Die Vorderseite der großen Entfernung

Farhad Showghi erkundet „Die nähere Umgebung“

In seinem neuen Gedichtband erkundet Farhad Showghi „Die nähere Umgebung“. Er erläutert seine Poetologie und berichtet von seiner Arbeit als Farsi-sprachiger Therapeut in Hamburg.

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Sich mit der Realität verknüpfen

Unsere nähere Umgebung – sehen wir sie nicht jeden Tag? Kennen wir sie nicht durch und durch?

Nein, sagt der Lyriker Farhad Showghi. Denn in jedem Moment geschieht etwas Neues: Wir sehen einen vorbeifliegenden Vogel, ein sich veränderndes Licht.

„Mir geht es beim Schreiben um eine Verknüpfungserfahrung mit der Realität, also mit dem, was ich sehe und was ich erlebe“, sagt Farhad Showghi auf SWR Kultur.

Ein Gefühl von Existenz und Dasein

„Diese Verknüpfungserfahrung ist zunächst präreflexiv. Ich werfe zum Beispiel einen Blick in einen Garten und verbinde mich dadurch mit der Realität“, erklärt Showghi.

Doch Wahrnehmungen ändern sich permanent. Das Ich muss sich daher immer wieder neu positionieren, wie Showghi in seinem neuen Gedichtband zeigt.

Farhad Showghi
Farhad Showghi (c) Patrick Seeger, dpa

„Gerade durch dieses Misslingen der Positionsversuche und die Mehrdeutigkeit des Selbstverhältnisses zur Realität entsteht aber auch eine Art Schönheit und eine Art Gefühl von Existenz und Dasein.“

In Showghis Gedichten findet man beides: das Wahrnehmen und das ein immer wieder neues Sich-Positionieren.

Tagsüber Psychiater und Psychotherapeut

In seinen Texten untersucht Farhad Showghi auch der Verbindung innerer Landschaften und Fantasien mit dem, was um uns herum ist. Wenn er über seine Lyrik spricht, spürt man, dass er viel tiefenpsychologische Erfahrung hat. Er arbeitet in Hamburg als Psychiater und Psychotherapeut.

In seine Praxis kommen vor allem Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan. „Deshalb spreche ich bei der Arbeit von morgens bis abends Farsi“, sagt Farhad Showghi. Seine Patientinnen und Patienten litten unter „den Gräueltaten des iranischen Regimes und unter den Kriegsereignissen“ der letzten Wochen.

„Die letzten Monate waren ganz, ganz schrecklich“, sagt der Hamburger Therapeut. „Die Tragödie des iranischen Volkes scheint kein Ende zu nehmen.“

Deutsch als Literatursprache

Showghi selbst wurde 1961 in Prag geboren, besuchte die Deutsche Schule in Teheran und kam mit siebzehn Jahren dauerhaft nach Deutschland. Er studierte Medizin in Erlangen und lebt seither in Deutschland. Farsi ist seine Arbeitssprache, Deutsch seine Literatursprache.

2018 wurde er mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. „Die nähere Umgebung“ ist sein achter Gedichtband. Davon erzählt er auf SWR Kultur.

Und er verrät so schöne Geheimnisse wie, dass „die nähere Umgebung auch so etwas ist wie die Vorderseite der großen Entfernung, das heißt des Unendlichen“.

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Erstmals publiziert am
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Das Gespräch führte
Katharina Borchardt
Gespräch mit
Farhad Showghi