Aktualisierte Neuauflage

Niko Paech polarisiert: Auch mit „Befreiung vom Überfluss. Das Update"?

Es gibt kein unendliches Wachstum in einer Welt mit begrenzten Ressourcen, deshalb brauchen wir eine Postwachstumsökonomie, die uns vom Überfluss befreit, meint der Volkswirtschaftler Niko Paech.

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Von Autor/in Gerhard Klas

Niko Paech polarisiert – und das nicht erst seit Kurzem. Der prominente Vordenker der Postwachstumsökonomie schaffte es einmal sogar auf die Titelseite der Bild-Zeitung – als Symbolfigur einer vermeintlich rückwärtsgewandten Wohlstandsverweigerung.

Dabei formuliert Paech lediglich eine Erkenntnis, die in Umwelt- und Klimawissenschaften längst als Konsens gilt: Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich. Was simpel klingt, hat weitreichende Konsequenzen. 

Ein Programm zur Wiedererlangung der ökologischen Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation käme niemals ohne merklich veränderte Lebensführung zu Stande.“ 

Ernüchternde Bilanz 

In der aktualisierten Neuauflage seines erstmals 2012 erschienenen Werks Befreiung vom Überfluss zieht Paech ernüchtert Bilanz. In den vergangenen 13 Jahren habe sich kaum Grundlegendes verändert – weder durch grüne Regierungsbeteiligungen noch durch internationale Klimaabkommen. 

Paech fordert einen radikalen kulturellen Wandel: Weg von Konsum, Globalisierung und fossiler Bequemlichkeit – hin zu Genügsamkeit, Regionalität und Selbstversorgung. Es sind weder neue Technologien noch globale Gipfel, die uns retten werden, so seine Überzeugung. Nötig sei vielmehr ein bewusster Rückbau unseres Konsumstandards – zumindest in den wohlhabenden Ländern. 

Was sagt es über das kulturelle und moralische Niveau einer Zivilisation aus, die in einem historisch einmaligen Wohlstand schwelgt, vom Untergang bedroht ist, aber ausgerechnet dort stetig neue Rekorde an ökosuizidalem Gebaren zelebriert, wo es um den unnötigsten Pomp geht, der noch vor kurzem undenkbar war? Das betrifft den Konsum und den damit verbundenen Güterverkehr infolge des ausufernden Internethandels, aber erst recht die globale Mobilität und den Tourismus, insbesondere Kreuzfahrten und Flugreisen.“ 

Die Rolle des Eigentums 

Paechs Kritik trifft auch linke Bewegungen. Denn sie, so sein Vorwurf, hielten ebenso an der Logik des Wachstums fest – und legitimierten damit einen Lebensstil, der auf Kosten anderer geht, vor allem im globalen Süden. 

Doch das greift zu kurz. Erstens: Wachstumskritik und Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung sind längst auch in ökosozialistischen und anderen linken Umweltbewegungen angekommen. Und zweitens lenkt Paech damit von einer Leerstelle in seinem Modell ab: Eigentums- und Klassenverhältnisse spielen bei ihm allenfalls eine marginale Rolle – obwohl gerade sie darüber entscheiden, wer sich Verzicht leisten kann und wer nicht.  

Die bisherige Abhängigkeit vom Markt würde lediglich durch eine solche vom Staat ersetzt, der komplett damit überfordert wäre, die Wirtschaft zentral zu planen.“ 

Zwar erwähnt Paech alternative Eigentumsformen wie Verantwortungseigentum oder gemeinschaftsgetragenes Unternehmertum – aber die Bedeutung dieser wohlfeilen Begriffe bleibt nebulös. Ebenso die Frage, wie gesellschaftlich notwendige Arbeit – etwa Pflege oder technischer Infrastruktur – in einer Postwachstumsökonomie gewährleistet werden soll. 

Erschöpfte Gesellschaft 

Trotzdem beeindruckt das Buch an vielen Stellen – und trifft den Nerv einer Gesellschaft, die zunehmend erschöpft scheint. 

Menschen kommen nicht mehr zur Ruhe, weil sie aus Angst, etwas zu verpassen, ununterbrochen auf Displays schauen und sich damit dem Druck aussetzen, jegliche Informationen zu verarbeiten. Unter dem Regime der Zeitknappheit hat das Wachstum der individuellen Möglichkeiten einen verheerenden Preis, nämlich Daueranspannung und Oberflächlichkeit – beides befördert eher einen Burnout als eine höhere Lebensqualität.“ 

Verantwortung statt Hedonismus lautet Paechs Maxime. Ob man seine Vision teilt oder nicht – sie lässt sich nicht einfach abtun. Befreiung vom Überfluss ist ein unbequemes, aber wichtiges Buch. In Zeiten dominanter rechter Narrative und ihrer Scheindebatten erinnert es eindringlich daran: Ohne einen Bruch mit unseren gewohnten Denk- und Lebensmustern wird eine echte ökologische Wende nicht gelingen. 

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