Wie staunenswert fein gestrickt Nea Schmidts Sprache ist! Das fällt schon beim Lesen und Hören des halbgereimten Titels ihres ersten Gedichtbands auf: „Sprechen in Flechten“.
Flechten sind eigenartige Wucherungen, Lebensgemeinschaften zwischen einem Pilz und einer Photosynthese betreibenden Alge. Sie wandeln Licht in organische Substanzen um. Flechten sind nutzenbringende Hybridwesen, ein Joint Venture von Alge und Pilz.
Und genauso hybrid wird auch bei Nea Schmidt gesprochen. In ihren Gedichten erscheint die Sprache als Verbindung einer organischen, menschengemachten und einer maschinellen, computergenerierten Sprache, die sich von der organischen parasitär ernährt, darin aber eine eigene Qualität ausbildet. Die Sprache und ihre Sphären werden ständig befragt:
der Austausch der Spuren folgt der Partitur der Partikel oder ihrem Schirmherrn / dem Staub der heiser raunt Asche zu Asche Pixel zu Pixel Tür zu /Tür auf
Dass sich dieses Überlagern von natürlich gewachsener und Kunstsprache zu etwas Sinntragendem verbindet, kennt man nicht erst in Zeiten von AI und ChatGPT. Auch Kunstsprachen wie Volapük oder Esperanto folgen keiner historischen Sprachgenese. Auch sie sind menschengemacht und nach Mustern entwickelt.
Lorem ipsum dolor
Die Formel „Lorem ipsum dolor“ die dem ersten Zyklus in Nea Schmidts Band den Titel gibt, wird seit Jahrzehnten als sogenannter Blindtext an Stellen verwendet, an denen markiert wird, dass an genau dieser Stelle später sinntragender Text eingesetzt werden soll, beispielsweise in einer Broschüre.
Die Wörter der Zeile entstammen in etwa einem Text von Cicero und suggerieren, es handle sich um echtes Latein, das als antike Sprache zum Kanon humanistischer Bildung gehört. Ihr Sinn wird aber dann vom Blindtextgenerator zerfranst.
„Denk darüber nach, wie Sinn suggeriert wird“, sagen Schmidts Gedichte. Sie untersuchen das Zerfransen, Aufdröseln, das Wechseln von Aggregatszuständen der Sprache:
Sprich farbene Dinge in den Mund. / Sprich blitzenden Chrom in mich hinein
heißt es im ersten Zyklus und macht noch einmal den Gegensatz von lebendig Farbigem und künstlich glitzerndem Chrom deutlich.
Das Moment von Nicht-Verstehen, von Außenvor-Sein wird in diesen Gedichten immer wieder zum Thema, um zu erkunden, wie Mensch und Maschine in unserer Gegenwart aneinander und ineinander geraten.
Gott stapelt hoch. Kopie über Kopie. / ich rede gut und höre nichts. Streckstoff ohne Gegenlicht. / alle haben alles verstanden
Biblische Schöpfung und Digital Native
1995 geboren ist Nea Schmidt Digital Native und selbstverständlich aufgewachsen mit einer technisierten Kommunikation. Doch ihr Debüt ist nicht nur auf der Höhe unserer Zeit, sondern reicht auch weit in die Geistes- und Literaturgeschichte zurück.
Die Bibel, kanonische Texte der Antike, dazu zahlreiche philosophische Referenzen, etwa auf Thomas Hobbes zeigen, dass diese junge Autorin sich in der Tradition der Sprachreflexionen auskennt:
Was ist der Mensch? / Fleischfressendes Fleisch und / sein eigener Wolf und / Fleisch vom Fleisch der Schöpfer / abgeschöpft.
Wie Schmidt in den eben zitierten Versen biblische Schöpfung und Thomas Hobbes‘ Ausspruch „Der Menschen ist dem Menschen ein Wolf“ zusammenbindet, ja flicht, ist originell und deutet zugleich an:
Das Licht der Aufklärung wirft immer schon den Schatten eines Rückfalls in die Barbarei. Doch zugleich ist die Vernunft nun einmal das Mittel, das Zivilisationen stabil hält. Es gilt, daran festzuhalten.
Immer neu wird dieser Gedanke in Schmidts Gedichten im ununterscheidbar werdenden Überlagern von Mensch und Maschine poetisch realisiert:
„Mein Kopf verknüpft dies und das und verstrickt sich in Widersprüche und findet zB die Frage Wie macht eine Maschine einen Schal / egal / hebt Maschen auf lässt Maschen aus denkt sich Muster aus die Streben mit /Hebeln bewegen die Streben die noch wie Bäume stehen die noch ihre Kronen heben“
So werden die Grenzen zwischen wildem und Mustern folgendem Denken flüssig. Es ist beängstigend, dass in diesem Band maschinell erzeugte Sprache verwendet wird, worauf Schmidt in den Kommentaren verweist, wenn sie beschreibt, dass sie Texte von Google übersetzen und rückübersetzen lässt.
Der Mensch kann dichten
Man kann diese Textstellen in den Gedichten nicht mehr zweifelsfrei von menschlich generierten unterscheiden. Doch immer bleibt klar, dass hier eine denkende Instanz das letzte Wort behält – und den Humor.
Der politische Kommentar dieser Gedichte zu einer hybriden Sprache lautet indirekt: Wir können die Maschinensprache integrieren. Das Musterbildende, die Wiederholung, all diese Mechanismen sind eben auch menschlich.
Beim Sprechen dürfen wir nicht aufhören zu fragen, zu denken und zu spielen. Denn der Mensch kann dichten, und damit Dinge, die die Maschine nicht kann, er kann zum Beispiel doppelsinnige Enjambements schreiben, was der Maschine unmöglich ist.
Anders gesagt: der Mensch kann mehr als rechnen, er ist unberechenbar und genau das ist seine lebendige und warme Stärke gegen eine totale Automatisierung und Vereisung der Sprache. Nea Schmidts Gedichtband glüht regelrecht vor Witz und Intelligenz. Wenn das keine Aufforderung ist, „Sprechen in Flechten“ zu lesen!
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