- Für Puristen: Das Original
- Für Schauspiel-Enthusiasten: Rückkehr nach Ithaka
- Für Feministen: Penelope und die zwölf Mägde
- Für Enzyklopädisten: Die großen Mythen
- Für Liebhaber von Lebensgeschichten: Ich bin Circe
- Für Freunde von Web-Phänomenen: Epic: The Musical
- Für Blockbuster-Fans: Troja
Ob es den legendären blinden Dichter, den wir als Homer kennen, tatsächlich gab – darüber streiten Literaturwissenschaft und Altertumsforschung bis heute. Unbestritten ist, dass die beiden Epen, die ihm zugeschrieben werden, „Ilias“ und die „Odyssee“, zu den Urtexten der Weltliteratur gehören.
Unzählige Adaptionen sind über die Jahrhunderte entstanden: Aischylos verarbeitete das Schicksal des Mykenen-Königs Agamemnon in der „Orestie“, Shakespeare erzählte in „Troilus und Cressida“ eine Liebesgeschichte vor den Mauern Trojas. Monteverdi verarbeitete die Heimkehr des Odysseus zu einer der frühesten überlieferten Opern.
Die starbesetzte Neuverfilmung der „Odyssee“ von Christopher Nolan bringt den Sagenstoff nun zurück auf die Kinoleinwand. Matt Damon spielt Odysseus, die Oscar-Preisträgerinnen Anne Heathaway, Lupita Nyong’o und Charlize Theron standen als Penelope, Helena und die Nymphe Calypso vor der Kamera.
Wer nach dem Kinobesuch immer noch nicht genug von den sagenumwobenen Heroen hat, kann sich hier neuen Stoff aus den homerischen Welten besorgen.
Für Puristen: Das Original
Die Erzählungen um den Trojanischen Krieg und die Irrfahrten des Odysseus kennen wir alle. Aber Hand aufs Herz: Wer hat die „Ilias“ und „Odyssee“ jemals im Originaltext gelesen?
Das kann mitunter auch sehr langatmig werden: Die „Odyssee“ umfasst 24 Gesänge mit insgesamt 12.110 Versen. Drum sollte man vor dem Start ausgiebig prüfen, welche der vielen Übertragungen ins Deutsche für das eigene Leseerlebnis am besten passt.
Liebhaber von Klassikern im feinsten Goethedeutsch werden wohl mit der berühmten Vers-Übersetzung von Johann Heinrich Voß von 1781 am besten fahren. Sie ist unter anderem im Insel-Verlag und bei Reclam zu bekommen. In schnörkellose Prosa hat Wolfgang Schadewaldt 1958 das Epos ins Deutsche übertragen, verlegt bei Rowohlt.
Am aktuellsten: die Variante des Schweizer Altphilologen Kurt Steinmann, 2007 bei Manesse ersterschienen und heute bei Penguin erhältlich. Auch sie ist einen Blick wert.
Forum Von Trickstern und zweifelhaften Helden – Die moderne Welt der Odyssee
Die Odyssee ist 2700 Jahre alt, aber Homers Epos enthält alles, was ein menschliches Leben ausmacht: Triumph und Tod, Liebe und Sex, Enttäuschung und Verlust, tiefsitzende Ängste und nicht endende Sehnsüchte. Jetzt kommt die Odyssee als Blockbuster der Superlative ins Kino. Warum berührt uns die Geschichte noch heute?
Für Schauspiel-Enthusiasten: Rückkehr nach Ithaka
Das ist kein Homer für die großen Schlachtenszene oder das Magische und Fantastische. In der Presse ging Uberto Pasolinis „Rückkehr nach Ithaka“ von 2024 nahezu unter, trotz gehöriger Starpower in den Hauptrollen: Ralph Fiennes spielt Odysseus, Juliette Binoche die von den Freiern bedrängte Penelope.
Fiennes‘ Odysseus ist dabei alles andere als ein strahlender Heimkehrer. Das Bettlergewand ist nicht, wie in der Vorlage, eine Verkleidung, die ihm von Götterhand übergestülpt wurde. Dieser Odysseus ist ein Mann, den Krieg, die Jahre auf See und seine eigene Scham gezeichnet haben. Penelope ist zermürbt vom steten Druck der Freier und den Vorhaltungen ihres eigenen Sohnes Telemachos.
Regisseur Pasolini entwickelt die Geschichte dabei mit kammerspielhafter Präzision: viel klug vorgetragener Text, klare Bildsprache, aber dafür wenig Action, die aufgrund der fragilen Körperlichkeit von Fiennes‘ Odysseus auch mitunter deplatziert wirkt. Eine „Odyssee“-Verfilmung für alle, die mehr mit „Macbeth“ als mit „Gladiator“ anfangen können.
Für Feministen: Penelope und die zwölf Mägde
Ihre Ausdauer und Geduld haben Odysseus‘ Frau Penelope über die Jahrhunderte zum Musterbild ehelicher Treue gemacht. Um die Freier hinzuhalten, die den Palast von Ithaka während der Abwesenheit des Königs belagern, webt sie über Jahre an einem Grabtuch für ihren Schwiegervater, welches sie des Nachts immer wieder auftrennt.
