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Oskar Posa: österreichische Rarität als Label-Debüt

Schon wieder wurde ein neues, kleines Label gegründet. Die erste Produktion des Labels "Voilà!" zaubert eine Rarität ans Licht: Die Musik des Wiener Komponisten Oskar C. Posa.

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Von Autor/in Eleonore Büning

Posamentir wird zu Posa

Das Andante für Klavier und Violoncello in d-Moll, entstanden um 1900 herum hat eine vertraute Melodie, von der man meint, man habe sie schon öfters gehört. Der Komponist ist ein gewisser Oskar C. Posa. Der Name hört sich an wie ein Pseudonym und ist den allermeisten nicht vertraut.

Andante for Horn and Piano in D Minor (Arr. for Cello and Piano by Oskar C. Posa)

Aber diesen Oskar C. Posa gab es wirklich. Geboren in der Wiener Leopoldstadt im Jahre 1873, als ältester Sohn der Familie Posamentir. Davon leitet sich sein Künstlername "Posa" ab, den er sich zulegte, nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, um eine feste Stelle als Kapellmeister in Graz anzutreten.

Karrierestop nach "Anschluss"

Seine Umbenennung hat also nichts zu tun mit jenem tapferen Tyrannenfeind, dem Marquis de Posa, aus Schillers Schauspiel "Don Carlos" bzw. Verdis Oper; aber doch viel mit den Diskriminierungen, denen ein jüdischer Pianist, Musiklehrer, Dirigent und Komponist im Wien des Fin de Siècle ausgesetzt war.

Seine Stelle als Dozent an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst hat Oskar C. Posa 1938 verloren. Er wurde wegen seiner jüdischen Herkunft direkt nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs entlassen. Posa überlebte die Hitlerzeit in Wien. Wie, ist nicht bekannt. Dort starb er 1951, verarmt und vereinsamt. Eines seiner letzten Werke ist ein Streichquartett in F-Dur, op.18.

String Quartet in F, Op. 18: I. Allegro Moderato

Spätromantik im 20. Jahrhundert

Ein Avantgardist war Posa ganz sicher nicht. Noch sein spätes Streichquartett, entstanden 1948, orientiert sich an der seit Haydn üblichen Satzfolge und mündet in eine zünftige, kapellmeisterliche Fuge: eine "Fuga capricciosa".

Andante for Horn and Piano in D Minor (Arr. for Cello and Piano by Oskar C. Posa)

Oskar C.Posas spätes Streichquartett ist das Herzstück einer zweiteiligen CD-Edition des frisch gegründeten französischen Labels "Voilà!" Präsentiert werden auch noch eine Violinsonate von Posa, ein Albumblatt und 24 Klavierlieder.

Sämtlich sind es Ersteinspielungen, bestritten von jungen Künstlern. Der Labelchef, Olivier Lalane, der persönlich das Booklet verfasst und die Recherchen dazu gemacht hat, feiert die Wiederentdeckung Posas als diskographische Sensation.

Er verortet das Œuvre dieses verschollenen Komponisten zwischen Brahms und Wagner und findet zumal das Liedschaffen Posas, mit dem der um 1900 herum seine größten Erfolge feiern konnte, stilistisch "außergewöhnlich".

Mitglied im "Verein schaffender Tonkünstler Wiens"

Über 80 Lieder hat Oskar C. Posa komponiert, viele Strophenlieder mit dominant ausuferndem Klavierpart.

String Quartet in F, Op. 18: IV. Fuga Capricciosa

"Erwartung", nach einem Text von Detlev von Liliencron, gehört zu einem Zyklus namens "Soldatenlieder", der – in der Fassung für Orchester – uraufgeführt wurde in jenem berühmt gewordenen Konzert im Wiener Musikvereins-Saal, in dem auch Arnold Schönbergs seine symphonische Dichtung "Pelleas und Melisande" erstmals vorgestellt hat, sowie Alexander von Zemlinsky seinerseits die Orchesterfantasie "Die Seejungfrau".

In diesem legendären Kontext wurde der Name Posas in musikwissenschaftlichen Kreisen aktenkundig. Es gibt sogar eine Dissertation von 1996, die ihm gewidmet ist. Posa hat ebenfalls mitgewirkt im "Verein schaffender Tonkünstler Wiens", der mit diesem Konzert anno 1904 von Zemlinksy und Schönberg gegründet wurde. Sogar an der Abfassung des Manifests dazu war Posa beteiligt.

Die Entdeckung eines Genies?

Dass diese Fußnote der Schönbergforschung jetzt zum Klingen gebracht wurde, ist ein hoher Verdienst. Ob damit aber ein Original-Genie wieder entdeckt wurde, wie der Herausgeber Olivier Lalande mutmaßt? Eher nicht. Aber Posas Musik ist interessant, als Phänomen: melancholisch-melodisch, eklektisch-gestrig, formal oft einfallslos Sequenz an Sequenz reihend.

Eine kleine Kritik allerdings gibt es an dieser prunkvoll mit einem pfundschweren, höchst informativen Booklet ausgestatteten Edition. Sie informiert nur auf französisch und englisch. Da wird nun munter hinüber- und herübersetzt, und ausgerechnet die deutschen Klassik-Kunden gehen mal wieder leer aus, wie so oft bei französischen Klassik-Labels. Warum?

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