Letzte Lücke im Weill-Kanon geschlossen

Kurt Weills „Love Life“ – Unbekanntes Musical, perfekte Einspielung

Das Musical „Love Life“, komponiert von Kurt Weill, war zunächst ein Flopp. Jetzt gibt es endlich eine Gesamtaufnahme, die Innovation und musikalische Vielfalt des Stücks nachvollziehbar macht.

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Von Autor/in Manuel Brug

Eine Liebeserklärung – an eine Frau, aber auch an die Heimat, obwohl die nur eine sandige Illusion ist. „Here I’ll Stay“ ist einer der amerikanischen Songs von Kurt Weill. Bekannt, aber nicht zum Standard geworden. Vielleicht auch, weil sein Kontext so im Dunkeln liegt.

Der Fortschritt, der hier besungen wird, ob der nun auch das Bühnenstück erreicht, aus dem er stammt? Das nämlich ist ein Musical über eine Ehe, die zerbricht. Das könnte ein Stück des 2021 verstorbenen Broadway-Avantgardisten Stephen Sondheim sein.

Kurt Weill in Sardi's Restaurant, New York, im Oktober 1943
Als Jude und bekennender Kommunist floh Kurt Weill im März 1933 vor den Nazis aus Deutschland. Ab 1935 lebte er mit seiner Frau Lotte Lenya in New York. Dort erlag der Komponist am 3. April 1950 einem Herzinfarkt. „Love Life“ gehört zu seinen letzten Bühnenwerken.

Eine Ehe, die Jahrhunderte andauert

Aber es geht hier nicht um einfache, langsam sich entliebende Zweisamkeit. Hier dauert das Versickern der Gefühle von 1791 bis 1948. Die Protagonisten Sam und Susan durchleben ihre sich ändernden Emotionen wie ihre sich wandelnde Umwelt. Sie werden dabei keinen Tag älter.

Die Autoren wollten so über eine Ehe, aber eben auch über die wechselnden Zeitumstände reflektieren. Denn 1948, das war auch die Gegenwart von „Love Life“. Geschrieben hat es der Librettist Alan Jay Lerner, der später mit „My Fair Lady“ weltberühmt wurde.

Und sehr bekannt war, zunächst in Deutschland, auch der Komponist Kurt Weill, ein Kantorensohn aus Dessau. Der freilich musste sich nach seiner Emigration nach New York am Broadway neu erfinden.

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Ursprünglich ein Flop unter Weills Musical-Erfolgen

Der Musical-Weill hatte in den Staaten Erfolg. Doch das „Vaudeville“ genannte „Love Life“ war ein Flopp – zu modern für seine Zeit: Auch weil die ungemein vielfältige, anspielungsreiche Musik, die zwischen Madrigal, Operette und Swing switcht, nur wenige Hits aufweist, aber großartig in die spannende, von Tänzen durchwirkte Handlung integriert ist.

Die spricht in ihren selbst heute noch cleveren Texten sogar unterhaltungsferne Themen wie Kapitalismus und die Frauenbewegung an. Ein Streik verhinderte 1948 eine Original-Cast-Aufnahme. So blieb dieses progressive Zweisamkeits-Musical lange das unbekannteste der US-Stücke Kurt Weills.

Susan emanzipiert sich und entfremdet sich von ihrem Mann

Sam bleibt die konservative, gute Seele, die die Veränderung der Zeit bestaunt. Susan aber ist diejenige, die sie mitgeht, die sich emanzipiert und ihre Liebe von einst in der langsam fade werdenden Ehe nicht mehr findet: Sie trennt sich. Da war 1948 ungewöhnlich.

Auch deshalb ist das progressive, mutige „Love Life“ wohl keineswegs ein Klassiker geworden. Aber seine Form war wegweisend für das Konzeptmusical – ein Genre, das eine Generation später in Shows wie „Cabaret“ und „Chicago“ von Kander und Ebb sowie „Company“ und „Follies“ von Sondheim seine Blütezeit erlebte.

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Die letzte Lücke der Kurt-Weill-Einspielungen ist geschlossen

Sogar ein „Scheidungsballett“ findet sich in Kurt Weills buntscheckig-experimentierfreudiger Partitur. Die deutsche Erstaufführung von „Love Life“ war übrigens erst 2017 in Freiburg. Und endlich gibt es jetzt eine ganz wunderbare, komplette Einspielung – als hervorragenden Mitschnitt einer Produktion der britischen Opera North in Leeds.

Das Label Capriccio hat sie seiner reichen Weill-Kollektion einverleibt. Ein idiomatisch-überzeugendes Ensemble begeistert ebenso wie die stimmungsvoll klangsatte Orchesterleitung von James Holmes. Und endlich ist so die letzte Kurt-Weill-Lücke der Diskografie perfekt geschlossen. Zeit wurde es.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Manuel Brug
Manuel Brug
Onlinefassung
Dominic Konrad
Künstler/in
Quirijn de Lang, Stephanie Corley, Themba Mvula, Justin Hopkins; Chor und Orchester von Opera North unter Leitung von James Holmes