Odyssee durch die Wüste

„Sirāt“: Techno-Roadtrip zwischen „Mad Max“ und dem ultimativen Rave

Ein Vater sucht seine verschwundene Tochter mitten in der marokkanischen Wüste – und gerät in einen ekstatischen Rave-Trip. Ein Roadmovie zwischen Rausch, Angst und Erlösung: „Sirāt“, bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, ist ein bildgewaltiger, kompromissloser Grenzgang zwischen „Mad Max“-Energie und mystischer Trance – sinnlich, roh und voller Ausdruckskraft.

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Von Autor/in Rüdiger Suchsland

Auf der Flucht vor Zivilisation, Regeln und Normierungen

Eine Rave-Party, irgendwo nahe der Wüste in Marokko. Der knapp 60-jährige Luis sucht hier gemeinsam mit seinem kleinen Sohn Esteban seine vor Monaten verschwundene Tochter.

Am nächsten Morgen schließt er sich einer Gruppe Raver an, die in zwei geländetauglichen Trucks durch ein Wüstengebiet fahren wollen. Irgendwohin zur nächsten Rave-Party und weg von der Zivilisation mit ihren Zwängen, Regeln und Normierungen.

„Sirât" von Oliver Laxe
Ein Vater (Sergi López) und sein kleiner Sohn Esteban (Bruno Núñez) kommen auf einem abgelegenen Rave in den Bergen Südmarokkos an. Sie sind auf der Suche nach Luis' Tochter Mar, die vor Monaten auf einer dieser niemals endenden Partys verschwunden ist.

Road-Movie durch die marokkanische Wüste

„Sirāt“ von Óliver Laxe ist ein Road-Movie, eine Fahrt ins Ungewisse. Seine Erzählprämisse – die Suche nach der Tochter und der Wüstentrip – entpuppt sich rasch als loses Gerüst, das die Reise ins Symbolische und Abstrakte tragen soll.

Getragen von einer bildgewaltigen Inszenierung mit starkem sinnlichen Potenzial, wird dies zunehmend unwichtig. Dies ist ein Film, der all unsere Sinne anspricht, den man mit jeder Faser fühlt und der trotzdem den Verstand nicht ausschaltet, sondern öffnet.

„Sirāt" von Oliver Laxe
Luis (Sergi Lopéz) folgt den Ravern Stef (Stefania Gadda) Bigui (Richard Bellamy) und Josh (Joshua Liam Henderson) zu einer letzten Party in der Wüste.

Musikberauschte New-Age-Hippies

Was hier zu erleben ist, ist unter anderem das Aufeinandertreffen zweier Familienmodelle: Die klassische Kernfamilie ist zerbrochen. Sie trifft auf ein neues, fluideres Modell, das mit „Patchwork" nur unzureichend beschrieben ist.

Die selbsternannten Außenseiter, Nonkonformisten und drogen- wie musikberauschten „Herren der Ekstase" wirken wie New-Age-Hippies.

„Sirāt“ von Oliver Laxe
Die Karawane zieht durch die Wüste. „Sirāt“ von Óliver Laxe führt in die marokkanische Wüste und ist dabei so kompromisslos und intensiv wie sein Schauplatz.

„Sirāt“ meint die Brücke zum Paradies

Der Titel „Sirāt“ stammt aus dem Arabischen: Es bezeichnet im Islam die Brücke, die alle Menschen überqueren müssen, um das Paradies zu erreichen. Unter dieser Brücke liegt die Hölle. Manche Menschen überqueren sie sicher, andere stürzen in die Dunkelheit.

Die Brücke, heißt es, sei „so dünn wie ein Haar und so scharf wie ein Messer“. Dies ist ein allegorischer Trip, der vom ekstatischen Zustand in die Angst und dann in das Glück der Befreiung führt.

„Sirāt" von Oliver Laxe
„Tief im Innern sind wir alle gebrochene Wesen“, erklärt Regisseur Óliver Laxe. „Aber die meisten von uns entwickeln Mechanismen, um diese Wunden zu verbergen. Das ist es, was ich an Ravern liebe: Sie zeigen ihre Brüche offen – ungefiltert.“ Im Bild: Jade Oukid, vorne und Tonin Janvier.

Trip ins Spirituelle

Der spanisch-französische Regisseur Óliver Laxe, der in Galicien, dem rauen Nordwesten Spaniens aufwuchs, lädt in seinem vierten Langfilm zu einer filmischen Reise ein.

Über den bloßen narrativen Rahmen hinaus lässt uns dieser Film in ein immersives Erlebnis eintauchen: sogartig, hineinziehend, unwiderstehlich. Dieses Erlebnis gleicht ebenso sehr einem Abstieg in die Hölle, wie der Suche nach einem Paradies.

„Sirāt“ von Oliver Laxe
Auf dem Weg zu ihrem nächsten Rave: Tonin (Tonin Janvier), Stef (Stefania Gadda), Jade (Jade Oukid) und Josh (Joshua Liam Henderson).

„Sirāt“ ist Kino, wie es sein sollte

Dieser Film lässt keine lauwarme Reaktion zu. „Sirāt“ ist konsequent, sinnlich, leidenschaftlich, kompromisslos, ohne Zugeständnisse an den Mainstream oder ans Publikum zu machen.

Es ist zwar kein perfekter, aber ein wahnsinnig guter Film; Kino in dem immer alles möglich ist: auch der größte Unsinn, auch die schlimmste Überraschung, auch die prächtigste Schönheit.

Trailer „Sirāt“, ab 14.08.2025 im Kino

SIRÂT von Oliver Laxe: Offizieller Trailer (deutsch) I Ab 14. August 2025 im Kino

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