Mit diesem Bild räumt Margaret Atwood in ihrer Novelle „Penelope und die zwölf Mägde“ auf. Die Autorin von „Der Report der Magd“ gibt der wartenden Königin eine Stimme – und die ist mitunter ziemlich bissig. In unserer Zeit erzählt der Schatten Penelopes, der in der Unterwelt die Ewigkeit verbringt, ihre Seite der Geschichte.
Ihrem Mann Odysseus räumt sie zwar seine weltberühmte Schläue ein, bezeichnet ihn aber auch als selbstverliebten Manipulator. Auch mit ihrer Cousine Helena, der frommen Amme Erykleia und ihrem Sohn Telemachos geht Penelope mitunter hart ins Gericht.
Immer wieder wird Penelopes Monolog dabei unterbrochen vom Chor der zwölf Mägde, die von den Freiern in Odysseus‘ Abwesenheit als Lustmädchen genutzt wurden. Odysseus ließ sie nach seiner Rache an den Männern den Palast schrubben und anschließend hängen. Atwood gibt so den entrechteten Frauen einer archaisch-patriarchalischen Gesellschaft eine Stimme.
Für Enzyklopädisten: Die großen Mythen
Die Götter- und Heldensagen der griechisch-römischen Antike sind neben der Bibel das wichtigste Bildprogramm der westlichen Kunstgeschichte. Gut, wer da lernt, sich durch die Bildwelten der Mythen und Legenden zu navigieren.
Eine Reihe, die dies besonders anschaulich und mit schönen Animationen macht, ist die Arte-Dokuserie „Die großen Mythen“ des französischen Kreativteams um François Busnel, Gilbert Sinoué und Sylvain Bergère. Die Erzählungen werden dabei auch immer wieder in ihren kunsthistorischen Kontext gesetzt.
Jeweils eine Staffel der Reihe ist der „Ilias“ und der „Odyssee“ gewidmet. Wer anschließend immer noch Lust auf mehr hat: Weitere Staffeln beschäftigen sich mit Göttern und Heroen der vorhomerischen Zeit und dem nordischen Sagenkreis.
Für Liebhaber von Lebensgeschichten: Ich bin Circe
Im zehnten Gesang der Odyssee berichtet Odysseus, wie er mit seinen Mannen zur Insel Aiaia gelangt und der Zauberin Circe begegnet, die seine Begleiter zunächst in Schweine verwandelt. Laut Homer überlistet Odysseus sie und verbringt insgesamt ein Jahr an ihrer Seite.
Auf Basis dieser kurzen Episode im homerischen Epos und anderer Überlieferungen rund um diese Tochter des Sonnengottes Helios schrieb die amerikanische Altphilologin und Schriftstellerin Madeline Miller einen Roman über die Zauberin.
Millers Circe ist eine Außenseiterin unter den Göttern und Titanen. Die Autorin verwebt ihre Geschichte mit einem Who-is-Who der griechischen Sagenwelt: Circe wohnt der göttlichen Bestrafung des Prometheus bei, sie ist die Hebamme des Minotauros, der genauso wie die rachsüchtige Medea ein Abkömmling ihrer Geschwister ist. Die Begegnung mit Odysseus spielt natürlich eine wichtige Rolle in diesem kurzweiligen Lebensbericht, sie gebiert ihm den Sohn Telegonos. Alles in allem: als Porträt einer starken Frau mehr als lesenswert.
Für Freunde von Web-Phänomenen: Epic: The Musical
Nicht nur in Büchern und Filmen, auch musikalisch wurde die „Odyssee“ immer wieder adaptiert – und eine ebensolche Musikfassung eroberte jüngst die sozialen Medien.
In neun Alben legte der puerto-ricanische Singer-Songwriter Jorge Rivera-Herrans zwischen 2022 und 2024 eine komplett durchkomponierte Pop-Musical-Fassung von Odysseus‘ Abenteuern vor: von den Gräuel des Trojanischen Kriegs bis zur Rückkehr nach Ithaka.
Das Besondere: Das gesamte Projekt setzte Rivera-Herrans über TikTok um. Die Sänger*innen der einzelnen Rollen fand er online und eine engagierte Community setzte die einzelnen Songs mitunter als kreative Animationsfilme in Szene. Vielleicht ist „Epic: The Musical“ dramaturgisch nicht die spannendste Adaption des Stoffes, als Community-Projekt aber definitiv einen Blick wert.
Für Blockbuster-Fans: Troja
Alles andere als ein Geheimtipp, aber ohne Wolfgang Petersens spektakulär gefilmten Sandalenfilm „Troja“ wäre diese Liste einfach nicht komplett. 2004 erfüllte sich der Regisseur von „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ mit der Verfilmung der „Ilias“ einen Lebenstraum.
Petersen inszenierte den Krieg vor Troja dabei als zutiefst menschliches Politik-Ränkespiel. Göttliche Interventionen klammerte er aus seiner Fassung des bronzezeitlichen Kriegsgeschehens komplett aus.
Auch nach über 20 Jahren sorgt „Troja“ dank seiner überwältigenden Ausstattung, den stimmungsvollen Kostümen und solider schauspielerischer Leistungen von Peter O’Toole als König Priamos sowie Eric Bana und Saffron Burrows als Hektor und Andromache für einen vergnüglichen Filmabend – auch wenn Brad Pitt als Achilles mehr die Muckis als die Mimik spielen lässt.