Sachbuch von Anneke Lubkowitz

Rebellinnen zu Fuß: Wandernd gegen das Frauenbild ihrer Zeit

Sich durch die Wildnis schlagen, Berggipfel erklimmen und sich dort der Erhabenheit der Natur hingeben: Oft ist das in Kunst und Literatur reine Männersache. Dabei mangelt es nicht an weiblichen Vorbildern, wie das Buch „Rebellinnen zu Fuß“ von Anneke Lubkowitz zeigt.

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Von Autor/in Ines Kunze

Wer kennt ihn nicht, den berühmten „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich? Das Gemälde zeigt den Inbegriff der Romantik: einen Abenteurer, der auf der Spitze eines Berges steht und dem Betrachter den Rücken kehrt, so ergriffen ist er von dem Ausblick, der sich ihm bietet. Und es zeigt uns einen Mann, der da scheinbar ganz allein auf weiter Flur unterwegs ist.

Auch sonst sind uns eher männliche passionierte Wanderer überliefert. So etwa in Schuberts berühmten Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“: Ob die zugehörige „schöne Müllerin“ auch gerne unterwegs gewesen ist oder wäre, wissen wir nicht.

"Der Wanderer im Nebelmeer" von Caspar David Friedrich.
„Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich.

Auf der Spur der Pionierinnen

Dass es aber durchaus Frauen gab, die das Wandern für sich entdeckten, ist gesichert – nur verblassen die Erinnerungen an sie zusehends. Vielleicht ist das der Grund, stellt Autorin Anneke Lubkowitz fest, dass sie als Frau nie den Zugang zum Wandern fand.

Es fängt schon bei der Bezeichnung an: Heißt es eigentlich „Wanderin“ oder „Wandererin“? Das fragt sich Lubkowitz zu Beginn ihres Buches. Im Gegensatz zum männlichen Pendant ist keine der weiblichen Varianten besonders geläufig.

Lubkowitz entscheidet sich für „Wanderin“ und beginnt mit ihrer Recherche über eine Auswahl berühmten Frauen, die in den vergangenen Jahrhunderten die Natur für sich entdeckten: Bettina Brentano etwa, Mary Shelley, Annette von Droste-Hülshoff, oder nicht zuletzt Simone de Beauvoir.

Kampf an mehreren Fronten

Trotz verschiedenster Lebensumstände eint all diese Frauen eines: Sie eroberten die Natur auf eigene Faust und verstießen damit gehörig gegen das Frauenbild ihrer Zeit. Denn dass Frauen ins Häusliche gehörten und zu Fuß höchstens Spaziergänge unternahmen, galt lang als naturgegeben. Dass der Drang zum Wandern in der Natur damit auch symbolisch für Freiheit stand, erschließt sich von selbst.

Diese Freiheit hatte aber auch seinen Preis, wie Lubkowitz schreibt: Allein die Kleidung und Frisuren, die Frauen lang vor der Erfindung von Trekkinghosen und Wanderstiefeln trugen, machten eine Wanderung nicht selten zur riskanten Unternehmung.

Portrait Sophie von La Roche
Lies sich von fehlender Outdoor-Kleidung nicht abhalten: Sophie von La Roche.

So findet sich etwa in Reiseberichten der Schriftstellerin Sophie von La Roche der Hinweis, dass sie an einem Punkt ihrer Expedition die Absätze ihrer Schuhe abbrach. Den bisherigen Weg war sie also offenbar mit ihnen gelaufen.

In einem Brief an eine Freundin berichtet Annette Droste-Hülshoff davon, bei einer Wanderung in einen Sturm geraten zu sein. Dabei habe sich ihr wattiertes Kleid dem Wind eine große Angriffsfläche geboten, sodass sie kriechen habe müssen, um nicht mitgerissen zu werden. Das Kleid habe sich außerdem mit Wasser vollgesogen.

Wer wandert, riskiert

Allgemein war das Wandern als bloße Freizeitbeschäftigung lange nicht sehr etabliert: Lubkowitz beschreibt, dass es vor 200 oder 300 Jahren noch lange nicht die Art von beschilderten Wanderwegen gab, die wir heute kennen.

Eine Wanderung, etwa in unwegsames Gelände wie die Alpen, war damit immer auch mit Risiko verbunden. Wer etwas auf sich hielt, reiste mit der Kutsche oder lies sich anderweitig transportieren.

"Villa Dioda" am Genfer See
Die „Villa Dioda“ am Genfer See: In dieser Umgebung sammelte Mary Shelley Inspiration für „Frankenstein“.

Der Weg zu Fuß hatte also teilweise auch finanziellen Gründe, wie etwa im Fall von Mary Shelley, die mit ihrem späteren Ehemann Percy vor ihrer Familie quer durch Europa floh und dabei große Strecken zu Fuß zurücklegte.

Dabei ermöglichte ihr diese Art de Reisen, die Natur auch ganz anders zu erleben und wahrzunehmen als manche ihrer Vorgängerinnen. Dieses Erlebte hielt sie literarisch fest: So entstand in dieser Zeit ihr weltberühmter Roman „Frankenstein“, an dem das Monster an so manch einem Schauort herumirrt, den Shelley selbst zu Fuß besucht hat.

Burg Frankenstein
Von dieser Burg soll der Name von Mary Shelleys Titelfigur inspiriert worden sein: Burg Frankenstein im Odenwald.

Wandern für die Seele

Das Wandern fernab bekannter Wege gab den Frauen, die Anneke Lubkowitz in „Rebellinnen zu Fuß“ porträtiert, die Freiheit, die ihnen die Welt sonst nicht geben konnte: Manche beschreiben in ihre Erlebnisse in Briefen und Reiseberichten wie einen poetischen Rausch.

Ich fühl’s, wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an den Bergen hinauf, da liegt ein Rhythmus in meiner Seele, nach dem muß ich denken, und meine Stimmung ändert sich im Takt.

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