Tickets, Instrumente & Noten
Ungefähr ein Drittel aller in Deutschland registrierten 18-Jährigen hatten laut dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien bis Ende 2024 ihr Kulturpass-Budget freigeschaltet – insgesamt also knapp 500.000 Jugendliche. Sie nutzten das Angebot in allen drei Jahren in erster Linie für Bücherkäufe, etwas seltener für Kinokarten.
Die Musikbranche belegte von Beginn der Aktion im Jahr 2022 bis Oktober dieses Jahres den dritten Platz: 250.000 Konzerttickets, fast 13.000 Musikinstrumente, rund 9.000 Tonträger und über 1.200 Notenausgaben.
Gerade nach Ende der Pandemie war die App für einen Teil dieser krisengeplagten Generation also definitiv ein Anreiz sich ins Kulturleben vorzuwagen – besonders für diejenigen, deren Budget sonst nicht für Kino- oder immer teurer werdende Konzertkarten oder gar ein Instrument reicht.
Filmmusik im Trend
Laut BKM-Sprecherin Jennifer Stolz haben die Jugendlichen – Stand Mitte Oktober – „8.300 Reservierungen mit einem Gesamtwert von 358.000 Euro für Veranstaltungen im Bereich klassische Musik und Musiktheater getätigt.“
Die meistgekauften Tonträger im Bereich der Klassik waren vor allem Filmmusik-Alben: Hans Zimmers „The Classics“ auf Platz 1, danach die Expanded Version von „Interstellar“ und John Williams‘ Klassiker auf dem 5. Platz. Dazwischen: die kompletten Warner-Classic-Recordings und Gustav Mahlers Sinfonien 1-10. Auf John Williams folgen direkt Bachs Goldberg-Variationen.
Podcast Score Snacks – der Filmmusik-Podcast
Ein „Score“, das ist die extra für einen Film komponierte Filmmusik, die oft so eingängig ist, dass sie noch lange nach dem Kinobesuch im Ohr bleibt. SWR Kultur Musikredakteur Malte Hemmerich lässt in „Score Snacks“ die Szenen großer Kinofilme durch genau diese Musik wieder aufleben! Malte erklärt unter anderem, was die Musik von „Harry Potter“ mit Eulen zu tun hat, warum Joker im Badezimmer Cello hört oder warum der Soundtrack aus „Rocky“ bis heute zum Training taugt. Auf Spotify gibt es die „Score Snacks“ als exklusive Playlist mit den kompletten Songs im Anschluss an jede Folge.
„Score Snacks“ gibt es immer freitags in der ARD Audiothek, auf allen gängigen Podcast-Plattformen und auf SWRKultur.de.
Unterschiede zwischen Stadt und Land
Interessant sind auch Unterschiede mit Blick auf einzelne Städte – wobei 80 Prozent der Nutzer das Tracking ihres Standorts erlaubt haben: Musikinstrumente machten in Dresden 28 und in Köln rund 23 Prozent der Reservierungen aus, in Hamburg und Dortmund dagegen nur 4 Prozent und in Stuttgart noch weniger, nur etwa 0,3 Prozent.
Dafür investierten die Jugendlichen in diesen Städten im Verhältnis weitaus mehr Budget in Bücher oder Kinokarten. Die Elbphilharmonie hat zum Beispiel in der Saison 2024/25 510 Kulturpass-Gutscheine ausgegeben, das Konzerthaus Dortmund lediglich 8 – was beides wenig ist. Beide Häuser verzeichnen Rekord-Saisons mit Blick auf den Kartenverkauf, auch unter jungen Menschen – braucht es den Kulturpass also überhaupt?
Ja! Denn in einer Realität, in der diese Jugendlichen mit permanent steigenden Lebenshaltungs- und Bildungskosten konfrontiert sind und die Reallöhne teilweise stagnieren, sind geschenkte 200 oder 100 Euro für kulturelle Teilhabe viel Geld.
Dieser Generation geht es finanziell nicht unbedingt gut. Und eine Umfrage der ING Deutschland und Visa hat vor kurzem gezeigt: Ebenfalls ein Drittel der 18- bis 30-Jährigen erwartet keine gesetzliche Rente und fürchtet Altersarmut.
Zukunft der Rente: Was bringt eine Altersvorsorge durch Aktien?
„Wieder werden wir im Stich gelassen“
Auch vor diesem Hintergrund protestieren jetzt Schülervertreter gegen die Einstellung des Kulturpasses: „Wieder werden wir im Stich gelassen“, sagt zum Beispiel der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz Quentin Gärtner. Es könne nicht sein, „dass nur die Kinder von Ärzten und Anwälten ins Theater und ins Kino gehen können.“
Völlig unabhängig davon, wofür die Jugendlichen den Pass nun genutzt haben – die Einführung durch Claudia Roth vor drei Jahren war ein wichtiges Signal in ihre Richtung: Der Pass sollte einen Beitrag leisten zu gleichwertigen Lebensverhältnissen.
Frankreich, Italien und Spanien finanzieren weiter
Er bot eine Möglichkeit zur Teilhabe. Andere Länder machen das schon seit Jahren – und verlängern diese Angebote: Frankreich mit dem „pass Culture“, Italien mit der „Carta della cultura giovani“, Spanien mit dem „Bono Cultural Joven“.
Mit der Einstellung schafft Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nicht nur dieses konkrete Teilhabeangebot ab, sondern gleichzeitig die vielleicht wichtigste Maßnahme, die seine Vorgängerin eingeführt hat. Claudia Roths Amtszeit verschwindet damit endgültig im Nebel.