Routine? Von wegen! Wenn die ersten Vorschauen für die neuen Literaturprogramme eintreffen, steigt auch in der SWR Kultur Literaturredaktion die Spannung.
Was gibt es zu entdecken? Hat einer der Lieblingsautorinnen oder -autoren ein neues Buch geschrieben? Auf wen sollte man bei den kommenden Preisvergaben auf jeden Fall wetten? Welches Buch könnte für einen Skandal sorgen? Und was machen die Debütantinnen und Debütanten? Welchen Themen und gesellschaftlichen Strömungen spüren sie nach?
Wir haben in der Adventszeit durch die Frühjahrsvorschauen geblättert – und werfen einen Blick auf zehn Titel, die uns erwähnenswert erscheinen. Eine rein subjektive Auswahl, versteht sich, denn: Entdeckungen gibt es auch 2026 überall zu machen.
- Navid Kermani: Sommer 24
- Tomer Gardi: Liefern
- Norbert Gstrein: Im ersten Licht
- Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit
- Nadine Schneider: Das gute Leben
- Josef Winkler: Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht
- Siri Hustvedt: Ghost Stories
- Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte
- Elizabeth Strout: Erzähl mir alles
- Elfriede Jelinek: Unter Tieren
Navid Kermani: „Sommer 24“
Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von 2015 wechselt zwischen den Extremen: „Das Alphabet bis S.“, Navid Kermanis 2023 erschienener Roman, erzählt aus der Perspektive einer Frau, war ein 600-seitiges Werk, das Themen wie Krieg und Geschlecht mit den Lektüren der Protagonistin verband.
Mit „Sommer 24“ lässt Kermani nun einen schmalen, gerade einmal 160 Seiten umfassenden Roman folgen. Kermani schreibt darin über ein Gefühl der allgemeinen Auflösung und Krisenhaftigkeit.
Diverse politische und private Ereignisse kulminieren innerhalb kurzer Zeit, eben im Sommer 2024: Auf der Welt toben die Kriege, die immer näher zu kommen scheinen. Die Debattenkultur im Land wird zunehmend härter und absurder. Und ein guter Freund des Erzählers nimmt sich das Leben.
Navid Kermani verdichtet die aufgeheizte Stimmung zu einer Momentaufnahme einer widersprüchlichen Gegenwart.
Tomer Gardi: „Liefern“
Die einen halten den 1974 in einem Kibbuz in Galiläa geborenen Tomer Gardi für eine Art von Literaturclown. Die anderen für einen großen Schriftsteller. Vielleicht gibt es ja auch eine Schnittmenge. Gardi lebte mit seinen Eltern für drei Jahre in Wien; dort lernte er Deutsch sprechen, aber seine Schriftsprache wurde das Deutsche nie.
Aus dieser Kombination ist „Broken German“ entstanden; das Buch, das Gardi im Jahr 2016 zu einem Kultautor machte. Für den Nachfolger „Eine runde Sache“ wurde Gardi mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Nun kommt „Liefern“.
Der Roman erzählt von Filmon, der von Eritrea nach Tel Aviv geflüchtet ist und dort als einer jener Essenslieferanten arbeitet, wie sie täglich in Massen durch die Innenstädte der Welt flitzen. Filmon braucht Geld, um seiner Frau und seiner Tochter nach Berlin nachzureisen.
Tomer Gardi hat drei Jahre lang für seinen Roman recherchiert. Das Buch ist in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Anne Birkenhauer entstanden, die auch die auf Hebräisch geschriebenen Passagen übersetzt hat.
Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“
Der Tiroler Norbert Gstrein, der schon seit einigen Jahren in Hamburg lebt, ist einer der elegantesten Stilisten unter den deutschsprachigen Autoren überhaupt.
Gstreins gewundene, durchrhythmisierte und stets wohlklingende Sätze haben etwas verführerische Einlullendes – so dass man oft erst im Nachhinein bemerkt, welche Ungeheuerlichkeiten der Autor seinen Lesern hin und wieder unterjubelt.
Gstreins Figuren sprechen, um etwas zu verschleiern und werden dadurch kenntlich. 2022, nach dem Abschluss einer Trilogie, für deren ersten Teil „Als ich jung war“ Gstrein mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet wurde, hatte der Österreicher eigentlich eine Schreibpause angekündigt. Doch auch in dieser Hinsicht darf man Gstrein nicht trauen.
