Longlist-Raten
Jahr für Jahr das gleiche Spiel: Das Rätselraten darum, welche Bücher 2026 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen werden, kann beginnen. Am 11. August veröffentlicht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die 20 Titel umfassende Liste.
Für die Autorinnen und Autoren und für die Verlage ist das ganze weit mehr als ein amüsantes Tippspiel – der Deutsche Buchpreis hat in der Lesekrise der vergangenen Jahre zwar deutlich an Verkaufskraft verloren. In wirtschaftlich harten Zeiten ist der Gewinn des Preises jedoch nach wie vor ein bedeutender Faktor im Buchhandel.
Die SWR Kultur Literaturredaktion hat nicht repräsentative Empfehlungen zusammengestellt: Welche Titel sollte die siebenköpfige Jury nominieren?
Das sind die Empfehlungen aus der SWR Kultur Literaturredaktion:
- Yael Inokai: Die Auster
- Norbert Scheuer: Holunderholz
- Maxim Biller: Schwarze Samstage
- Dana Vowinckel: Anton und Alma
- Norbert Gstrein: Im ersten Licht
- Nadine Schneider: Das gute Leben
- Lukas Bärfuß: Königin der Nacht
- Dana von Suffrin: Toxibaby
Yael Inokais literarischer Krimi „Die Auster“
Spannend, komisch, traurig und klug: Yael Inokais neuer Roman „Die Auster“
Als Reinigungskraft Leonora Bloch ihren ermordeten Chef findet, putzt sie den Tatort erst gründlich, bevor sie die Polizei ruft – und schon das zeigt, worum es geht: nicht um Täter und Motiv, sondern um das, was Leonora sieht, weiß und für sich behält.
„Die Auster" ist ein literarischer Krimi, bei dem das „Whodunit“ eher in den Hintergrund verschwindet. Der Ermordete leitete ein Nobelkaufhaus, das an das Berliner KaDeWe erinnert:
Schauplatz für einen Roman, der die Erzählperspektive der 73-Jährigen ganz in den Fokus nimmt, und für einen Berlin-Roman ganz ohne Klischees. Inokai erzählt in beeindruckender Langsamkeit, ohne dass dabei die Spannung verloren geht.
Yael Inokai, 1989 in Basel geboren, lebt in Berlin. Für „Mahlstrom" erhielt sie 2018 den Schweizer Literaturpreis, für „Ein simpler Eingriff" 2022 den Anna-Seghers-Preis, 2023 den Clemens-Brentano-Preis, und stand damit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Mit diesem Krimi dürfte ihr das erneut gelingen.
Nina Wolf, SWR Kultur Literaturredaktion
Norbert Scheuers poetische Rekonstruktion „Holunderholz“
Aller guten Dinge könnten drei sein: Bereits 2009 und 2019 stand Norbert Scheuer auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. In „Holunderholz“, dem neuen Roman, schreibt Scheuer die faszinierende Geschichte der fiktiven Familie Arimond aus Kall in der Eifel fort.
Das klingt nach Heimat, Chronik, süffigem Stoff, aber das ist es ganz und gar nicht. Scheuer sucht nach den Leerstellen, nach den Lücken, die sich mit Erzählungen füllen lassen.
In diesem Fall ist es ein K3-Magnetophon, ein Aufzeichnungsgerät aus dem Besitz seines Großvaters, das Johann Arimond in die Hände fällt. Auf den alten, rissigen Bändern finden sich die Fragmente einer geheimnisvollen Geschichte aus der Nachkriegszeit.
Im Dezember wird Norbert Scheuer 75 Jahre alt. Der Deutsche Buchpreis wäre ein würdiges Geschenk.
Christoph Schröder, SWR Kultur Literaturredaktion
Maxim Biller befragt seine eigene Biografie: „Schwarze Samstage. Roman eines Jahres“
Maxim Biller befragt seine eigene Biografie, er befragt die jüdische Geschichte, er befragt die Geschichte der Familie. Er wagt auch eine Antwort – aber ob sie etwas ändern kann, dass weiß man nicht, man weiß nur:
Maxim Biller ist einen Roman lang ratlos und sucht, wie man selbst auch, eine Antwort auf die Frage: Woher kommt der Hass auf die Juden? Warum hat er nicht in den 80ern aufgehört, als Friedensverhandlungen mal wirklich gut liefen? Wo hatte er sich damals versteckt? Und wieso traut der Antisemitismus sich heute raus?
Über dieses Buch möchte ich in diesem Herbst reden.
