Uniform und Zahnlücke
Er ist der große Unbekannte der zeitgenössischen Weltliteratur. Keiner kennt ihn, und die wenigen, die ihn kennen, halten dicht, er hat es in die Serie „Die Simpsons“ geschafft, wo er passend eine Papiertüte auf dem Kopf trägt. Es gibt ein Jugendbild, das ihn in Marineuniform mit Zahnlücke zeigt. Man weiß, dass er bei „Boeing“ gearbeitet hat, also etwas vom Technik versteht.
Und dass er bei Vladimir Nabokov studiert hat, woran der sich nicht mehr erinnern will, aber was heißt das bei Nabokov schon.
Und ganz nebenbei: Er wird den Literaturnobelpreis nie gewinnen, obwohl er alljährlich auf der Kandidatenliste steht. Das alles wäre nicht interessant, wenn Thomas Pynchon nicht einer der ganz Großen wäre – einer der, wie Denis Scheck sagen würde, wenigen 8000er der Literaturgeschichte.
Pynchons ungewöhnliches Talent
Man wusste schon früh vom ungewöhnlichen Talent Pynchons, aber mit der Veröffentlichung von „Gravity's Rainbow“ von 1971 hat Thomas Pynchon die literarische Öffentlichkeit umgekrempelt.
In Deutschland begann der Hype zehn Jahre später mit der Übersetzung „Die Enden der Parabel“, an der sich Elfriede Jelinek, die spätere Literaturnobelpreisträgerin – welch Ironie – und Thomas Piltz, der, so lauten die Gerüchte, Jelineks Fassung überhaupt lesbar gemacht hat, fast die Zähne ausbissen, aber auch heute fliegt man bei manch seitenlangen Sätzen noch ziemlich aus der Kurve.
Damals war die Postmoderne gerade schick, aber gegenüber den „Enden der Parabel“ wirkten die europäischen Stars wie Italo Calvino oder Umberto Eco wie brave Taschenspieler. Hier ging es wirklich zur Sache. Dass man den Roman nicht wirklich nacherzählen kann, ist ein Teil seiner Strategie, die Nacherzählung wäre der Roman selbst.
400 Personen hat man gezählt, die diesen turbulenten Kosmos bevölkern und irgendwie hängen alle mit allen zusammen. Nur wie?
Erektionen und Raketen
Der Roman spielt gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und hat einen Helden: Tyrone Slothrope, dessen Frauengeschichten plus Erektionen seltsamerweise an den gleichen Orten stattfinden, an denen später die deutschen V2-Raketen einschlagen werden, was alle Geheimdienste elektrisiert.
Die Antwort ist nicht mysteriös-esoterisch, sondern klingt wissenschaftlich: Der kleine Tyrone kam mit einem neuartigen Kunststoff in Berührung, der in der Raketentechnik verbaut wurde. Der zweite Teil des Romans ist eine wilde Jagd durch die Anarchie des zerfallenden Nachkriegsdeutschlands, in der unser Held irgendwann verschwindet. Auch das ist typisch Pynchon.
Seine überbordende Fantasie steckt voller geschichtlicher Bezüge, und was einem beim Lesen am unwahrscheinlichsten erscheint, ist meistens einfach wahr. Seine männlichen Helden sind Schaumschläger und Sprücheklopfer mit melancholischem Einschlag und ohne wirklichen Durchblick.
Aber wer hat den schon? Wir Leser? Es wird gesungen, getanzt, Drogen konsumiert, die Protagonisten – männlich und weiblich – haben etwas Comichaftes; psychologischer Tiefgang ist nicht das Hauptinteresse des Autors.
Hat das denn alles einen Sinn?
Das hat nie verhindert, dass er die große Weltpolitik, die vielen kleinen persönliche Geschichten und die lapidare Existenzfrage – Hat das denn alles einen Sinn? – sehr lässig unter einen erzählerischen Hut brachte. Seine Helden sind Figuren auf einem Schachbrett, das man nie ganz zu Gesicht bekommt, bis es am Ende zu verschwinden droht.
Übrig bleibt ein Wimmelbild von Geheimdienstlern, Strippenziehern, Verfolgten und Verfolgern, die schnell mal die Position wechseln. Unübersichtlichkeit ist Pynchons erzählerische Methode. In jedem Augenblick können die Regeln geändert werden, in jedem Moment ist alles möglich – das nennt man Entropie. Kurz: lose Ende sind erwünscht.
Platz 3 (66 Punkte) Thomas Pynchon: Schattennummer
Da ist er wieder, der große Unbekannte, mittlerweile 88 Jahre alt. Mit einer Hommage an die schwarzen Krimis. Milwaukee, 1932: Ein Privatdetektiv sucht die Erbin einer Käsefabrik und landet in Europa zwischen Nazis und Agenten. Pynchon eben.
Explodierte Erzähloberflächen und lose Enden
Man könnte auch sagen: Die Erzähloberfläche explodiert in den Romanen von Thomas Pynchon. Was sie zusammenhält, ist die Frage nach der Struktur selbst. Gibt es denn überhaupt eine, einen, der alle Fäden in der Hand hält?
Das „System“, „SIE“, „Them“, wie es bei Pynchon heißt – oder ist es nur der Ausgeburt unserer paranoiden Fantasie? Suchen wir, wie die Pynchon-Figuren, Ordnung, wo keine ist? Und hat denn der Autor selbst alles im Griff oder lässt er schon einmal ein paar Fäden liegen?
Plötzlich wird die postmoderne Ästhetik zu einer eminent politischen Veranstaltung, weil alle diese Fragen natürlich auf unsere Verfassung zielen, auf die Demokratie, auf die Frage: Wer hat die Macht? „We the people“ oder der „deep state“? Die Geheimdienste? Sind wir souverän oder ist unsere Freiheit nur eine Illusion?
Von wegen zärtlich! Neue Bücher von Joy Williams, Thomas Pynchon, Jegana Dschabbarowa, Yavuz Ekinci, ein Paul Auster Comic und ukrainische Klassiker
Ukrainische Klassiker in moderner deutscher Übersetzung erscheinen nun als „Ukrainische Bibliothek“ im Wallstein Verlag. Neu entdecken: Paul Austers „New-York-Trilogie“ als Comic.
Macht und Politik
Nach „Gravity´s Rainbow“ las man die auch schon herrlich paranoiden Vorgängerromane „V.“ und „Die Versteigerung der Nummer 49“, dann später den, wie es immer heißt, zugänglicheren Roman „Vineland“, schließlich „Mason & Dixon“, sozusagen ein historischer Roman à la Pynchon, der im 18. Jahrhundert angesiedelt ist und die Vermessung der Vereinigten Staaten von Amerika erzählt.
„Gegen den Tag“ von 2006, der in einem riesigen Panorama das Scheitern der modernen Fortschrittsfanasien im Feuer des Ersten Weltkrieges beschreibt.
Und auch sein letzter Roman „Schattennummer“ ist eminent politisch. Er spielt im Jahr 1932 zwischen den politischen Verwerfungen in den USA, der Prohibition, den Mafiasyndikaten, die sich ein Käseimperium unter den Nagel reißen wollen, und einem Europa, in dem sich der Faschismus sein hässliches Haupt erhebt.