Neuauflage zum 45. Jubiläum

Nausicaä aus dem Tal der Winde: Hayao Miyazakis großes Öko-Märchen vor Studio Ghibli

Die Zeichentrickfilme des japanischen Ghibli-Studios sind für viele ein Gegenentwurf zum klassischen Disney-Film – Filme, die Kindern gerade keine heile Welt vorgaukeln. Die Grundlage für den Erfolg von Ghibli legte nicht ein Film, sondern ein Manga-Comic von Ghibli-Gründer Hayao Miyazaki mit dem Titel „Nausicaä aus dem Tal der Winde“. Nun gibt es eine Neuauflage.

Teilen

Stand

Von Autor/in Max Bauer

Wie kann man junge Menschen mit Zuversicht und Realitätssinn auf das Leben vorbereiten, ohne ihnen dabei eine heile Welt vorzugaukeln?

Mit seinen Zeichentrickfilmen „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“ ist Ghibli-Gründer Hayao Miyazaki dieser Balanceakt eindrucksvoll gelungen. Lange vor diesen Welterfolgen begann Miyazaki 1982 die Manga-Serie „Nausicaä aus dem Tal der Winde“.

Eine ökologische Fabel und fantastische Heldenreise

Die Geschichte von „Nausicaä“ beginnt nach dem Ende der Zivilisation. Die Menschen haben ihren Planeten mit Vernichtungskriegen überzogen, allen kulturellen Fortschritt zerstört und die Natur vergiftet. Ein gewaltiger Urwald, das Meer der Fäulnis genannt und bewohnt von riesigen Insekten, breitet sich über den Erdball aus.

Geheimnisvolle Pilze vergiften die Luft mit ihren Sporen – Sporen, die wie Schnee eine wunderschöne, aber todbringende Landschaft bedecken. Nur mit Schutzmasken trauen sich wenige Menschen in die Natur, eine von ihnen ist Prinzessin Nausicaä.

Wie schön es hier ist. Aber ohne Maske würden meine Lungen in nur fünf Minuten zerfallen.

Kriege bedrohen das Tal der Winde

Nausicaä heißt so wie die berühmte Tochter des Alkinoos aus der Odyssee. Und wie die Prinzessin des homerischen Mythos wohnt Nausicaä in einer Zwischenwelt, im Tal der Winde, deren günstige Strömungen alle Giftwolken fortwehen.

Aber auch dieses Tal ist bedroht. Bedroht durch die Machtkämpfe kriegerischer Stämme, die mit ihren fliegenden Kampfschiffen den Krieg auch ins Tal der Winde tragen.

„Wenn diese Stimme dem Ohmu gehört, wird im Meer der Fäulnis wieder jemand angegriffen!“
Eine Prinzessin im Gleitflugzeug: Die Welt von Nausicaä ist hoch technisiert.

Anders als die Phäaken-Tochter aus der Odyssee muss Nausicaä die schützende Heimat verlassen. Sie muss in den Krieg ziehen, wo sie doch eigentlich das Geheimnis des todbringenden Urwaldes ergründen will und herausbekommen möchte, warum die Natur Giftwolken in die Atmosphäre bläst.

„Nausicaä“ war die Grundlage des Erfolgs von Studio Ghibli

Nausicaäs mystische Gabe, mit der Natur zu kommunizieren, lüftet schließlich das Geheimnis: Die Giftwolken des Waldes sind nur ein Nebenprodukt. Eigentlich reinigt der Wald die Natur von den Giften, die die Menschen beim Kriegführen über die Erde verteilt haben.

Die ökologische Fabel und fantastische Heldenreise der Prinzessin Nausicaä ist so etwas wie das Gründungsdokument des berühmten japanischen Ghibli-Studios.

Nausicaä muss die schützende Heimat verlassen und in den Krieg ziehen, wo sie doch eigentlich das Geheimnis des todbringenden Urwaldes ergründen will.
Nausicaä muss die schützende Heimat verlassen und in den Krieg ziehen, wo sie doch eigentlich das Geheimnis des todbringenden Urwaldes ergründen will.

Vom Flop zu Top: Miyazakis Parabel

Fast 20 Jahre vor dem Welterfolg von „Prinzessin Mononoke“ sah es jedoch überhaupt nicht gut aus für die Karriere von Ghibli-Gründer Hayao Miyazaki. Sein erster Spielfilm „Das Schloss des Cagliostro“ war gefloppt. Nicht als Zeichentrickfilm, sondern auf Papier, als Manga veröffentlichte er daher seine „Nausicaä“.

Miyzakis Zeichnungen machten großen Eindruck und er konnte den Comic schließlich auch als Film herausbringen – der Auftakt der Erfolgsgeschichte des späteren Studio Ghibli.