Alexander Wasner, SWR Kultur Literaturredaktion
Dana Vowinckels schmerzhaft schöne Liebesgeschichte „Anton und Alma"
Als Anton und Alma endlich ein Paar werden, atmet man als Leserin auf. Die beiden haben sich gefunden, Jahre nachdem sie sich bei einem Schüleraustausch in Frankreich zum ersten Mal gesehen haben. Jetzt studieren beide in Berlin, tauschen sich über Literatur aus und haben grandiosen Sex.
Doch ihre Lebenswelten könnten unterschiedlicher nicht sein: Anton ist Jude und kommt aus einer Akademikerfamilie. Almas Familie kommt aus Ostdeutschland. Kann sich ihre zarte Liebe in einer polarisierten, gespalteten Welt behaupten? Dana Vowinckel schreibt darüber in einer schmerzhaft schönen Sprache. Ein einzigartiger Klang, der unter die Haut geht.
Kristine Harthauer, SWR Kultur Literaturredaktion
Norbert Gstreins Jahrhundertroman „Im ersten Licht“
Jahrhundertroman von Norbert Gstrein „Im ersten Licht“
Bei all den verheißungsvollen Herbst-Neuerscheinungen darf man nicht vergessen: Der Deutsche Buchpreis zeichnet den „Roman des Jahres“ aus.
Und gleich zu Beginn dieses Jahres, im Januar, ist mit dem neuen Buch des Österreichers Norbert Gstrein ein Buch von seltener literarischer Eleganz und großer historischer Erschütterungskraft erschienen.
Die Hauptfigur ist im Jahr 1901 geboren, und Gstrein begleitet sie durch das Jahrhundert, durch Krieg und Frieden, Kaiserreich und Diktatur, bis in die 1980er Jahre. Adrian Reiter, so heißt der Mann, ist nach einer von seinem Vater beigebrachten Beinverletzung nicht kriegstüchtig – und doch spielt der Krieg die entscheidende Rolle in seinem Leben.
Gstreins Roman verhandelt eine grundsätzliche Frage: Kann man sich schuldig machen, indem man nichts tut?
Christoph Schröder, SWR Kultur Literaturredaktion
Vier Generationen mühelos erzählt: Nadine Schneiders „Das gute Leben"
Christina erbt in einem Spätsommer das Haus ihrer verstorbenen Großmutter Anni in einem Dorf bei Nürnberg. Anni war Mitte der 1960er als Schwangere aus Rumänien geflohen und hat drei Jahrzehnte als Packerin beim Versandhaus Quelle gearbeitet.
Mit beeindruckendem Einfühlungsvermögen für ihre Figuren und sprachlicher Musikalität erzählt Nadine Schneider die Familiengeschichte kaleidoskopartig auf verschiedenen Zeitebenen. Preisverdächtig!
Nina Wolf, SWR Kultur Literaturredaktion
Lukas Bärfuss' schwierigste Familienbuch: „Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter“
Wahrscheinlich war das das schwierigste der Familienbücher von Lukas Bärfuss. Nach dem Tod des Bruders in „Koala“ und der Suche nach dem Vater in „Vaters Kiste“ jetzt „Ein kurzes Buch über meine Mutter“ – die bettelarm verstarb.
„Prekär“ ist das zahmste Wort für ihre Lebensverhältnisse am Rande des Rotlichts. Und lebensgefährlich trifft die Kindheit von Lukas Bärfuss, bevor er mit 15 erkennt, dass er nur alleine, ohne Eltern, überleben kann.
Wieder ein Buch, in dem Lukas Bärfuss seine Familie zum Anlass nimmt, Gesellschaftskritik auf ein anderes Level zu heben.
Alexander Wasner, SWR Kultur Literaturredaktion
Klug, bitterböse und vielleicht heilsam: Dana von Suffrins „Toxibaby"
13 Trennungen in drei Jahren haben Herzchen und Toxi hinter sich. Die beiden pflegen eine On-Off-Beziehung, über die niemand so schauerlich lustig schreibt wie Dana von Suffrin. „Toxibaby“ ist eine Art Liebesportrait der Millennials - einer Generation, die gern als beziehungsunfähig abgestempelt wird. Doch vielleicht trifft es Generation Trennungsunfähig eher.
Denn es scheint es kein dauerhaftes Entkommen für Toxi und Herzchen zu geben, sie werden einander nicht los. Ein kluges, bitterböses und vielleicht heilsames Buch für alle, die am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie der Spätkapitalismus die Romantik korrumpiert.
Kristine Harthauer, SWR Kultur Literaturredaktion