Neues Album

Daniil Trifonov widmet sich dem unbekannten Tschaikowsky

Daniil Trifonov spielt auf seinem neuen Album weniger bekannte Charakterstücke und Ballett-Musik von Tschaikowsky, der heute in erster Linie für seine Sinfonien, Ballette und Klavierkonzerte bekannt ist.

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Von Autor/in Christoph Vratz

Kinderalbum nicht zu unterschätzen

Mit einer schlichte Melodie eines Chorals und sanften, leicht melancholisch schattierten Akkorden eröffnet Daniil Trifonov das „Kinderalbum“ von Peter Tschaikowsky.

„Obwohl diese Musik oft langsam und leise ist, erfordert sie große Kontrolle“, hat Daniil Trifonov kürzlich in einem Interview gesagt. Und genau das bringt sein Spiel zum Ausdruck: den Wunsch, nicht zu übertreiben. Dass dieser Versuch nicht künstlich oder krampfig wirkt, liegt an der Qualität des Pianisten: Trifonov legt selbst in solchen Miniaturen die emotionale Tiefe der Musik frei.

Kleine Entwicklungen werden zu großer Kunst

Neben dem „Kinderalbum“ enthält das neue Album auch Tschaikowskys Variationen über ein eigenes Thema aus op. 19. Dieses frühe Werk zeigt bereits erste unverkennbare Merkmale von Tschaikowskys späterem Stil: neben dem melodischen Melos und den harmonischen Färbungen auch eine straffe Rhythmik.

Tchaikovsky: 6 Pieces, Op. 19: No. 6, Thème original et variations. Theme

So sehr man in dieser Musik auch das Erbe der, nicht zuletzt deutschen, Romantik erkennen kann: Daniil Trifonov präsentiert uns diese Musik nicht als Talentproben eines Hochbegabten, sondern als Ausdruck tiefer, ehrlicher Empfindungen.

Er gerät gar nicht erst in Versuchung, die Atmosphäre des Salonhaften entstehen zu lassen. Kleine Entwicklungen werden zu großer Kunst. Mal verändert sich unerwartet ein Melodieverlauf, mal rückt Trifonov bestimmte Harmonien in den Mittelpunkt.

Meister des kurzen Szenenwechsels

Auch die cis-Moll-Sonate ist ein frühes Werk und stammt noch aus Tschaikowskys Stankt Petersburger Studienzeit. Trifonov leitet aus der formalen Strenge fließende Bewegungen ab.

Das Scherzo hingegen gerät zu einem Satz voller Kontraste: schwebend-filigran hier, trotzig-lodernd dort. Und das innerhalb weniger Takte. Trifonov erweist sich als Meister des kurzen Szenenwechsels.

Tchaikovsky: 6 Pieces, Op. 19: No. 6, Thème original et variations. Theme

Virtuosität bei „Dornröschen“

Schließlich enthält das neue Doppel-Album ein Werk aus Tschaikowskys Meisterjahren: Ausschnitte aus dem Ballett „Dornröschen“, in der von Mikhail Pletnev trefflich eingerichteten Fassung für Klavier solo.

Hier nun dominieren mehr das Virtuose und Brillante. Trifonov aber gelingt es, den orchestralen Satz ungemein vielfarbig auf dem Klavier zur Geltung zu bringen. Er spielt das gleichermaßen leichthändig wie souverän und bannt so sein Publikum zum Hinhören – und zum Staunen.

Tchaikovsky: The Sleeping Beauty, Op. 66 (Transcr. Pletnev as Concert Suite for Piano) : I....

Tschaikowsky auf höchstem Niveau

Ob Daniil Trifonov wie bei Tschaikowskys „Kinderalbum“ kleine Stücke spielt, ob er sich wie bei den Variationen und der Sonate den Jugendwerken zuwendet, oder ob er wie bei „Dornröschen“ technisch Anspruchsvolles präsentiert: Alles besitzt die gleiche Tiefe, die gleiche Ernsthaftigkeit und Reife.

Das unterscheidet ihn beispielsweise von Lang Lang, der auch kleine Stücke oft mit einem gewissen Manierismus versieht. Trifonovs Spiel verfügt über eine große Fülle an Farben und Anschlagsnuancen, die er mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit dem Klavier anvertraut

So können wir hier einen weitgehend unbekannten Peter Tschaikowsky neu entdecken – auf höchstem Niveau.

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Mit 17 Jahren zog Daniil Trifonov in die USA. Nun begibt er sich auf musikalische Spurensuche durch Nordamerika: „My American Story“ lautet der Titel seines neuen Albums.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Christoph Vratz
Christoph Vratz
Onlinefassung
Sebastian Kiefl
Sebastian Kiefl, Autor SWR Kultur
Künstler/in
Daniil Trifonov