Buchkritik

Warum der Osten Schluss macht – Jana Hensel zieht eine schonungslose Bilanz

Warum wächst die Enttäuschung im Osten? Jana Hensel findet in „Es war einmal ein Land“ Antworten, die wehtun: verpasste Chancen, westdeutsche Arroganz und ein Gefühl der Missachtung.

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Von Autor/in Oliver Pfohlmann

Die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl waren für viele ein Schock, auch für Jana Hensel. Entsetzt sah die bekannte Journalistin, wie sich die ostdeutschen Bundesländer nun tiefblau färbten. Das Blau der AfD, das auch im Westen immer stärker wird.

Hensel stammt aus Borna bei Leipzig, ist Jahrgang 1976. Die legendären Leipziger Montagsdemos erlebte sie als Teenagerin mit ihrer Mutter; sie erinnert sich gut an die damalige Aufbruchsstimmung und Euphorie. 

Ungemütliche Antworten und Aussichten 

Heute lebt Jana Hensel in Berlin und schreibt für jene großen Zeitungen, die von vielen im Osten als „Lügenpresse“ verachtet werden. Sie glaubt, wie sie betont, fest an die parlamentarische Demokratie – und weiß inzwischen gar nicht mehr, ob sie ihre ostdeutschen Landsleute überhaupt noch versteht.

Oder für sie sprechen respektive schreiben darf. Was nur läuft im Osten so falsch, dass die Anti-Demokraten der AfD einen solchen Zulauf haben? Das versucht Jana Hensel herauszufinden. „Es war einmal ein Land“ ist ein ebenso verstörendes wie erhellendes Buch mit ungemütlichen Antworten und Aussichten.

Gleich zu Beginn konfrontiert sie ihre Leser mit einer schonungslosen Diagnose. Sie vergleicht das Verhältnis der Ostdeutschen zur bundesrepublikanischen Demokratie mit einer gescheiterten Liebesbeziehung:  

„Jene Ostdeutsche, die heute AfD wählen, sind im Begriff zu gehen. Es ist eigentlich ganz einfach. Sie machen Schluss. Sie trennen sich. Sie glauben nicht länger an die Beziehung und sagen deshalb: Es ist vorbei. Es bringt nichts mehr. Und sie tun das, weil ihnen der Abschied offenbar nicht mehr weh tut.“ 

Jana Hensel
Jana Hensel

Westdeutsche Empathielosigkeit und ostdeutsche Verletzlichkeit 

Im ersten Teil ihres Buches erzählt Jana Hensel noch einmal die Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands, aber aus ostdeutscher Perspektive. Es ist eine Geschichte, die gerade Leser aus dem Westen betroffen macht:

mit vielen Aufs und Abs, mit Missverständnissen, enttäuschten Erwartungen und Demütigungen, mit westdeutscher Empathielosigkeit und ostdeutscher Verletzlichkeit.

Für Jana Hensel war es im Rückblick vor allem Gerhard Schröders Agenda 2010 mit den Hartz-Reformen, die das Verhältnis der Ostdeutschen zur Demokratie nachhaltig beschädigt haben.

Nicht nur, dass ihre Lebensleistung vom Westen nie wirklich anerkannt worden sei, nun mussten sie sich anhören, sie hätten es sich in der „sozialen Hängematte“ gemütlich gemacht. 

Der Abschied eines Teils der Ostdeutschen von der Demokratie beginnt also wesentlich früher als angenommen. Und er lässt sich im Nachhinein in eine passive und eine aktive Phase teilen.

„Die passive besteht darin, dass immer weniger Menschen im Osten nach 2005 an Wahlen teilnehmen – und erst dann wieder ihre Stimme abgeben, als sich ihnen eine neue politische Alternative jenseits des demokratischen Parteienspektrums bietet.“ , schreibt Hensel.

Angela Merkels Flüchtlingspolitik 2015 wäre dann nur der Auslöser zu einer Art Aufstand gewesen, angefacht von den Rechtspopulisten. Mit ihnen sei die ostdeutsche Wählerschaft eine, Zitat, „gefährliche Notgemeinschaft“ eingegangen.

Eine „gefährliche Notgemeinschaft“ 

Im zweiten Teil ihres Buches spricht Jana Hensel mit wichtigen politischen Akteuren wie AfD-Vize Tino Chrupalla oder Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Und mit Menschen, die irgendwann nach rechts abgedriftet sind wie den ehemalige Tagesschau-Redakteur Alexander Teske.

Aber auch mit jenen, die sich dem Rechtsruck im Osten entgegenstellen, wie der Erfurterin Katja Wolf vom BSW, die die Menschen mit dem Motto „Ich kümmere mich“ zu überzeugen sucht.  

Jana Hensel glaubt, dass eine AfD-Regierung für die Menschen in Ostdeutschland am Ende nur eine weitere Enttäuschung bereithalten wird. Und dass das Zweckbündnis daher eines Tages endet. Das wäre die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass niemand weiß, was bis dahin alles kaputtgegangen sein wird.

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