Gleich zwei Dinge an diesem Roman sind typisch Percival Everett: Wieder einmal blickt dieser Autor durch die Augen eines Professors aufs Leben, der in zwischenmenschlichen Angelegenheiten gelinde gesagt ungeschickt ist. Und wieder einmal vertraut Everett nicht auf ein Rezept, das er bei einem Vorgänger-Roman schon testete, sondern geht ein neues literarisches Wagnis ein.
Von Superschurken und Seiltänzerinnen Mit neuen Büchern von Percival Everett, Anja Kampmann, Henning Ahrens, Sirka Elspaß und mit einem Streifzug durch die Literaturszene von Dublin
Nostalgisch aufgeladen, mit Freude am Spiel und mit einem ernsten Blick auf das, was einem vom Leben noch bleibt – wir stellen Bücher vor, die ungewöhnliche literarische Zugänge zu existentiellen Themen finden.
Ein Experte des Nichts
Die Ausgangsfrage von „Dr No“ ließe sich vielleicht so beschreiben: Gelingt es, in einem Roman mit so unterschiedlichen Autoren wie Thomas Pynchon, Ian Fleming und Vladimir Nabokov zu spielen, also mit Schurkenstück, Universitätssatire und historischem Roman zu flirten, ohne sich in einem dieser Genres gänzlich einzurichten?
Und: Gelingt es, ausgerechnet über einen Erzähler, der ein Experte des Nichts ist, ausgestattet zudem mit autistischen Zügen, gelingt es über einen solchen Erzähler zu erspüren, welche Gefahr von Leuten ausgeht, denen nichts etwas bedeutet – die auf nichts aus sind als auf Auslöschung?
Besagter Experte des Nichts nennt sich bei Percival Everett Wala Kitu:
Ich habe meine Karriere in meinem kleinen Büro in der George Street in Providence damit zugebracht, über nichts nachzudenken und danach zu suchen. Ich habe es nicht gefunden. Es ist traurig für mich, dass schon die Thematisierung meines Interessensgebietes meine Forschung zwangsläufig zunichtemacht. Ich arbeite sehr hart und wünschte, ich könnte sagen, dass ich nichts dafür vorzuweisen habe.
Der Professor und der Oberschurke
Und damit ist der unterhaltsame Ton dieses Romans gesetzt – und das Sprachexperiment desselben gleich mitbenannt. Denn wie viel Wortwitz sich mit einem Erzähler generieren lässt, der in nichts vernarrt ist, das ist der sprachliche Nebenschauplatz dieses Romans.
Inhaltlich führt Wala Kitu seine Expertise rund ums Nichts auf andere Wege, denn der Mathematikprofessor wird von dem schwerreichen Schurken John Milton Bradley Sill um Hilfe gebeten. Drei Millionen Dollar soll Kitu bekommen, wenn er Sill mit seinem Wissen unterstützt, das Golddepot von Fort Knox zu knacken.
Denn genau dort befindet sich – davon ist Sill überzeugt – der Forschungsgegenstand von Wala Kitu – „nichts“ also und genau dieses „Nichts“ ist für Sill der Schlüssel zur Auslöschung Amerikas, auf die er es eigentlich abgesehen hat.
Sill braucht mich für nichts, obwohl ich nicht weiß, worauf das hinausläuft. Die Regierung braucht mich, weil man Angst vor Sill hat. Ich halte sie alle für gefährlich.
Wala Kitu geht eine Allianz mit Sill ein – warum, das lässt sich nicht sicher beantworten. Sicher ist nur, dass damit eine Irrfahrt nach Bond’scher Manier beginnt. Quer durch die USA, nach Island, Frankreich und wieder zurück führt sie, man ist zu Wasser, zu Lande und in der Luft unterwegs, Frauen, die einem durchschnittlichen männlichen Fernsehpublikum Lust auf Sex machen dürften, sind Teil der Crew und ein Haifischbecken sorgt für die Entsorgung der Gegner.
Und gerade als man sich fragt, was der Sinn dieser postmodernen Variante eines Schurkenstücks sein könnte, stellt ausgerechnet der Mann, der sein Leben dem Nichts verschrieben hat, ebenjene Sinnfrage.
„Was soll der ganze Schurkenkram eigentlich?“, fragte ich.
„Sie werden es nicht glauben, aber diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt.“
„Sie sind Milliardär. Sie brauchen kein Geld. Sie können gehen, wohin Sie wollen, tun, was Sie wollen.“
„Ich will einfach abrechnen“, sagte er.
„Abrechnen? Mit wem?“
„Mit Amerika, Wala. Mit Amerika.“
Nichts ist heilig
Sill ist – wie Wala Kitu auch – Schwarz. Seine Eltern wurden ermordet – einmal ist die Polizei, einmal der Geheimdienst und beide Male struktureller Rassismus Grund für den Tod. Sill aber ist, und da zeigt sich die Radikalität von Percival Everett, nicht einfach auf Gerechtigkeit aus, es ist keine Ethik, die ihn antreibt.
Er will Amerika vielmehr negieren – also nicht bloß dafür sorgen, dass es die Vereinigten Staaten nicht mehr gibt, sondern dafür, dass es sie nie gegeben hat. Und nichts – immerhin schlägt das die Logik dieses Textes vor – kann ihm genau das ermöglichen.
„Sie sind ein Terrorist.“
„In gewisser Weise.“
„Und außerdem hassen Sie Amerika?“
„Amerika hat meinen Vater umgebracht. Ich bin ein Abwracker. Amerika hat meinen Vater und meine Mutter umgebracht und nichts wird das ändern.“
Hier zeigt sich, dass dieser Roman viel mehr ist als ein Schurkenstück und man sich von seinem Slapstick-Sound nicht täuschen lassen sollte. Percival Everett arbeitet hier hintersinnig an der Frage, die er seinem Erzähler in den Mund legt: „Ist denn überhaupt irgendetwas heilig? Nein, nichts. Nichts ist heilig.“, sagt der einmal. Und wer könnte da nicht an schwerreiche weiße Schurken denken, die gerade politisch an der Zerstörung der bestehenden Weltordnung arbeiten?
Aussprechen wird ein Autor wie Percival Everett, der angenehmen Abstand zu Thesenromanen hält, so einen Gedanken nie – lieber biegt er immer, wenn seine großen Themen – Rassismus und Identität in den Vereinigten Staaten – zu explizit werden, in Richtung Slapstick ab.
Aber auch das gehört zu den großen Qualitäten dieses Autors: Sein Publikum zu unterschätzen, ihm nichts anderes zuzutrauen als realistische Lektüren mit mannigfaltigen Identifikationsangeboten – das tut er sicher nicht.