Wir schreiben das Jahr 2026. Endlich ist die Menschheit zur Vernunft gekommen. Nationalstaaten gibt es nicht mehr, dafür eine sogenannte Weltrepublik, stolzer Garant eines ewigen Friedens, für dessen Sicherung es nur einiger tausend Polizeiroboter bedarf.
Ebenso überwunden sind Hunger und Ungerechtigkeit: In der Zukunftsgesellschaft, die Tatsuzō Ishikawa 1953 vorhersagte, bekommt einfach jeder den gleichen Anteil an den Ressourcen. Was übrigens niemanden stört, schließlich gibt es auch keinen Individualismus mehr. Entsprechend zufrieden wirkt der Bericht eines namenlosen Reporters:
Die Menschen (…) tragen ausnahmslos modische Kleidung. Ihre Gesichter wirken sorglos und zufrieden, Liebespaare schlendern Arm in Arm. Alle haben ein glattes Antlitz, denn sie leben in einer glückverheißenden Republik, in einer Utopie ohne Kummer (…), wo alle Wünsche wahr werden.
Roman aus Zeitungsberichten und Interviews
Tatsächlich besteht Ishikawas nun erstmals auf Deutsch zu lesender Roman „Die letzte Utopie“ ausschließlich aus Agenturmeldungen, Reportagen und Interviews aus der ganzen Welt. Erzeugnisse der klassischen Medien Zeitung und Radio also; so etwas wie Social Media war in den 50ern wohl unvorstellbar.
Anstelle einer Hauptfigur gibt es etwa 20 Personen, deren Schicksale sich in diesen Artikeln spiegeln. Das macht die Lektüre anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, entwickelt aber bald schon einen ganz eigenen Reiz. Vor allem dann, wenn sich immer mehr Risse im Gefüge dieser sich überlegen glaubenden Weltrepublik zeigen. Und wenn den Reporterstimmen dafür immer weniger beruhigende Erklärungen einfallen.
Ein Optimist war der 1985 verstorbene japanische Schriftsteller Tatsuzō Ishikawa also durchaus nicht, im Gegenteil. Vielmehr erweist sich die aufpolierte Welt seines satirischen Zukunftsromans als Hort der Unfreiheit, Konformität und Dekadenz.
Und zudem als ausgesprochen fragil: Tausende Menschen nehmen sich allein aus unerwiderter Liebe zu einem Opernstar das Leben. Am Ende wird es der Gesang einer Ziegenhirtin aus den Wäldern von Sachalin sein, der zum Zerfall der Weltrepublik und sogar zur Selbstauslöschung der Menschheit führt.
Rundfunk Manila antwortet nicht.
Rundfunk Kairo antwortet nicht.
Rundfunk Santiago antwortet nicht.
Fehlerhafte menschliche Natur
Der Fehler, zeigt Ishikawas Roman, liegt nicht im politischen System, sondern in der menschlichen Natur selbst, allem gesellschaftlichen Schein zum Trotz. Beispiel Rassismus, der in dieser Welt natürlich auch als überwunden gilt.
Aber eben nur so lange, bis in den Medien publik wird, dass in den ehemaligen Südstaaten der USA Arbeits-Roboter mit schwarzer Hautfarbe produziert werden, offenkundig eine Verhöhnung der Afroamerikaner, woraufhin ein Schwarzer Roboterfabrikant weiße Roboter herstellt.
Die Folge ist eine Welle von Hassverbrechen, mit der ein General, verantwortlich für die Sicherheit der Weltrepublik und ironischerweise deutschstämmig, auf seine Weise umgehen will:
Es gibt nur eine einzige Lösung: Farbige und Weiße sollten sich unerbittlich bekämpfen, bis eine Partei vernichtet ist. Sonst wird das Problem für immer bestehen bleiben.
Parallelen zu „Schöne neue Welt“
Wer genau hinsieht, entdeckt also durchaus Parallelen zwischen Ishikawas Zukunftswelt und unserer Gegenwart. Vergleicht man den Roman mit den beiden klassischen Dystopien, George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, so hat Ishikawas utopische Weltrepublik mit ihren Lifestyledrogen und sinnentleertem Konsumismus mehr mit letzterer gemein.
