Die letzte persönliche Begegnung für mich war in Ost-Berlin, wo er mich in meiner Wohnung besucht hat. Und als der Fahrstuhl aufging, passierte etwas, was ich nie vergessen werde. Er gab mir seine rechte Hand und hielt sie mit der linken. Er war sehr krank und ja, meiner Meinung nach war er von seinem Leben in diesem Regime erledigt.
Die Angst war ein ständiger Begleiter von Dmitrij Schostakowitsch. Weil er in seinem Leben immer wieder Musik komponiert, die dem stalinistischen System nicht passt – und er daraufhin über lange Zeit einen Weg geht, mit dem er sich verstellt. Ein Gesicht fürs Regime, ein zweites für Freunde und Bekannte.
Alles Geschichte - Der History-Podcast Vier Töne gegen Stalin – Der Fall Schostakowitsch
In einer Diktatur Widerstand leisten und trotzdem überleben – wie geht das? Im Podcast schaut Host Malte Hemmerich auf das dramatische Leben des Komponisten Dmitri Schostakowitsch, um eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Nächtelang liegt Schostakowitsch 1936 wach in seiner Wohnung in Leningrad, den gepackten Koffer griffbereit unter seinem Bett. Er rechnet jederzeit mit seiner Abholung durch die Geheimpolizei, um verhört, deportiert und schlimmstenfalls sogar erschossen zu werden. Der Grund für diese Angst ist, aus heutiger Sicht unfassbar: ein Zeitungsartikel in der „Prawda“, der parteinahen Zeitung, deren Worte Gesetzeskraft haben.
Unter dem Titel „Chaos statt Musik“ war da unter anderem über seine neuste Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu lesen: „Alles ist grob, primitiv und trivial. Die Musik schnattert, stöhnt und keucht, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit möglichst drastisch die Liebesszenen auszumalen; und diese ‚Liebe‘ wird in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet.“
Stalin wünscht schöne Volksmelodien
Stalin, der in diesem Artikel zumindest die Formulierungen überprüft hat, hat Angst vor den freien Gedanken, die die Kunst in den Köpfen seiner Bürger sprießen lassen könnte. Alles Wilde und scheinbar Obszöne stört. Stalin will den sozialistischen Realismus auch in der Musik. Das bedeutet: schöne Volksmelodien und Werke, die heroisch und positiv enden.
Schostakowitsch hat das Gegenteil abgeliefert. In „Lady Macbeth von Mzensk“ vertont der junge, aufstrebende Komponist eine düstere Geschichte inklusive Freitod der Titelheldin, Mord und sehr bildhaften Klängen in den Sex-Szenen.
Die Zeitungskampagne gegen ihn und den großen Terror unter Stalin überlebt Schostakowitsch durch Glück oder Zufall. „Wenn sie mir beide Hände abhacken, werde ich im Mund eine Feder halten und weiter Musik schreiben“, schreibt Schostakowitsch in den 1930er-Jahren an einen Freund.
„Ein erzwungenes Grinsen, mit viel Zähnen“
Und das macht er nach diesem Schicksalsjahr 1936 auch weiter unermüdlich. Um wieder veröffentlicht zu werden und jede Gefahr von sich und seiner Familie abzuwenden, komponiert er seine nächste große Sinfonie, seine Fünfte, im Einklang mit der Doktrin der stalinistischen Kunstauffassung. Allerdings nur auf den ersten Blick.
„Technisch erfüllt das, was sie wollten: vom Dunkel ins Licht“, erläutert die russische Dirigentin Anna Rakitina.„Aber wenn man das auf einem anderen Level fühlt, hört man definitiv, dass dieses Ende überhaupt nicht hell und fröhlich ist. Ich würde sagen, das ist ein erzwungenes Grinsen, mit viel Zähnen.“
Die Streicher spielen im Finale viele Seiten lang nur eine Note, erklärt Rakitina weiter: „Viele beschweren sich dann schon und sagen, mein Arm fängt an zu schmerzen. Und es geht um Leiden: Die Musiker leiden, die Zuhörer leiden, weil es lauter und lauter wird. Und ich wette auch für Schostakowitsch war es Leiden.“
Doch wer das nicht hören will, dem liefert Schostakowitsch hier erstmal das, was Stalins Machtapparat verlangt: ein bombastisches Heldenfinale. Mit der 5. Sinfonie rehabilitiert sich Schostakowitsch, wird vom Volksfeind zum Volkshelden und erhält die höchsten sowjetischen Staatspreise.
