Mit Ostfriesentee grundierte Werke

Kunstparodie von Otto Waalkes: „Kunst in Sicht"

Dürer, Hodler, Liebermann: jeder kommt bei ihm mal dran. In einem neuen Buch demonstriert Otto Waalkes die hohe Schule der Kunstparodie. Deutschlands bekanntester Ostfriese – wer hätte das gedacht – ist nämlich auch ein begabter Maler.

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Von Autor/in Günter Kaindlstorfer

Otto Waalkes, Ostfriese von Herkunft und Berufung, ist gut aufgelegt an diesem Vormittag – ist sein aktuelles Buch doch soeben aus der Druckerei angeliefert worden. „Kunst in Sicht“ heißt der Band, ein köstlich respektloses Werk, in dem Otto, sagen wir, in Dialog mit den Großen der abendländischen Kunst tritt. Die Arbeit mit Leinwand und Pinsel, so der auch mit 77 noch hyperaktive Ostfriese, sei eine der großen Passionen seines Lebens. 

Otto Waalkes erzählt: „Es nimmt zur Zeit den größten Teil meines Lebens ein. Ich hab ein Atelier, in Hamburg, oben in der Dachkammer. Ich wohne an der Elbe, da ist ein tolles Licht, da kann ich schön malen, da arbeite ich viel, denk viel drüber nach. Schon sehr befreiend, muss ich sagen.“ 

100 ikonische Werke der Kunstgeschichte parodistisch verfremdet 

Otto Waalkes pflegt seine Bilder mit Ostfriesentee zu grundieren. Darüber malt er vorwiegend in Öl und Acryl. Ottos Gemälde sind auf durchaus altmeisterliche Art und Weise gearbeitet – handwerklich perfekt. Welche Motive gibt es da zu sehen?

Der Humorkünstler verfremdet etwa 100 ikonische Werke der Kunstgeschichte – mit kleinen Otto-spezifischen Interventionen.

Leonardos „Dame mit dem Hermelin“ birgt in Ottos Interpretation kein edles Pelztier an ihrer Brust, sondern ein blöde lächelndes Faultier; der Brueghelsche „Turm zu Babel“ wird bei Otto zur Sandburg, und in der ostfriesischen Version des Klimtschen „Kusses“ ist es niemand anderes als ein goldumschmeichelter Otto Waalkes persönlich, der einem dahinschmelzenden „Ottifanten“ einen herzhaften Schmatz auf die Wange drückt. 

Zwei Frauen betrachten das „Selbstportrait mit rotem Pulli“ von Otto Waalkes.
Zwei Frauen betrachten das „Selbstportrait mit rotem Pulli“ von Otto Waalkes.

Wie würde Otto seine kunstphilosophischen Prinzipien beschreiben? Soll Kunst seiner Meinung nach „erheben“? 

Otto: „Soll was?” Reporter: „Erheben!” Otto: „Kunst soll erheben. Aber woraus? Aus der Zweidimensionalität in die Dreidimensionalität? Ich weiß es nicht. Kunst soll weiterführen, soll mich überraschen. Für mich ist es die Befreiung vom Automatismus des Alltags oder so was. Und deswegen liebe ich es. Das hab ich ganz gut gesagt, glaub ich.“  

Erfrischend respektlos gegenüber den Alten Meistern 

Otto zeigt erfrischend wenig Ehrfurcht in seinen bildschöpferischen Arbeiten. Dürer, Hodler, Liebermann – jeder kommt bei ihm mal dran. Ottos Form der Verehrung, gesteht der Künstler, sei die Parodie.  

Den Umgang mit Farbe und Pinsel hat der Komiker bereits in frühestem Knabenalter erlernt. Der heute 77-jährige wuchs in einem streng religiösen Milieu in der Ostfriesen-Metropole Emden auf. Ottos Elternhaus war freikirchlich-baptistisch geprägt. 

Ottifanten-Statuen von Otto Waalkes in Emden.
Mit dem Zeichnen der Ottifanten begann Otto Waalkes schon zu Schulzeiten. Seine Maskottchen stehen als Statuen in seiner Geburtsstadt in Emden in Ostfriesland.

„Meine Mutter war sehr gläubig, sehr religiös", verrät der Künstler. „Mein Vater war weltlich eingestellt – und Malermeister, also Tapezierer. Daher stamme ich. Und ich hatte die Möglichkeit, weil er diese Tapetenbücher hatte – also diese Tapetenbücher, die hatten vorne das Muster drauf und hinten waren sie blank. Die gab er mir dann zum Bemalen.“ 

Das hatte Folgen: 1970 begann Otto Waalkes – inzwischen längst vom Glauben abgefallen – ein Studium der Kunstpädagogik in Hamburg. Dass er in der Hansestadt malen gelernt hat, demonstriert der Komiker in seinem aktuellen Buch aufs anschaulichste.

Otto: selbst ein großer Künstler 

Einen großen Traum hegt Otto – einer der prominentesten ADHS-Verdachtsfälle Deutschlands – auch mit Ende siebzig noch: Allzu gern würde er einmal in der „Albertina“ in Wien ausstellen, zur Not auch in der „Pinakothek der Moderne“ in München. Handwerklich hätte Otto das Zeug dazu. „Kunst in Sicht“, sein neues Buch, beweist es, wenn auch natürlich mit Augenzwinkern. 

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Günter Kaindlstorfer