Buchkritik

Die Eifel und die Einsamkeit: Norbert Scheuers „Holunderholz“

Norbert Scheuer schreibt mit „Holunderholz“ seine Eifel-Saga fort. Der neue Roman ist so poetisch wie verstörend.

Teilen

Stand

Von Autor/in Alexander Wasner

Norbert Scheuer führt uns in seinem neuen Roman Holunderholz in eine melancholische, unaufgeräumte Welt, voller Fehler, an deren Ende eine riesige Katastrophe steht.

Da ist der Erzähler Johann, der in einem heruntergekommenen Hochhaus wohnt, als Programmierer zuständig für ein furchtbar verkorkstes Computerprogramm. Er soll es fixen, aber das dauert.

Und sein Chef baut lieber Schiffsmodelle zusammen, der Kollege flieht nach Thailand, er selbst hat keine Freundin nur eine Geliebte und eine Stammprostituierte im Haus gegenüber. So einsam waren die Helden von Norbert Scheuer noch nie.

500 Tonnen Sprengstoff explodieren

Johann hat Tonbänder seines Großvaters geerbt. Angeblich dokumentieren sie die Geschichte seiner Familie rund um den 2. Weltkrieg.

Irgendwie steht am Ende die größte Explosion, die es in Deutschland jemals gegeben hat: am 15.7.1949 nämlich explodierten in einem Bunker bei Prüm 500 Tonnen Sprengstoff.

Der Kalvarienberg, in dem der Bunker eingegraben war, verlor seine Kuppe, stattdessen klaffte ein 90 Meter tiefes Loch. 12 Menschen starben, Prüm wurde vier Jahre nach dem Krieg erneut verwüstet. Dieses Ereignis gab es, genau zwei Jahre vor der Geburt von Norbert Scheuer.

Norbert Scheuer am Gedenkkreuz auf dem Kalvarienberg in Prüm, das an die Katastrophe von 1949 erinnert.
Norbert Scheuer am Gedenkkreuz auf dem Kalvarienberg in Prüm, das an die Katastrophe von 1949 erinnert. Christoph Schröder

Der Roman ist kein Bericht der Ereignisse – er ist eher ein Spiel mit der Ungewissheit, mit dem Bedrohlichen,– und mit der Strategie, die er seiner Einsamkeit entgegensetzt. Denn die Tonbänder sind eigentlich längst zersetzt, das Magnetophon völlig kaputt. Da ist nichts mehr zu holen.

Trotzdem hört der Held die Bänder ab – und verliert sich im Wispern und Pfeifen und Rauschen. Der entscheidende Satz steht auf der ersten Seite:

Irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr zuhörte, sondern nur noch erzählte.

Ein Tonband und eine Flöte

Denn darum geht es: Der Held erfindet sich die Tonbandprotokolle, sie bilden die Tonspur für seine Fiktion der Geschichte seines Großvaters. Vielleicht ist es eine Liebesgeschichte.

Die Geräusche vermischen sich mit dem Titel gebenden „Holunderholz“, aus dem man eine Kinderflöte herstellen kann – das Netz ist voll von Bauanleitungen.

Sichere Fakten gibt es nur wenige, sogar seine eigene Geburt wird zum Mysterium, weil auf einmal ein zwielichtiger, in der Gegend irrlichternder Bekannter in die Nähe seiner Mutter gerät.

Die Misere des Protagonisten

Als der Erzähler dann auch noch krank wird, bekommt der Roman noch eine düstere Ebene, etwas Somnambules, weil der Held nicht ganz bei sich ist.

Immer wieder gibt es, gegen Ende noch mehr als zu Beginn, Sätze, die zeigen, WAS DAS heißt: Als der Held, so wörtlich,

glaubte, etwas zu verstehen, zog es sich zurück

später stellt er die Frage,

ob Worte die Welt enträtseln können.

Es ist wirklich beeindruckend, wie Norbert Scheuer es hinbekommt, der Misere seines Helden eine Sprache zu geben, seinen Untergangsfatalismus in Worte zu fassen, die Melancholie und Schönheit gleichzeitig zulassen.

Diese Frage ist aber kein poetischer Selbstzweck – der Held ist nicht umsonst Programmierer, der in seiner Jugend die technische Welt anders verstanden hat, als, so wörtlich

Residuum schöner Abstraktionen und reiner Ideen.

Die Gefahren der Technik

Die Programme im Buch sind dagegen ein Labyrinth, eine unheilschwangere Prophezeiuung. Und damit ist Norbert Scheuer auch in seinem elften Roman das gelungen, was in den vielen vorher auch der Fall war:

Er berichtet aus seinem Wohnort, aus Kall in der Eifel – aber er berichtet über die Themen von heute – und das ist in diesem Fall eine zutiefst neue, verstörende und sehr poetische Sicht auf die Gefahren, die uns heute von KI und Techunternehmen zu überrennen drohen.

Norbert Scheuers Romane, um es mal ganz pathetisch zu sagen, sind große, helle Sterne am Firmament, die einem, wenn man will, tatsächlich Orientierung geben können. Die Welt ist alles, was Kall ist.

Besuch beim Autor Norbert Scheuer: „Das hat sich tief bei mir eingegraben, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das in einen Roman einfließt“

In seinem so poetischen wie unheimlichen neuen Roman „Holunderholz“ erzählt Norbert Scheuer von einer gewaltigen Explosion und ihren Folgen.

lesenswert Magazin SWR Kultur

Welche Romane dürfen nicht fehlen? Diese Romane würden wir für den Deutschen Buchpreis 2026 nominieren

Die Buchpreis-Saison 2026 startet: Am 11. August wird die Longlist bekanntgegeben. Welche Titel würde die SWR Kultur Literaturredaktion nominieren?

lesenswert Magazin SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Alexander Wasner