Am ersten Tag ließ er sich nicht blicken. Am zweiten auch nicht. Und auch nicht am dritten oder vierten. Ganze fünf Tage zögerte der Comicautor Lee Falk den Auftritt seines Superhelden hinaus.
Erst nach insgesamt 21 Bildern taucht das Phantom aus dem Wasser, kraxelt eine Ankerkette hoch und klettert auf das Forschungsschiff „S.S. Trotter“, um eine junge Entdeckerin aus den Fängen irgendwelcher Banditen zu befreien.
Phantom: Superheld ohne Superkräfte
Die erste von zahllosen Heldentaten, für die sich bald ein riesiges Publikum begeistert. Phantom ist der erste Superheld, der täglich seiner Arbeit nachgeht. Und das in kurzen Comicstrips, die Lee Falk ab Februar 1936 in verschiedenen amerikanischen Zeitungen veröffentlicht. Übrigens zwei Jahre bevor Superman seine Karriere startet. Man könnte deshalb sagen: Das Phantom ist der Prototyp des Superhelden.
Wobei es so einfach dann doch nicht ist. Rein äußerlich könnte sich das Phantom sicher auch bei den Avengers bewerben: ein hautenger, lila Onesie, eine schwarze Maske, ganz das Klischee eines Superhelden. Ein geheimnisvoller Rächer des Dschungels, denn dort sorgt Phantom für Recht und Ordnung.
Allerdings fehlt ihm eine Sache, die für das Genre nicht ganz unwesentlich ist: Superkräfte. Weder ist es übermenschlich stark, noch kann es fliegen oder mit seinen Augen Blitze verschießen. Nein, in diesen lila Strumpfhosen steckt ein einfacher Mensch. Zugegeben: ein gut trainierter. Aber nicht mehr.
Ein weißer Mann sorgt für Ordnung im Dschungel
Mit Science Fiction hatte Phantom also wenig zu tun. Lee Falks war eher inspiriert von der Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts. Nicht umsonst erscheint das Phantom wie eine Mischung aus Tarzan und Zorro, Helden zahlloser Groschenromane, die die kollektive Fantasie Anfang des 20. Jahrhunderts beflügelten. Das exotische Setting spielte dabei eine ganz entscheidende Rolle. Wobei man auf geografische Genauigkeit keinen allzu großen Wert legte.
Lee Falk bildet da keine Ausnahme. Heimat des Phantoms ist das fiktive afrikanische Land Bangalla, das allerdings am Golf von Bengalen liegen soll – also in Asien, wenn man die Landkarte ernst nimmt. Für den Comicexperten Markus Dichmann liegt darin aber auch ein Funken spätkolonialer Arroganz.
„Mit der Geografie des globalen Südens hat man es damals nicht so genau genommen“, stellt er trocken fest. Außerdem sei der Mann unter der Maske ein westlicher Abenteurer, der nach einem Piratenangriff an der Küste von Bangalla strandet. Wer sorgt also letztlich für Ordnung im Dschungel? Genau, der weiße Mann.
Comicexperte Dichmann hält Superman für die komplexere Figur
Dichmann hat vor kurzem eine Kulturgeschichte des Superhelden vorgelegt („Booooom!!! Die Welt der Superhelden – die ersten 100 Jahre“). Darin kommt das Phantom zwar auch vor, er hält allerdings Superman für den wahren Urvater des Genres. „Er wird zum Superhelden einer neuen Welt“, so Dichmann, „und das Phantom ist noch ein Held der alten Welt.“
Wie Lee Falk sind auch die beiden Superman-Erfinder Joe Shuster und Jerry Siegel fasziniert von den Geschichten über Tarzan oder Zorro. Genährt wird ihre Fantasie aber auch von den Bildwelten, die Fritz Lang in „Metropolis“ entwirft. Entscheidend für die Entwicklung von Superman sei aber vor allem der biografische Background der beiden, meint Dichmann.
Sowohl Shuster als auch Siegel stammen aus jüdischen Familien. Die Eltern der beiden sind Immigranten, die vor osteuropäischen Pogromen in die USA, beziehungsweise nach Kanada geflüchtet sind.
Superman: Ein Held der Außenseiter
All diese Erfahrungen – der Auswanderung, der verlorenen Heimat, aber auch des Neuanfangs in einer neuen Welt – sind auch Superman eingeschrieben, der als einziger Überlebender vom Planeten Krypton vor der Aufgabe steht, sich auf der Erde zurechtzufinden.
Die Figur hat also eine historische Tiefe und emotionale Anschlussfähigkeit, die dem Dschungelhelden Phantom völlig abgeht. Er lese sie als „Allegorie zu zwei Jungs aus ärmlichen, migrantischen Verhältnissen […], die das Gefühl hatten, in ihnen würde viel mehr schlummern, als ihnen die Mehrheitsgesellschaft bisher zugetraut hat“, schreibt Dichmann.
Das ist aber nicht der einzige große Unterschied zwischen den beiden Superhelden. Wichtig sei auch das Setting. Shuster und Siegel erzählen ihre Geschichten – „Metropolis“ lässt grüßen – vor einer urbanen, großstädtischen Kulisse. Ein deutlicher Gegenwartsmarker, der für das gesamte Genre stilprägend wird und den beiden Autoren erlaubt, bei Bedarf auch mal die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen.
In einer Geschichte mit dem bezeichnenden Titel „How Superman Would End the War“ lassen sie im Frühjahr 1940 ihren Helden erst nach Berlin und dann nach Moskau fliegen, um dort Hitler und Stalin zu vermöbeln und vor den Völkerbund in Genf zu schleifen. Von solchen weltpolitischen Eskapaden ist der Dschungelzorro weit entfernt.
Dass das Phantom, trotz Pole Position, in der Geschichte der Superhelden eher eine Nebenrolle spielt, ist also sicher nicht nur seinen fehlenden Superkräften anzulasten. Über 30.000 Comicstrips wird Lee Falk bis zu seinem Tod 1999 seinem Superhelden widmen. In Sachen Popularität läuft ihm der Kollege in den roten Unterhosen trotzdem schnell den Rang ab.