Mit „Im ersten Licht“ erscheint nun ein 400-Seiten-Roman, in dem Gstrein neu ansetzt: Die Hauptfigur ist im Jahr 1901 geboren, und Gstrein begleitet sie durch das Jahrhundert, durch Krieg und Frieden, Kaiserreich und Diktatur – bis Adrian, so heißt der Mann, schließlich unter dem Bild eines Engels zu sitzen kommt.
Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“
Mit ihrem atmosphärisch schwebenden Roman „Daheim“ hat Judith Hermann sich im Jahr 2021 noch einmal neu erfunden; sich gelöst vom Image des sphärisch entrückten Literaturwunders, das ohnehin stets nur eine Medienerfindung war.
2022 hielt Judith Hermann die Frankfurter Poetikvorlesungen, und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass „Wir hätten uns alles gesagt“ (so der Titel) ein Höhepunkt der traditionsreichen Veranstaltungsreihe war – eine brillante Selbstauskunft, die kein Geheimnis preisgab.
In „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ folgt Judith Hermann nun den Spuren ihres Großvaters, der im Zweiten Weltkrieg als Mitglied der SS in Polen stationiert war. Sie recherchiert dessen Geschichte und erkundet die Wirkmacht dieser paradigmatischen Figur für die nachfolgenden Generationen: Das Schweigen, das Verdrängen.
Also eigentlich ohnehin: ein klassischer Judith-Hermann-Stoff.
Nadine Schneider: „Das gute Leben“
Nadine Schneider wurde 1990 als Tochter rumäniendeutscher Eltern geboren. Mit „Drei Kilometer“ und „Wohin ich immer gehe“ hat Schneider im österreichischen Jung und Jung Verlag zwei schmale, sprachlich finessenreiche und hochkonzentrierte Romane über das Leben und Freiheitsstreben in der Endzeit des Ceaușescu-Regimes geschrieben.
Nun ist Nadine Schneider mit ihrem dritten Roman zum S. Fischer Verlag gewechselt und weitet den Blick: „Das gute Leben“ ist ein Roman über mehrere Generationen, der die Themen Flucht und Neuankommen aus der Perspektive der Nachkommen erzählt.
Christina, die Ich-Erzählerin, erbt das kleine Haus ihrer Großmutter Anni in der Nähe von Nürnberg. Dort ist Christina aufgewachsen, und Christina rekonstruiert den Weg ihrer Mitte der 1960er-Jahre aus Rumänien nach Deutschland gekommenen Vorfahrin. Ist es da, was Anni gesucht hat: „Das gute Leben“ im Wirtschaftswunderland?
So lesen Sie mehr im neuen Jahr!
Josef Winkler: „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“
„Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe“ – so lautete der Titel des letzten großen Prosatextes des aus Kärnten stammenden Büchnerpreisträgers von 2008. Das war vor sieben Jahren. Es wurde also Zeit für ein neues großes Buch.
Es sind die großen Themen, um die Winklers litaneienhafte Sprache geradezu manisch kreist: Familie, Katholizismus, nationalsozialistische Vergangenheit und immer wieder der Tod in all seinen Erscheinungsformen. Dem Vater, der im Alter von 99 Jahren gestorben ist, hat Winkler in seinem Buch „Roppongi“ ein literarisches Requiem geschrieben.
Der neue Roman ist seiner fünf Jahre älteren Schwester gewidmet. In der gemeinsamen Kindheit auf dem Bauernhof hat sie sich um den rebellischen Bruder gekümmert. Später verlässt sie das Elternhaus, unternimmt einen Suizidversuch und kehrt zurück in ihr Elternhaus.
Da hat der Bruder soeben sein erstes Buch veröffentlicht und damit einen Skandal provoziert. Das Dorf, die Gewalt, die Kraft der Buchstaben – Winkler schreibt ein solitäres Werk fort.
Siri Hustvedt: „Ghost Stories“
Sie waren eines der großen, gemeinsam produktiven und wirklich bedeutenden Intellektuellen-Paare der Gegenwart: Die Schriftstellerin Siri Hustvedt und ihr Ehemann Paul Auster. Auster ist im April 2024 in Brooklyn gestorben, kurz nachdem er seiner großen Leserschaft seinen tief berührenden letzten Roman „Baumgartner“ hinterlassen hat.
