Die erste Frau bei den New York Philharmonikern
Die Regisseurin des Films „Die einzige Frau im Orchester“, Molly O’Brien, ist Orin O’Briens Nichte. Zehn Jahre lang versuchte sie, ihre Tante von dem Filmprojekt, von dieser Dokumentation über sie und ihr Leben, zu überzeugen. Sie fragte sie jedes Jahr aufs Neue – doch erst beim zehnten Mal sagte Orin O’Brien zu.
Die Kontrabassistin spürt nämlich ein Unbehagen: Sie, die erste Frau in den Reihen der New Yorker Philharmoniker, ist seit ihrer Berufung ins Orchester im Jahr 1966 immer wieder gegen ihren Willen ins Rampenlicht gezerrt worden – schließlich war sie die große Ausnahme auf der Bühne.
Trailer zu „Die einzige Frau im Orchester“
Dieses Gefühl scheint sie nach wie vor zu prägen: dass sie die Aufmerksamkeit eigentlich nicht verdient habe – und das erfährt man auch beim Schauen der Doku. An einer Stelle sagt sie zu ihrer Nichte:
Ich fühle mich nicht wie eine Künstlerin. Ich glaube nicht, dass ich gut genug bin, dass ich jemals gut genug war.
Lob von Leonard Bernstein
Dabei ist die mittlerweile 90-jährige Orin O’Brien eine große Künstlerin. Sie spielte Leonard Bernstein für die frei gewordene Vollzeitstelle bei den New Yorkern vor und stach alle anderen aus, die sich mit ihr zusammen beworben hatten. Noch Jahre später schwärmte der Dirigent von Orin O’Briens Talent:
Ich liebe Orin, weil sie im Orchester eine Quelle des Glanzes ist. Sie hat sich voll und ganz der Musik verschrieben, und wann immer ich zu ihr hinsehe, staune ich über diese Konzentration. Wie macht sie das? Spielt sie jede Note aus jeder Kontrabassstimme aus jedem Stück, das wir spielen, auswendig? Das ist genauso unmöglich wie jedes andere Wunder.
Orin O’Brien stammt aus einer Künstlerfamilie: Ihre Eltern waren die Schauspielerin Marguerite Churchill und der Schauspieler George O‘Brien, die beide zu ihrer Zeit in Hollywood sehr erfolgreich waren. Zur Musik kam sie aber aus ganz eigenem Antrieb, mit 13 verliebte sie sich in Beethoven, in der Schulbibliothek stöbert sie in sämtlichen Musikbüchern. Den ersten Kontakt zu Praxis hat sie im Schulorchester mit 16 Jahren, dort wird noch eine Kontrabassistin benötigt, O’Brien übt sechs Monate bis sie ins Orchester kommt.
55 Jahre bei den New Yorker Philharmonikern
Die 35-minütige Dokumentation erzählt einerseits Orin O’Briens Leben: vom New York City Ballet, der Metropolitan Opera und dem American Symphony Orchestra zu den New Yorker Philharmonikern und parallel als Lehrerin an verschiedene Colleges und die Manhattan School of Music – natürlich alles mit den obligatorischen Blicken in alte Fotoalben und vielfach sexistische Zeitungsartikel.
Andererseits begleitet der Film die legendäre Musikerin auf ihrem Weg in den Ruhestand. Nach 55 Jahren verlässt sie nämlich die New Yorker Philharmoniker und spielt dort ihr letztes Konzert – und sie zieht nach 51 Jahren aus ihrer immer weiter verfallenden Wohnung aus.
„Ein würdiges Denkmal“
Man spürt beim Zuschauen die Vertrautheit der Regisseurin zu ihrer Tante. Molly O’Brien zeigt sich zwar in ausgewählten Momenten selbst, aber auch wenn nicht, ist sie die ganze Zeit präsent – unter anderem, weil ihre Tante immer wieder direkt mit ihr interagiert. Dadurch entsteht eine große Nähe: Die Kamera beobachtet nicht nur, sondern ist Teil des Geschehens.
Man sitzt daneben, wenn Orin O‘Brien zwischen gepackten Umzugskartons ihre Schülerinnen unterrichtet. Wir beißen gemeinsam mit ihr die Zähne zusammen, wenn die Umzugshelfer die Beine aus ihrem 100 Jahre alten Steinway herausklopfen und das Instrument aus der leer geräumten Wohnung schieben. Und wir stehen neben ihr auf der Wiese, als ihre Orchesterkolleginnen und -Kollegen sie mit einem Abschieds-Ständchen überraschen:
Der Film „Die einzige Frau im Orchester“ wirft ein sensibles Schlaglicht auf eine Künstlerin, die eigentlich überhaupt nicht im Rampenlicht stehen will. In ihrer dialogischen Art schafft es die Dokumentation aber, Orin O’Brien nahe zu kommen, ohne die Distanz zu verletzen, die der vielbeschäftigten Protagonistin so wichtig ist. Ihre Hartnäckigkeit ist Molly O’Brien hoch anzurechnen – sie hat ihrer Tante ein würdiges Denkmal geschaffen.