Auf der Flucht vor Zivilisation, Regeln und Normierungen
Eine Rave-Party, irgendwo nahe der Wüste in Marokko. Der knapp 60-jährige Luis sucht hier gemeinsam mit seinem kleinen Sohn Esteban seine vor Monaten verschwundene Tochter.
Am nächsten Morgen schließt er sich einer Gruppe Raver an, die in zwei geländetauglichen Trucks durch ein Wüstengebiet fahren wollen. Irgendwohin zur nächsten Rave-Party und weg von der Zivilisation mit ihren Zwängen, Regeln und Normierungen.
Road-Movie durch die marokkanische Wüste
„Sirāt“ von Óliver Laxe ist ein Road-Movie, eine Fahrt ins Ungewisse. Seine Erzählprämisse – die Suche nach der Tochter und der Wüstentrip – entpuppt sich rasch als loses Gerüst, das die Reise ins Symbolische und Abstrakte tragen soll.
Getragen von einer bildgewaltigen Inszenierung mit starkem sinnlichen Potenzial, wird dies zunehmend unwichtig. Dies ist ein Film, der all unsere Sinne anspricht, den man mit jeder Faser fühlt und der trotzdem den Verstand nicht ausschaltet, sondern öffnet.
Musikberauschte New-Age-Hippies
Was hier zu erleben ist, ist unter anderem das Aufeinandertreffen zweier Familienmodelle: Die klassische Kernfamilie ist zerbrochen. Sie trifft auf ein neues, fluideres Modell, das mit „Patchwork" nur unzureichend beschrieben ist.
Die selbsternannten Außenseiter, Nonkonformisten und drogen- wie musikberauschten „Herren der Ekstase" wirken wie New-Age-Hippies.
„Sirāt“ meint die Brücke zum Paradies
Der Titel „Sirāt“ stammt aus dem Arabischen: Es bezeichnet im Islam die Brücke, die alle Menschen überqueren müssen, um das Paradies zu erreichen. Unter dieser Brücke liegt die Hölle. Manche Menschen überqueren sie sicher, andere stürzen in die Dunkelheit.
Die Brücke, heißt es, sei „so dünn wie ein Haar und so scharf wie ein Messer“. Dies ist ein allegorischer Trip, der vom ekstatischen Zustand in die Angst und dann in das Glück der Befreiung führt.
Trip ins Spirituelle
Der spanisch-französische Regisseur Óliver Laxe, der in Galicien, dem rauen Nordwesten Spaniens aufwuchs, lädt in seinem vierten Langfilm zu einer filmischen Reise ein.
Über den bloßen narrativen Rahmen hinaus lässt uns dieser Film in ein immersives Erlebnis eintauchen: sogartig, hineinziehend, unwiderstehlich. Dieses Erlebnis gleicht ebenso sehr einem Abstieg in die Hölle, wie der Suche nach einem Paradies.
„Sirāt“ ist Kino, wie es sein sollte
Dieser Film lässt keine lauwarme Reaktion zu. „Sirāt“ ist konsequent, sinnlich, leidenschaftlich, kompromisslos, ohne Zugeständnisse an den Mainstream oder ans Publikum zu machen.
Es ist zwar kein perfekter, aber ein wahnsinnig guter Film; Kino in dem immer alles möglich ist: auch der größte Unsinn, auch die schlimmste Überraschung, auch die prächtigste Schönheit.
Trailer „Sirāt“, ab 14.08.2025 im Kino
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