Nausicaä of the Valley of the Wind | Multi-Audio Clip: The Ancient Legend | Netflix

Ein Manga zwischen Katastrophe und Hoffnung

Die Neuauflage der „Nausicaä“-Bände zeigt das große Zeichentalent von Hayao Miyazaki. Im Vergleich zu der träumerischen Stimmung des Films ist der Manga rauer, härter und schneller, aber auch graphisch viel anspruchsvoller.

Eigenwillige Perspektiv- und Rhythmuswechsel fordern den Leserblick – durch diese Zeichen-Welten muss man einen eigenen Weg finden.

Vor 45 Jahren erschien der Manga „Nausicaä aus dem Tal der Winde“. Er bildete die Grundlage für das spätere Studio Ghibli, das vom Zeichner und Regisseur Hayao Miyazaki gegründet wurde.
Vor 45 Jahren erschien der Manga „Nausicaä aus dem Tal der Winde“. Er bildete die Grundlage für das spätere Studio Ghibli, das vom Zeichner und Regisseur Hayao Miyazaki gegründet wurde.

Miyazaki erzählt 1982 nicht nur von einer Menschheit, die sich im Herrschen und Krieg-Führen ergeht, anstatt sich um den Planeten zu kümmern, den sie beständig vergiftet. Er gab seiner ökologischen Fabel auch einen besonderen Dreh.

Nicht nur einen unheimlich verheerten Planeten und eine innerlich zerrissene Heldin zeichnet er. Sein Manga hält eine kunstvolle Balance, zwischen der ökologischen Katastrophe, die er vorhersieht, und der utopischen Hoffnung, dass die Menschen doch noch ein anderes Verhältnis zu ihrem Planeten entwickeln können als das der rücksichtslosen Ausbeutung.

So naiv die großen Augen der Prinzessin Nausicaä einem erscheinen mögen, ihre Geschichte ist realitätsgewandt, utopisch und hochpolitisch – all das, was auch die Zeichentrickfilme von Miyazaki denen von Disney bisher immer voraus hatten.

Miyazaki heute als Social-Media-Hype

In diesem Frühjahr wurde der Zeichenstil von Miyazaki zum Social-Media-Hype. Vom Treffen von Wolodymyr Selenskyj mit Donald Trump im Weißen Haus bis hin zu banalsten Urlaubsfotos – KI-generierte Bilder, die den Zeichenstil der Ghibli-Produktionen imitierten, überschwemmten das Netz.

Miyazaki spicht sich gegen die Nutzung von KI-Zeichentools und bezeichnet die Arbeit mit dieser Technologie als  „eine Beleidigung für das Leben selbst.“
Miyazaki spicht sich gegen die Nutzung von KI-Zeichentools und bezeichnet die Arbeit mit dieser Technologie als „eine Beleidigung für das Leben selbst.“

Bereits 2016 hatte sich Miyazaki selbst gegen die Nutzung von KI-Zeichentools ausgesprochen: „Wenn ihr solche gruseligen Dinge machen wollt, dann tut das. Aber ich möchte nicht mit dieser Technologie arbeiten. Für mich ist das eine Beleidigung für das Leben selbst.“ Dieses Statement zeigt, wie wenig der KI-Ghibli-Instagram-Trend den Meister des Zeichentricks verstanden hat.

Die vielschichtige Melancholie und die schonungslose zeichnerische Analyse menschlicher Gewaltkulturen verschwinden, wenn die KI Miyazakis Stil zur leeren Hülle macht. Zum Glück bietet die Neuauflage von „Nausicaä“ die Chance, die große Kunst von Miyazaki jetzt wieder auf Papier zu bewundern.

Kinostart von „Memoiren einer Schnecke“ Neun Animationsfilme, die jeder Cineast gesehen haben muss

Nur Kinderunterhaltung? Animationsfilme bieten Filmkünstlern unendliche Möglichkeiten, das Undarstellbare darstellbar zu machen. Neun Animationsfilme, die man gesehen haben sollte.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Speyer

Traditionelles und Modernes bei der Japan-Messe "Nonki-Con" Mangas, Kimonos, Cosplay: Klein-Japan in Speyer

Mangas, Kimonos, Cosplay: In Speyer fand die "Nonki-Con" statt - eine Messe rund ums Thema Japan.

Landesschau Rheinland-Pfalz SWR RP

Kult-Zeichner wird 65 Comic-Chronist der schwulen Szene: Ralf König im Gespräch

Seine Knollennasen brachten die schwule Szene in den deutschen Comic: Im Gespräch mit SWR Kultur blickt Ralf König auf seine Karriere und den Wandel in der schwulen Szene.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Max Bauer