Pierrot Raschdorff interpretiert Höflichkeit als Voraussetzung für ein Miteinander auf Augenhöhe

Nicht weniger streiten, sondern besser streiten

„Wie können wir einander zuhören und miteinander streiten, ohne den anderen zu entwürdigen?“ fragt Pierrot Raschdorff in seinem Buch „Die neue Höflichkeit“.

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Von Autor/in Margit Irgang

Höflichkeit scheint etwas Altmodisches zu sein. Wir verbinden damit gutes Benehmen und Kinder, die Bitte und Danke sagen. Der Politikwissenschafter Pierrot Raschdorff plädiert dafür, den Begriff Höflichkeit weiter zu fassen: Als Möglichkeit, sich über soziale und politische Unterschiede hinweg konstruktiv zu verständigen. 

Pierrot Raschdorff will nicht weniger streiten, sondern besser streiten. Er setzt vor allem auf die Kraft eines Dialogs, der den anderen verstehen will.  

Pierrot Raschdorff
Pierrot Raschdorff (c) STAR-MEDIA

Eine Haltung der radikalen Offenheit 

„Es braucht die innere Haltung der radikalen Offenheit, die zeitgleich immer die Signale wahrnehmen muss, um sich im richtigen Moment abzugrenzen. Unter ‚radikal offen‘ verstehe ich die Haltung, dass meine Meinung nur eine von vielen ist, nicht besser oder schlechter, nicht oben oder unten“, so Raschdorff.

Dieser innere Prozess erfordert eine Lernbereitschaft, der das Eingeständnis zugrunde liegt, dass die Welt mehrdeutig ist. 

Der Höflichkeits-Begriff von Pierrot Raschdorff ist anspruchsvoll und verlangt die Anstrengung jedes Einzelnen. Er kann nur dann funktionieren, wenn man, wie der Autor, an das Positive im Menschen glaubt.

Es geht ihm nicht um das Befolgen von Regeln, sondern um etwas weit Tieferes: Um Mitmenschlichkeit, die kein bloßes Kulturprodukt ist, sondern eine im Menschen angelegte Möglichkeit. In den Medien, sozialen Netzwerken und in der Politik findet man dagegen eher das, was der Autor „Eindrucksmanagement“ nennt.  

„Wir leben in einer Welt, in der Handlungen zunehmend danach beurteilt werden, wie sie von außen wahrgenommen werden, statt danach, ob sie aus innerer Überzeugung heraus erfolgen. Soziales Verhalten, das in vielen Gesellschaften als Norm hochgehalten wird, wird dadurch oft instrumentalisiert. „ 

Die Praxis der Neuen Höflichkeit 

Pierrot Raschdorff entwirft eine „Praxis der Neuen Höflichkeit“, die sich in sozialen Räumen entfalten kann: in Sportvereinen, Bürgerhäusern, Bibliotheken. Vor allem brauche die Jugend neue und flexible Angebote, um sich ausprobieren und Unterschiedlichkeit erleben zu können.

Es geht darum, Orte der Begegnung zu erschaffen, in denen kollektives Erleben und Mitverantwortung gelebt werden. Der Autor räumt aber auch ein, dass die Teilhabe an diesen Einrichtungen von Bildung, Zeit und materiellen Möglichkeiten abhängt.  

„Diese Räume sind weit mehr als praktische Problemlöser. Sie sind essenzielle Bausteine für gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine lebendige lokale Demokratie, insbesondere dort, wo staatliche Strukturen schwächer werden. Wo Institutionen und Treffpunkte verschwinden, schaffen soziale Räume neue Möglichkeiten für Begegnung und Austausch.“ 

Es ist noch nicht zu spät 

Die Voraussetzung für ein zivilisiertes Gespräch, das den anderen verstehen und nicht vernichten will, ist für Pierrot Raschdorff das, was er „Selbstregulation“ nennt. Sie entscheidet, ob wir Gefühle wahrnehmen können, ohne von ihnen bestimmt zu werden, und Wut und Angst aushalten können, ohne sie auszuagieren. 

Welchen Ton man da anschlagen sollte, zeigt der Autor Raschdorff mit seinem Buch, in dem er genau, aber immer respektvoll analysiert. Es wäre gut, wenn man seine ruhigen Mahnungen inmitten der öffentlichen Erregung hören würde.  

„Mir geht es nicht um perfektes Verhalten, sondern um den Schutz eines Rahmens, in dem Dehumanisierung zurückgewiesen und nicht noch belohnt wird. Die Neue Höflichkeit ist deshalb eine Einladung zum Dialog und zu einem Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft. Eine Einladung zur Reflexion, zur Übung, zur Verantwortung. Es ist noch nicht zu spät.“

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Margit Irgang