„Die Idee dieser Aufführung ist auch, dass wir damit in kleinere und mittlere Städte auf Tournee gehen. Und zwar so, dass wir die Werke für ein Publikum mit Familien präsentieren können“, erklärt Alexandre Dratwicki, Direktor des Zentrums für französische romantische Musik Palazzetto Bru Zane.
Das Bizet-Jubiläum wolle das Zentrum nicht nur nutzen, um Bizets sinfonische, große Opern-Musik für ein ganz ‚normales‘ Publikum zu präsentieren, so Dratwicki. „Daher haben wir diese Aufführung so anlegt, dass sie geteilt werden kann: ‚L'Arlésienne‘ erklingt vor der Pause und ‚Docteur miracle‘ danach, es sind zwei voneinander unabhängige Werke.“
Zum ersten Mal wendet sich „der Palazzetto“ mit einer Produktion besonders an Familien und spricht so das Publikum von morgen an. Und dann bleibt man der Maxime treu, unbekannte oder vernachlässigte Musik ins Bewusstsein zu rufen. Denn, Hand aufs Herz, was kennt man von Bizet? Seine Oper „Carmen“! Und dann?
Bekannte Suite trifft Jugendwerk
Natürlich, mancher kennt die „Arlésienne“-Suite. Aber wer weiß, dass das Auszüge aus Bizets Theater-Musik zum gleichnamigen Schauspiel von Alphonse Daudet sind? Über 50 Minuten Instrumentalmusik hat Bizet da 1872 geschrieben. Das meiste davon ist kaum bekannt. „Arlésienne“ meint eine „Frau aus Arles“. Ein Mann vom Land ist in sie verliebt, wird aber zurückgewiesen und bringt sich um.
„‚Arlésienne‘ und die Oper ‚Carmen‘ sind ganz anders als ‚Docteur miracle‘, musikalisch ist das wirklich echter Bizet“, sagt Dirigentin Sora Elisabeth Lee „mit etwas Verismo, es ist ‚realistischer‘. Auch inhaltlich sehr dramatisch, alles ist viel intensiver geworden.“ Lee dirigiert die Aufführung am Pariser Théâtre du Châtelet mit Bizets „L'Arlésienne“ und „Le Docteur miracle“.
„Le Docteur miracle“ in der Produktion von Palazzetto Bru Zane
Ein 19-jähriger Bizet auf der Suche nach seinem Stil
Bizet schrieb „Le Docteur miracle“, als er 19 war und versuchte, seinen Stil zu finden, erklärt die Dirigentin. Die Oper hat noch einige musikalische Anspielungen an Rossini.
Ein junger Soldat, Silvio, möchte Laurette, die Tochter des Bürgermeisters heiraten. Doch der hat eine Aversion gegen das Militär und verbietet die Heirat. Mit einem Trick wird Silvio Diener unter falschem Namen im Bürgermeister-Haus und serviert dort eine verdorbene Omelette.
Alle scheinen daran umzukommen, doch Silvio taucht als Wunderdoktor auf, kuriert alle und bekommt dann doch Laurette zur Frau. Im Zentrum von „Le Docteur miracle“ steht das Omelette-Quartett.
Das Omelette-Quartett aus „Le Docteur Miracle“
„Jeder Charakter ist als Karikatur angelegt“
„Dieses Quartett ist etwa neun Minuten lang. Es geht um eine Omelette. Jeder Charakter ist als Karikatur angelegt, mit unterschiedlichen Stimmfärbungen. Der Text ist witzig“, so Mezzosopranistin Héloïse Mas. Sie singt die Frau des Bürgermeisters in „Le Docteur miracle“ und auch im solistischen Chor bei „L'Arlésienne“.
Mas ist begeistert, wie Regisseur Pierre Lebon mit spritzigen Aktionen und bunten Kostümen beide Werke umsetzt. Im „Docteur miracle“ spielt die Szene in einer Art Straßentheater. „L'Arlésienne“ zeigt ländliche Elemente, auf einem großen Wagen ist ein Haus aus Brettern montiert. Auf dessen Rückseite: eine Mühle.
Hat die Fassung am Châtelet das Zeug, öfter gespielt zu werden?
Die besondere Fassung im Théâtre du Châtelet hat der Musikwissenschaftler und Bizet-Biograf Hervé Lacombe erstellt. Die Pariser Aufführung lebte durch den facettenreichen Erzähler Eddie Chignara. Regisseur Pierre Lebon lässt das Stück pantomimisch von Tänzern spielen, mit perfekten Choreografien, nur das Vokalquartett singt dabei.
Möglicherweise hat Bizets Musik mit der besonderen und kürzeren Version des Schauspiels von knapp 90 Minuten eine Chance, öfter gespielt zu werden. Dem Palazzetto Bru Zane und dem Théâtre du Châtelet ist mit der Kombination der frühen Oper „Le Docteur miracle“ und der späten, reifen Schauspiel-Musik zu „L'Arlésienne“ ein spannender und auch unterhaltsamer Abend gelungen, der das große Potenzial des jungen und die Meisterschaft reifen Komponisten Georges Bizet zeigt.
Album-Tipp Eine Fundgrube für Bizet-Fans: Vier CDs feiern den unbekannten Georges Bizet
Bru Zane bringt zur Erinnerung an den 150. Todestag von Georges Bizet eine vierteilige CD-Edition heraus: Fünf Stunden Musik, die dem unbekannten Bizet gewidmet sind. Sieben Ersteinspielungen sind darunter, verschollene Operneinakter, Kantaten und Chorstücke, aber auch Lieder und Klaviermusik. Eine wahre Fundgrube fürs Repertoire, findet SWR-Kritikerin Eleonore Büning.
Klanginstallation bei den Donaueschinger Musiktagen 2021 Am Grabe | Aus der Ferne: Georges Bizet
Still ist es nirgends. Selbst die letzten Ruhestätten sind es nicht. Auch die schon von uns gegangenen Ton- und Klangkünstler*innen kennen keine Grabesstille. Irgendetwas tönt immer in ihren Gruften, an ihren Gräbern, an den Orten, an denen ihre Asche in alle Winde zerstreut worden ist. Die Klanginstallation "Am Grabe | Aus der Ferne" gedenkt seit 2021, seit dem 100. Geburtstag der Donaueschinger Musiktage, mit vier- bis fünfminütigen Field Recordings an den jeweiligen Beisetzungsstätten der Protagonist*innen, deren Werke beim weltweit ältesten Festival neuer Musik (ur)aufgeführt worden sind.