Die Atacama-Wüste in Chile gilt als einer der trockensten Orte der Erde. Darunter liegt ein wertvoller Rohstoff: Lithium, das „weiße Gold". Lithium steckt in Batterien von Elektroautos und ist damit ein wichtiger Teil der Energiewende.
In der Atacama-Wüste, so weit das Auge reicht: Pumpen, Verdunstungsbecken, riesige Salzseen, die langsam ausgepresst werden. Und am Rand dieser Zone: indigene Gemeinschaften, die um ihr Wasser kämpfen. Wasser, das sie zum Überleben brauchen.
Trotzdem behaupten jene, die sich weniger für die Menschen oder die Ökologie der Region, sondern vor allem für die dort lagernden Rohstoffe interessieren, die Atacama-Salzwüste sei leer und leblos.
Neokoloniales Muster
Mit dieser Exkursion beginnt Thea Riofrancos ihr Buch. Die amerikanische Politökonomin schreibt über bestehende und geplante Lithium-Abbaugebiete in Chile, Argentinien und Australien, in Portugal und Serbien, mit erheblichem Wasserverbrauch und mit toxischen Rückständen.
Riofrancos hat mit Angehörigen der indigenen Gemeinden, die gegen die Konzerne klagen, gesprochen. Und mit Bergbaulobbyisten, die sich als Retter des Klimas verstehen.
Ihre zentrale These ist unbequem: Wir bekämpfen den Klimawandel mit einer Energiewende, die auf denselben Logiken beruht wie das fossile System, das wir überwinden wollen: Die Ausbeutung von Ressourcen.
Lieferketten, deren soziale und ökologische Kosten von armen Gemeinschaften im Globalen Süden getragen werden, während der Nutzen und die Profite bei Autofahrern und Aktionären im Norden landen. Riofrancos nennt das „grünen Extraktivismus“ – und zeigt, wie dieses neokoloniale Muster funktioniert:
„Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass der Abbau von Bodenschätzen verringert werden muss. Eines ist klar: Der Wettlauf zu neuen Grenzen der Ressourcenerschließung wird durch den unstillbaren Hunger auf Rohstoffe angefacht, die gebraucht werden, um die Fabriken des globalen Kapitalismus anzutreiben, die vor allem den Konsum der Reichen ermöglichen.“
Verschiedene Null-Emissions-Szenarien
Das Buch ist viel mehr als ein politisches Plädoyer: Es ist eine penibel berechnete Analyse. Mit einem Team von Ingenieuren und Verkehrsexperten hat Riofrancos Modelle entwickelt, die verschiedene Null-Emissions-Szenarien miteinander vergleichen.
Wenn man, so ihre Erkenntnis, statt des einfachen Austauschs „Verbrenner gegen Elektroauto" einen anderen Weg einschlagen würde – dichtere Städte, massiver Ausbau von Bus, Bahn, Fahrrad, kleinere Batterien, konsequentes Recycling, dann könnte der Lithiumbedarf um zwei Drittel sinken. Das ist keine Utopie, das ist wohlkalkulierte Industrieökologie.
Das Klima lässt sich nicht retten, indem man die bestehende Autogesellschaft elektrifiziert. Wer das behauptet, tut das oft nicht aus klimapolitischer Überzeugung, sondern weil mächtige Industrien – Automobilhersteller, Bergbaukonzerne, Finanzinvestoren – von genau diesem Szenario profitieren.
Weniger Individualverkehr - mehr Lebensqualität
Heißt das weniger Lebensqualität? Nein, meint Riofrancos. Dichte Städte, kurze Wege, guter öffentlicher Nahverkehr: Das ist kein Rückschritt, das ist eine andere, attraktivere Form des städtischen Lebens.
Wir können uns der beängstigenden Realität zunehmender politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Instabilität nicht entziehen. Die Turbulenzen erfassen alles einschließlich der materiellen Grundlagen der Energiewende.
Das Buch endet nicht in Resignation. Die Lieferketten des grünen Kapitalismus verbinden Menschen, die meist wenig voneinander wissen: Bergbaugegner in den Anden, Busfahrerinnen in Berlin, Gewerkschaftler in Batteriefabriken in Thüringen, Radaktivisten in Kopenhagen.
Diese Menschen kämpfen scheinbar um verschiedene Dinge – aber Riofrancos sieht hier das Potential einer neuen, globalen Koalition, die faktisch gegen dieselbe Logik ankämpft.
Sie hat ein Buch vorgelegt, das man in seiner Aktualität kaum überschätzen kann. Wer bei Klimapolitik mitreden möchte, kann diese klarsichtige Analyse nicht ignorieren.
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