Musikalische und persönliche Verflechtungen
Wie klingt jüdische Musik? Gibt es etwas, das die Werke etwa von Mendelssohn, Mahler, Zemlinsky, Weinberg, Gershwin, Schulhoff und Korngold verbindet? Die neue CD des Jewish Chamber Orchestra Munich kann eine Antwort liefern und beginnt mit vier Liedern aus den Walzer-Gesängen von Alexander Zemlinsky.
Zemlinsky hat „Blaues Sternlein“ 1898 komponiert, ein Jahr vor seinem Austritt aus der jüdischen Gemeinde und zwei Jahre bevor er Alma Schindler kennenlernte, die ihn später verließ, um Gustav Mahler zu heiraten.
Eine Musik voller Leid
Gustav Mahler war 1897 vom Judentum zum Katholizismus übergetreten. 1902 heiratete er Alma Schindler. Als er 1910 seine zehnte Sinfonie zu komponieren begann, hatte Alma ein Verhältnis mit dem Architekten Walter Gropius begonnen, Gustav steckte also tief in einer Ehekrise.
Mit einem langen Viola-Solo beginnt der Adagio-Anfangssatz von Gustav Mahlers unvollendeter zehnter Sinfonie, und man hört: Das ist eine ganz andere Musiksprache. Hinter den Tönen steckt sehr viel Leid.
Jeder kennt jeden
Der dritte große Name auf dieser CD lautet Erich Wolfgang Korngold. Der Komponist war auch als Pianist hochbegabt. Schon den Zehnjährigen hat Gustav Mahler zum Genie ausgerufen und ihn Zemlinsky als Schüler empfohlen. Damit wäre das Beziehungsgeflecht der CD fast komplett.
Fehlt nur noch ein Lied von Josefine Winter, einer Bekannten der Mahlers. Und es fehlt auch noch eine kleine Serenade von einem Pianisten und Komponisten, dessen Familie eng mit Mahlers Herkunftsfamilie verbunden war: Alfred Grünfeld.
Kein gemeinsamer musikalischer Nenner
Die CD „Jewish Vienna“ ist ein bunter Blumenstrauß. Das Orchester spielt unter Daniel Grossmanns Leitung genau und mit hörbarer Hingabe, und die Sopranistin Chen Reiss verlässt nie den Rahmen des Einfachen, Schlichten, den die Lieder von Korngold und Zemlinsky vorgeben.
Um die Eingangsfrage zu beantworten: Dass alle Komponierenden einen jüdischen Hintergrund haben, hört man den Werken nicht an. Aber dieser Hintergrund ermöglicht einen faszinierenden Ausflug in das auf persönlicher wie auf künstlerischer Ebene vielfältig verflochtene Wiener Musikleben um 1900.