Die Autorin Tanja Maljartschuk kennt die Gedichte von Lesja Ukrajinka seit ihrer Kindheit. Umso empörter ist sie, dass niemand in Deutschland das Werk von Ukrajinka kenne: „Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine dachte ich mir, das muss endlich geändert werden. Denn diese Abwesenheit der ukrainischen Kultur passt sehr gut in die russische Propaganda, dass die Ukraine keine Kultur habe.“
Tanja Maljartschuk, die in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren ist und in Wien lebt, kann seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine nicht mehr selbst schreiben. So kam ihr die Idee für die „Ukrainische Bibliothek“.
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Infolge des russischen Angriffskriegs bezeichnet sich die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk als gebrochene Autorin, die ihr Vertrauen in die Sprache verloren hat.
Verbotene ukrainische Sprache
Zwei Bände sind bisher in der „Ukrainischen Bibliothek“ erschienen: Gedichte von Juri Andruchowytsch und Prosa von Lesja Ukrajinka.
Tanja Maljartschuk hat einen Band mit Erzählungen von Lesja Ukrajinka herausgegeben. Ukrajinka, die 1883 in Wolhynien geboren ist und im Alter von 42 Jahren gestorben ist, gehört für sie zu den lesenswertesten Autorinnen der literarischen Frühmoderne. Sie ist eine Frau, die sich schon mit ihrem Künstlernamen, der auf Deutsch „Lesja, die Ukrainerin“ bedeutet, vom russischen Imperium distanziert hat.
Ihre Botschaft, sagt Tanja Maljartschuk: „Ihr werdet mich nicht haben.“ Ganz bewusst habe sie damit in Kauf genommen, dass sie so keine bekannte russische Autorin wird. Noch deutlicher wird ihre Ablehnung dadurch, dass sie auf Ukrainisch schrieb, zu einer Zeit, als die Sprache verboten war.
Psyche der Frau in der Literatur
Lesja Ukrajinka war eine sehr belesene Frau, die neun Sprachen sprach und durch Europa reiste. In ihren Theaterstücken, Gedichten und Erzählungen kommen fast nur Frauenfiguren vor. Und das in einer Zeit, in der die Perspektive von Frauen in der Literatur quasi nicht vorhanden war, sagt Tanja Maljartschuk.
So habe Ukrajinka nicht nur aus der Perspektive von Frauen geschrieben, sondern auch über die Gewalt, die Frauen in ihrer Zeit erlebt haben.
Wie etwa in der Erzählung „Stadt der Trauer“. Diese spielt in einer Frauen-Irrenanstalt. Ukrajinka beschreibt ihren Wahnsinn und wie dieser sich äußerlich auswirkt mit großer Empathie:
„Das ist unglaublich neu für ihre Zeit. Sie hat sich auch sehr für Psychoanalyse interessiert und diese Geschichte geschrieben, bevor Sigmund Freud seine Abhandlungen veröffentlichte“; erzählt Tanja Maljartschuk begeistert.
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Hoffnungen auf Europa
Insgesamt acht Bände sollen im Wallstein Verlag in der Reihe „Ukrainische Bibliothek“ erscheinen.
Tanja Maljartschuk hofft, dass die Klassiker, die größtenteils zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt werden, nicht nur der ukrainische Literatur und ihre Autor*innen einen angemessenen Platz in der europäischen Literaturgeschichte verschaffen. Sondern auch, dass die Ukraine selbst zukünftig Teil der Europäischen Union werden könnte.
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„Vielleicht würden wir keine Gedichte mehr brauchen, hätten wir den Weg gefunden, eine Welt ohne Gewalt zu schaffen“.
Infolge des russischen Angriffskriegs bezeichnet sich die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk als gebrochene Autorin, die ihr Vertrauen in die Sprache verloren hat. Bereits im Jahr 2011 ging sie ins Exil, lebt seither in Wien und schreibt vor allem über das Grauen des Kriegs und die Existenz in der Emigration.
2018 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bekannt wurde ihr Text „Russland, mein Russland, wie liebe ich dich“ – mit dem Zusatz: „Bitte rette uns nicht!“