„Wo etwas nicht nur wahr ist, sondern wahr sein könnte"
Saša Stanišić eröffnete seinen Abend in Mannheim, wie er es nach eigener Aussage seit 20 Jahren auf Lesereisen hält: mit einer ausgedehnten Begrüßung des Publikums.
Piloten, Steuerflüchtlinge, Pflegerinnen ohne Aufenthaltsstatus, der Dorsch in der Ostsee: In langen Aufzählungen entwarf der Autor ein Panorama der Gegenwart, das zwischen Witz und Sozialkritik pendelte.
„Es muss lesbar werden ohne mein Rumhampeln hier vorne"
Im Gespräch mit Andreas Platthaus sprach Stanišić über sein Buch „Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird", eine Sammlung von Reden. Er habe nur jene aufgeschrieben, die allgemeingültig genug seien, um nicht binnen eines Jahres zu veralten.
Die berühmte Kurzrede beim Deutschen Buchpreis 2019, in der er Peter Handkes Nobelpreis kommentierte, fehlt bewusst – an ihrer Stelle steht ein längerer, grundsätzlicherer Text über den Umgang von Schriftstellerinnen und Schriftstellern mit Krieg, Flucht und Genozid.
Die Überarbeitung habe fast ein Jahr gedauert: „Es ist einfacher als ein Roman, weil das Grundgerüst schon da ist – aber es muss lesbar werden ohne mein Rumhampeln hier vorne."
„Mitgefühl ist kein Schulfach"
Den Abschluss bildete die Rede, die Stanišić für den Nelly-Sachs-Preis geschrieben hatte: ein Porträt seiner jugoslawischen Mathelehrerin Genossin Mimić, die ihre Klasse kurz vor Ausbruch des Bosnienkriegs nicht nur in Mathematik, sondern in Empathie und Widerstand gegen den Nationalismus unterrichtete.
„Mitgefühl ist kein Schulfach", sagte Stanišić. Die Rede, im Saal mit hörbarer Bewegung aufgenommen, steht exemplarisch für sein Verständnis von Literatur als gesellschaftlicher Haltung: „Etwas geht immer. Die kleinste Kleinigkeit kann eine Veränderung herbeirufen."