Zwischen Sinnsuche und Versuchung
„Die Macht der Radikalisierung aus dem Zuhause heraus – das wird uns noch beschäftigen“, sagt Autorin Hannah Lühmann im Gespräch im SWR Kultur „lesenswert Magazin“.
Ihr neuer Roman „Heimat“ und Caroline Schmitts „Monstergott“ erzählen von Figuren, die in Krisen geraten – und darin nach Halt und Bedeutung suchen. Beide Bücher öffnen den Blick auf Welten, die abgeschottet scheinen, aber viel über unsere Gegenwart verraten.
Von fremden Welten ins Herz der Heimat Neue Bücher von Ursula K. Le Guin, Hannah Lühmann, Caroline Schmitt, Clara Heinrich, Natascha Wodin und Christoph Wagner
Von Ursula K. Le Guin bis Clara Heinrich: Geschichten über Freiheit, Fürsorge und Erinnerung. Und: Ein Blick auf die Rockjahre im Südwesten.
Verloren im Vorort
In „Heimat“ beschreibt Lühmann das Leben der jungen Mutter Jana, die in ein Neubaugebiet zieht und dort zunehmend den Halt verliert. Ihre Ehe kriselt, den Job hat sie gekündigt, sie ist schwanger mit dem dritten Kind.
Da taucht Karolin auf: Selbstbewusst, makellos, aktiv auf Instagram. Sie verkörpert das Ideal der sogenannten Tradwife: der traditionellen Hausfrau, die sich ihrem Mann unterordnet und das Heim zur Bühne macht.
Fasziniert von dieser vermeintlichen Geborgenheit gleitet Jana in ein Weltbild, das sich langsam politisch und ideologisch verdichtet. Lühmann erzählt, wie subtil rechte Ideologien im Gewand familiärer Sehnsucht auftreten – als trügerische Antwort auf Einsamkeit und Sinnsuche in einer digitalisierten Welt.
Glauben, Zweifel, Identität
Caroline Schmitt führt in „Monstergott“ in eine andere Parallelwelt – die einer evangelikalen Freikirche. Die Geschwister Esther und Ben wachsen in einer Gemeinschaft auf, die klare Grenzen zieht: Gut und Böse, Mann und Frau, Himmel und Hölle.
Als sie beginnen, diese Dogmen zu hinterfragen, geraten sie in Konflikt mit ihrem Glauben und mit sich selbst. Schmitt, selbst in einer Freikirche groß geworden, erzählt, wie spirituelle Gewissheiten kippen können, wenn Zweifel zugelassen wird.
Zwei Seiten derselben Gegenwart
Ob im Speckgürtel oder in der Glaubensgemeinschaft – beide Autorinnen erkunden, wie Ideologien Sinnversprechen liefern, wo Gesellschaft und Moderne Halt verlieren. „Heimat“ und „Monstergott“ sind Romane über Identität, Sinnsuche in einer digitalisierten Welt und die gefährliche Versuchung klarer Wahrheiten.
„Ich glaube nicht, dass die Leute das trotz der Radikalität faszinierend finden – sondern wegen der Radikalität“, sagt Lühmann.
Ein Satz, der bleibt.
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