Sprachrohr der russischen Gesellschaft
Schostakowitsch bleibt in der Sowjetunion und wird zum musikalischen Sprachrohr einer geknebelten Gesellschaft. Seine Musik kann in ihrer Doppelbödigkeit zweideutig sein, in einem totalitären System noch sowas wie ehrliche Gefühle vermitteln. So zumindest die Beurteilung des Falls Schostakowitsch in der aktuellen Musikwissenschaft.
Im heutigen Russland legt man wenig wert auf die Doppeldeutigkeiten dieser Musik: Schostakowitschs 7. Sinfonie ist 1941 im belagerten Leningrad entstanden und ein Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Sowjets geworden. Als Retter der Stadt wird der Komponist auf dem Cover des „Time Magazine“ verewigt.
Die Musik des Stücks erzählt zwischen den Zeilen aber viel vom dramatischen Schicksal des gebeutelten Komponisten. Man scheint teilweise direkt zu hören, wie er vom System zerrieben wird.
Es gehe in der Sinfonie um weitaus mehr als um die Belagerung der Stadt, erklärt Dirigent Michael Sanderling: „Es geht um die Belagerung der Seele von Dmitrij Schostakowitsch und die Musik versucht diese Befreiung von dieser Belagerung und dieser Last zu erzwingen.“
Putin schwört Russland mit Schostakowitsch auf das Vaterland ein
Das „Problem“ dieser Musik: All die Feinheiten lassen sich auch geflissentlich überlesen. Darauf war Schostakowitsch in der Stalin-Ära immer angewiesen, heute macht das seine Musik nutzbar für unlautere Zwecke.
Am 9. August 2022, ungefähr ein halbes Jahr nachdem Russland die Ukraine angreift, findet in St Petersburg, dem einstigen Leningrad, eine große Inszenierung der Leningrader Sinfonie statt. Das Ganze wird vom Staatsfernsehen übertragen.
Vor der Sinfonie gibt es eine Videobotschaft von Wladimir Putin: „Heute, viele Jahrzehnte später, weckt Schostakowitschs Leningrader Symphonie auch in den neuen Generationen die stärksten Gefühle […], die Liebe zum Vaterland und die Bereitschaft, es zu verteidigen.“
Vom System vereinnahmt stirbt Schostakowitsch 1975
Schostakowitschs Story hat alles, was es für einen musikalischen Spionage-Thriller braucht. Doppelzüngigkeit, Memoiren, die in ihrer Echtheit bezweifelt werden und geheime Verschlüsselungen. Nicht zuletzt ist da Schostakowitschs wohl berühmteste Botschaft in Musik: DSCH, seine Initialen mit denen er besonders wichtige, persönliche Werke kennzeichnet.
Am Ende seiner 10. Symphonie, die er nach Stalins Tod komponiert, ringt sein DSCH-Motiv, mit dem Gewalt- oder Stalin-Motiv – und triumphiert.
Doch es ist ein kurzer Sieg. Die Tauwetter-Periode bringt Schostakowitsch nur kurze Entlastung. Auch später werden er und seine Musik wieder vom System vereinnahmt. Am 9. August 1975 stirbt Dmitrij Schostakowitsch mit 68 Jahren in Moskau. Er selbst hat nicht geglaubt, dass seine Musik die Zeit überdauern wird.
Wenn wir nun heute konstatieren (...), dass das Publikum diese Musik als etwas Großartiges, als etwas Wichtiges, als etwas emotional tief Berührendes, manchmal auch tief Verschreckendes empfindet, dann zeigt das, wie wenig weit die Menschheit gekommen ist in der Frage der Entwicklung von gegenseitigem Respekt, gegenseitiger Anerkennung, gegenseitiger Fürsorge, sondern, das muss man, glaube ich, heutzutage brandaktuell sagen dürfen, sich in das ganze Gegenteil entwickelt.
Musikstunde Dmitrij Schostakowitsch – Unterdrückt, aber frei? (1-5)
Mit Christoph Vratz