklichkeit? Nur eine steht auf festem Grund, Veronika Paulmann, die am liebsten den Studenten heiraten möchte, vorausgesetzt er reicht ihr zur Frau Hofrätin. Am Ende verlieren alle den Boden unter den Füßen – doch vor allem die Leser und Leserinnen.
Der Sandmann
„Der Sandmann“ ist sicherlich E.T.A Hoffmanns düsterste Erzählung. Einmal mehr zeigt sich, dass die beängstigenden Visionen des verlorenen Helden Nathanael nichts anderes sind als das Ergebnis frühkindlicher Beschädigungen.
Die Traumata treiben ihn in einen Verfolgungswahn, aus dem es kein Entrinnen gibt. Aber wie lässt sich das erzählen? Mit den Mitteln des Briefromans, der auf eine allwissende Stimme verzichtet. Und wer einmal erleben will, wie leicht es ist, dass wir Menschen uns in eine Maschine verlieben, der wird hier fündig. Denn es braucht nur ein Wort, das die Liebe entzündet: „Ach“
Meister Floh
Der „Meister Floh“ ist die politischste Erzählung Hoffmanns. Wieder in preußischen Staatsdiensten musste Hoffmann die deutschnationalen Unruhe-Herde identifizieren, die sich nicht mit der Restauration in Preußen zufriedengeben wollten.
Das hat er literarisch verarbeitet. In seinem wilden Text geht es um Gedankenpolizei, um spezielle Überwachungstechniken und vor allem aber um einen paranoiden Staat.
Lebens-Ansichten des Katers Murr
Sein später Roman „Lebens-Ansichten des Kater Murr“ lässt eine eitle Katze zu Wort kommen. Aber da das Tier die Biografie eines Musikers als Unterlage benutzt, ohne die Seiten ordentlich zu sortieren, kommt am Ende alles durcheinander. So lesen wir zwei Bücher in einem.
E.T.A. Hoffmann hat mal so nebenbei die Postmoderne erfunden, bevor die Moderne überhaupt richtig auf dem Weg war.