Transgenerationales Trauma einer Familie

Lina Schwenks Romandebüt „Blinde Geister": Gefangen in den Schrecken der Zeitgeschichte

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten Angst und Schrecken vielfach fort. Von einer Familie im Ausnahmezustand der transgenerationalen Traumatisierung erzählt Lina Schwenk in „Blinde Geister".

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Von Autor/in Eberhard Falcke

Zwei Dinge spielen im Familienleben von Karl und Rita eine ganz besondere Rolle: der Keller und ihr VW-Bus. Im Keller suchen sie mit ihren Töchtern Martha und Olivia Schutz vor dem Angriff von Feinden, namentlich den Russen. Im VW-Bulli dagegen suchen sie das Weite, er gestattet ihnen die Flucht aus der von Angst erfüllten Enge ans Meer. 

In den Köpfen ist der Krieg noch nicht zuende 

Zwar ist der Zweite Weltkrieg längst vorbei, man schreibt die sechziger Jahre, aber die Ängste, die Karl aus dem Krieg mitgebracht hat, sind noch lebendig und er hat Frau und Töchter damit angesteckt. Als transgenerationale Traumata sind solche „Gefühlserbschaften", wie Sigmund Freud das nannte, zunehmend ins öffentliche Bewusstsein getreten.

Von einem solchen Fall handelt Lina Schwenks Debütroman „Blinde Geister". Wenn die Großmutter namens Fritzchen zu Besuch kommt, wird auch die Enkelin Olivia von den Schrecken der Vergangenheit in Bann geschlagen. 

Mir bleibt nichts anderes übrig, als zuzuhören. Sie erzählt von früher, vom Krieg, von etwas so Grausamem, das ihr wirklich passiert ist. Als Familie etwas war, das verging. Ich greife ihre Hand und halte mich fest. 

Familiäre Nähe hautnah beschrieben 

Das kleine Ensemble von Romanfiguren ist eine Familie im fortwährenden Ausnahmezustand. Umso näher rücken sie zusammen, halten sich aneinander fest, streicheln sich, suchen die körperliche Nähe und es ist diese Nähe, die den Erzählstil bestimmt.

Wie in mikroskopischer Vergrößerung arbeitet die Autorin die Berührungen, Gesten, das ganze Feingewebe des familiären Miteinanders heraus. 

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Paramilitärische Übungen im Turnunterricht 

Eingerahmt von Prolog und Epilog, die den zwischen Todesangst und Lebenslust schwankenden Befindlichkeiten der Eltern gewidmet sind, blickt die Tochter Olivia zurück auf die Stationen ihres eigenen Lebenslaufs:

Von den Stunden im Keller während politischer Krisenzeiten, von dem Lehrer, der den Turnunterricht in paramilitärische Übungen verwandelte, über ihre Zeit in der Psychiatrie bis hin zur Ehe mit Paul, aus der die Tochter Ava hervorging, die durch den russischen Überfall auf die Ukraine ihrerseits mit den aktuellsten Kriegsängsten konfrontiert wird.

In ihrem Beruf als Krankenschwester sind für Olivia die alten Zwangsvorstellungen fast schon zu einer alltäglichen Phantasie geworden. 

In letzter Zeit macht es mir am meisten Spaß, im Krankenhaus über die Gänge zu streichen, als wäre ich in einem Lazarett. Ich stelle mir vor, ich sei die letzte verbliebene Schwester, die Alliierten nahten, und ich müsste meine Patienten in einen versteckten Keller bringen.

Was der Stress von Krieg und Krisen anrichtet 

Die subjektive Erzählperspektive der psychisch labilen Olivia, die erst langsam im Leben Tritt findet, bestimmt den größten Teil des Romans. Der damit verbundene Verzicht auf auktoriale oder begriffliche Deutungen des Geschehens erzeugt eine intensive, beklemmende Atmosphäre, wirkt aber nicht immer leicht durchschaubar.

Als individuelle Fallgeschichte einer traumatischen Belastungsstörung funktioniert das sehr gut. Mit einem kollektiven Stimmungsbild der Nachkriegsjahrzehnte darf man das allerdings nicht verwechseln.

Ganz gewiss aber erinnert „Blinde Geister" eindringlich daran, was der zeithistorische Stress von Krieg und Krisen in den Seelen der Menschen anrichten kann, damals wie heute. 

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Autor/in
Eberhard Falcke