Zumal ja auch bei Huxley ein edler Wilder eine kulturlose Massengesellschaft konfrontierte. Der Entdecker der singenden Ziegenhirtin Anna, George Hamada, sieht es so:
Unsere Republik ist wirklich in einem makellosen Zustand, ohne jegliche Mängel in der Zivilisation. Aber der Mensch bleibt nun mal Mensch, im Grunde gehört er immer noch der Tierwelt an. Das kultivierte Leben hat mich inzwischen etwas ermüdet. Als ich Annas Gesang hörte, erwachte in meinem Inneren das Gemüt meiner Vorfahren, ihre Emotionen und ihre Leidenschaft. In mir entstand Sehnsucht nach Wildheit, die in der Zivilisation in mir erloschen war.
Leidenschaftliche Roboter und queere Cocktails
Hamada ist ein Ingenieur, der Roboter mit Moralsystem entwickelt. Ohne die Millionen menschenähnlicher Roboter, die den Menschen die Arbeit abnehmen, wäre diese fröhliche Weltgesellschaft gar nicht möglich. Unsere Bequemlichkeit, lautet eine Botschaft von Ishikawas Roman, lässt uns über kurz oder lang lebensuntauglich werden.
Und so wie heutzutage längst über die Rechte von Künstlicher Intelligenz nachgedacht wird, fordern in Ishikawas Romanwelt gutmeinende Aktivisten die Gründung von Robotergewerkschaften zum Schutz vor Ausbeutung, vorbeugend sozusagen.
Unsere Roboter mögen ausdruckslos wirken, wir können ihre Gedanken nicht lesen, und dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass auch sie insgeheim aufwieglerische Gedanken hegen. (…) Genauso wie die Arbeiter des 19. Jahrhunderts sich aus der Herrschaft der Bourgeoisie befreiten.
Hormone und Sexualität
Nur dauert es nicht lange, und ein fataler Nebeneffekt der Roboter mit Moral wird sichtbar: Sie können sich verlieben, und zwar mit einer rasenden Leidenschaft, die Frauen von der Männerwelt gar nicht mehr gewöhnt sind.
Sexualität und Fortpflanzung sind in Tatsuzō Ishikawas Romanwelt die Bereiche, in denen sich für den japanischen Autor die Lebensuntauglichkeit dieser glückstrunkenen Weltgesellschaft am offensichtlichsten zeigt: Neue Hormone zum Beispiel versprechen eine stark verkürzte Schwangerschaft, sehr zur Freude der Frauenwelt, auch um den Preis von Babys mit Hasenscharten.
Und weil Heterosex aus der Mode gekommen ist, trinken viele Menschen lieber Hormoncocktails, die ihre sexuelle Orientierung aufs eigene Geschlecht festlegen.
Verhängnisvolle Bequemlichkeit
Zugegeben, es gibt etliche Stellen im Roman, die auf ein verstaubtes Geschlechterbild Ishikawas schließen lassen. Und irritierend für das heutige Publikum sind auch Wörter wie „Mischlingsmädchen“ oder „farbige Menschen“. Mehr noch als ein Kind seiner Zeit war der japanische Autor aber ein Kritiker von Moderne und technologischem Fortschritt.
Vieles hat Tatsuzō Ishikawa in „Die letzte Utopie“ vorhergesehen: den Boom der Reproduktionsmedizin zum Beispiel, den Hype um Langlebigkeit oder die Debatte um geschlechtliche Selbstbestimmung.
Und egal, wie man zu diesen Fragen steht, eine faszinierende und fesselnde Lektüre bietet Ishikawas Roman in jedem Fall: Weil seine Dystopie mit schmerzhaftem Humor und staunenswerter Konsequenz die Frage nach dem Verhältnis von Individualität und Kollektivität stellt. Und die nach dem Preis für all die Annehmlichkeiten eines modernen Lebens. Und diese Fragen sind heute aktueller denn je.
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