Zwischen Begabung und System
In ihrem Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ erzählt Helene Bukowski die Geschichte der jungen Pianistin Christina, die in der DDR an einer Spezialschule zur Hochleistung ausgebildet wird.
Der Drill, das tägliche stundenlange Üben: All das formt ein Leben, das früh unter enormem Druck steht. 1985 nimmt sich Christina mit Anfang zwanzig das Leben.
Bukowski stieß über den Nachlass – vor allem Briefe – auf diese Biografie und rekonstruierte daraus literarisch ein Dasein.
Die Musikschule erscheint dabei als widersprüchlicher Ort: Raum der Begegnung und zugleich ein System, das das Spielerische der Kunst zugunsten von Disziplin verdrängt.
lesenswert Magazin Neue Bücher von Helene Bukowski, Son Lewandowski, Anja Gmeinwieser, Marina Vujčić und Clara Leinemann
Zum Internationalen Frauentag am 8. März widmen wir das SWR Kultur lesenswert Magazin Romanen und Autorinnen, die gegen strukturelle Gewalt und Machtmissbrauch anschreiben.
Eine Stimme im Du
Formal wählt Bukowski eine ungewöhnliche Perspektive: Die Erzählerin spricht Christina im Du an, sie überbrückt damit die Jahrzehnte und füllt Leerstellen. Diese Nähe sei aus dem Wunsch entstanden, „an ihrer Seite zu stehen“, sagt die Autorin.
Das Du eröffne Freiheit – auch gegenüber dem dokumentarischen Material – und setze der historischen Einsamkeit eine literarische Gegenwart entgegen.
Zugleich zeigt der Roman die familiären Verstrickungen: Ein Vater, der eigene gescheiterte Träume in der Tochter fortschreibt, verstärkt den Druck. Bukowski deutet zudem an, dass eine mögliche Prämenstruelle Dysphorische Störung Christinas seelische Krisen verschärft haben könnte.
Schreiben nach der DDR
Als 1993 geborene Autorin ohne eigene DDR-Erfahrung versteht Bukowski ihr Schreiben auch als Perspektivwechsel. Sie knüpft an Autorinnen wie Christa Wolf und Brigitte Reimann an, setzt ihrem Roman ein Zitat aus „Franziska Linkerhand“ voran und sucht das literarische Gespräch über Generationen hinweg.
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, steht ihr Buch neben Werken von Anja Kampmann, Elli Unruh, Katerina Poladjan und Norbert Gstrein.
Bukowski wünscht sich, dass Leserinnen und Leser Christinas Geschichte nicht nur als DDR-Roman begreifen, sondern als Anstoß, Einsamkeit wahrzunehmen und einander aufmerksamer zu begegnen.
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