Als Paul Auster im Sterben lag, so erzählt es Siri Hustvedt, habe er zu ihr gesagt, er wolle ein Geist werden. Und eben diese ständige Präsenz hat Auster in ihrem Leben entwickelt. Sie trägt seine Jacke, liest seine Bücher.
Und sie hat mit „Ghost Stories“ ein Buch geschrieben, in dem sich Trauerarbeit, Erinnerung und eine tief empfundene Liebe miteinander verbinden. Und: In Briefen, die Paul Auster an seinen wenige Monate vor seinem Tod geborenen Enkel Miles geschrieben hat, kommt der Geist gewordene Auster sogar selbst zu Wort.
Jacqueline Harpman: „Ich, die ich die Männer nicht kannte“
Die belgische Schriftstellerin Jaqueline Harpman starb 2012 im Alter von 82 Jahren. Ihr 1995 publizierter Roman „Ich, die ich die Männer nicht kannte“ wird nun in einer Neuübersetzung veröffentlicht und sorgte in diesem Jahr bereits für große Aufregung in den sozialen Medien und bei feministisch lesenden BookTok-Influencerinnen.
Harpmans Roman ist die Schilderung einer unheimlichen und gewaltvollen Situation: 40 Frauen werden in einem unterirdischen Gefängnis festgehalten. Die Erinnerung daran, wie sie dorthin gekommen sind, ist gelöscht. Was oben in der Welt geschehen ist, seit man sie gefangengenommen hat, wissen sie nicht.
Beaufsichtigt werden sie von sechs Männern in Uniformen, die nicht sprechen und eines Tages auf ein Alarmsignal hin verschwinden. Die Tür nach draußen steht offen. Eine der Gefangenen, ein junges Mädchen, das sich abseits der anderen gehalten hat, wagt den ersten Schritt in die vermeintliche Freiheit.
Ein Buch, das mit Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ in einem Atemzug genannt wird.
Elizabeth Strout: „Erzähl mir alles“
Erinnern wir uns an die Corona-Pandemie. Ungern, versteht sich. Elizabeth Strout, Jahrgang 1956, Schriftstellerin mit großer Fangemeinde und Expertin für die feinen Zwischentöne des menschlichen Zusammenlebens, hat immerhin im Jahr 2022 einen ausgesprochen gelungenen Corona-Roman geschrieben: „Am Meer“.
Darin überredet William Barton seine Ex-Frau Lucy, die noch immer eine enge Vertraute ist, New York zu verlassen und sich in ein einsames Haus in Maine zurückzuziehen. Dort werden die beiden, er knapp über, sie knapp unter 70, wieder ein Paar. Die Erde, denkt Lucy am Ende, ist schrecklich. Und sie ist schön.
Selbst eine derartige Einsicht hat bei Elizabeth Strout nichts Peinliches. Nun geht es weiter mit den beiden, einige Jahre später, in „Erzähl mir alles“.
Sie haben sich endgültig in Maine niedergelassen. Crosby heißt der Ort. Dort lebt auch Strouts berühmteste Romanheldin Olivia Kitteridge in einem Altersheim. Die beiden Frauen freunden sich an. Eine Idylle ist dieses Leben trotzdem nicht.
Das merkt man bei Strout nicht immer sofort. Wer allerdings ihren charakteristischen Plaudertonfall unterschätzt, geht ihr auf den Leim.
Elfriede Jelinek: „Unter Tieren“
Jelinek ist zurück, und das ist erst einmal immer eine gute Nachricht. Im August 2026 wird bei den Salzburger Festspielen in Kooperation mit dem Wiener Burgtheater Elfriede Jelineks neues Theaterstück „Unter Tieren“ uraufgeführt.
Die Literaturnobelpreisträgerin folgt darin, so wird es versprochen, der Spur des Geldes und erzählt die Geschichte der Menschheit aus der Perspektive von Tieren. Mit Sarkasmus und wachsendem Unverständnis betrachten Kühe, Schweine, Tauben oder auch das Lamm Gottes das selbstverschulde Unheil und die drohende Apokalypse.
Schuld an alldem: der Kapitalismus. Doch den Weltuntergang wird wohl auch der ungebremste Finanzmarkt nicht verhindern. Knapp zwei Monate vor der Uraufführung erscheint „Unter Tieren“ als Text.