Wie Rom die Mailänder Scala entthront

Italiens interessantestes Opernhaus: Teatro dell'Opera di Roma

Die Scala ist nicht mehr Italiens wichtigstes Opernhaus. Diesen Rang hat inzwischen die Oper Rom eingenommen. Das liegt am vielseitigen Spielplan, den nicht mehr Donizetti, Puccini und Verdi dominieren.

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Stand

Von Autor/in Thomas Migge

Ende September kam Benjamins Brittens „The Turn of the Screw“ auf die Bühne des Teatro dell’Opera di Roma. Eine spannende Inszenierung der britischen Regisseurin Deborah Warner, mit Ian Bostridge als Quant und Anna Prohaska in der Rolle der Gouvernante.

Nur wenige Tage später faszinierte eine Inszenierung von Kaija Saariahos Meisterwerk „Adriana Mater”. Regisseur Peters Sellers ließ die vier Protagonisten mitten im Orchester singen, das er auf der Bühne platziert hatte. Saariaho-Experte Ernest Martínez i Izquierdo dirigierte das Orchester des Opernhauses.

Teatro dell'Opera di Roma (Außenansicht des Haupteingangs)
Von Kritiker*innen aktuell als interessantestes Opernhaus Italiens gekürt: Das Teatro dell'Opera di Roma.

Janáček, Poulenc und Pergolesi mischen den Spielplan auf

Fast zeitgleich war auf der kleinen Bühne des römischen Opernhauses, im Teatro Nazionale, das Diptychon „Tagebuch eines Verschwundenen” von Leoš Janáček und „La Voix humane” von Francis Poulenc zu hören.

Il diario di uno scomparso / La voix humaine - intervista ad Andrea Bernard

https://youtu.be/ByEOjGDR8_8?si=aUVI9QEwc-BPHRYnMit Matthias Koziorowski als Jan, Veronica Simeoni als Zefka und einer ergreifenden Anna Caterina Antonacci als von ihrem Liebhaber verlassene Frau in Poulencs Einakter.

Das italienische enfant terrible der Opernregie, Romeo Castellucci, inszenierte in der Basilika Santa Maria in Aracoeli auf dem Kapitolshügel das „Stabat Mater” als Bühnenwerk. Mit Musik von Giovanni Battista Pergolesi und dem italienischen Experimentalkomponisten Giacinto Scelsi, mit den Sängerinnen Emöke Baráth und Sara Mingardo.

Zwölf Produktionen pro Spielzeit

Vier verschiedene Aufführungen des römisches Opernhauses in nur vier Wochen. Das ist einmalig in Italien, wo die Opernhäuser in der Regel nicht zeitgleich verschiedene Inszenierungen bieten. Die ausgehende Saison bot insgesamt zwölf verschiedene Opernproduktionen, sechs Konzertabende und zahlreiche Ballettaufführungen.

Ende dieses Monats beginnt die neue Spielzeit und hier werden es ebenfalls zwölf Operninszenierungen sein. Darunter, wie inzwischen jedes Jahr, auch eine Auftragsoper: „Inferno” von Italiens wohl international bekanntester Komponistin Lucia Ronchetti.

Roms Opernintendant Francesco Giambrone bei einem Konzert von Michele Mariotti im Dezember 2024.
Seit 2021 leitet Francesco Giambrone das Teatro dell'Opera di Roma. Zuvor war er Leiter des Teatro Massimo in Palermo.

Weniger Belcanto - aber „Tosca” geht immer

Italiens Musikkritiker sind sich einig: Die Opera di Roma bietet heute die spannendste Saison des Landes. Vor allem dank Francesco Giambrone. Der Sizilianer ist seit 2021 Intendant des römischen Opernhauses.

„Das ist das Resultat eines Projekts mit dem wir vor vier Jahren begonnen haben. Ein Projekt mit dem Ziel, in Rom nicht nur klassische Belcanto-Opern auf die Bühne zu bringen, sondern endlich auch und immer öfter Neues, Provozierendes, Experimentelles, mit den besten Sängern und Regisseuren, die wir engagieren können”, erklärt Giambrone im Gespräch.

Er sei davon überzeugt, dass man ein skeptisches Publikum mit richtig guter Qualität überzeugen könne, auch wenn Roms traditionelles Publikum natürlich auch Klassiker wie „Tosca” zu sehen bekomme. Puccinis Oper ist ein Dauerhit an der Oper Rom. Vor allem in der Inszenierung der Uraufführung im Jahr 1900, mit den beeindruckenden Bühnenbildern des deutschen Malers Rolf Hohenstein.

LA RESURREZIONE Handel – Teatro dell’Opera di Roma, Caracalla Festival

Rom bespielt regulär vier Opernbühnen

Mit dem entschiedenen Kampf gegen einen immensen Schuldenberg in Höhe von rund 48 Millionen Euro begann im Jahr 2017 eine neue Epoche für die Oper Rom. Dem damals neuen Intendanten Carlo Fuortes gelang es, Schulden abzubauen und mehr und vor allem junges Publikum mit einem weniger traditionellen Spielplan anzulocken.

Doch erst mit Francesco Giambrone kam es zu einer echten Revolution. Der Intendant, der zuvor das Teatro Massimo in Palermo leitete, bespielt heute vier Bühnen.

Neben dem Opernhaus auch die kleine Bühne des Teatro Nazionale und, während des Caracalla Festivals im Sommer die Riesenbühne für zirka 5.000 Zuschauer in der antiken Caracalla-Therme sowie die kleine Freiluftbühne für 1.500 Zuschauer in der Basilika di Massenzio auf dem Forum Romanum. 

Vor allem junges Publikum wird von den neuen Spielplänen angezogen. Und von deren Vielfalt.

„Dass eine Oper von Sariaaho während aller Aufführungen zu rund 80 Prozent ausverkauft ist, ist für unser Opernhaus ein voller Erfolg”, so Giambrone. „Ich will weiter wagen, das ist anscheinend unser Erfolgsrezept.”

Cleveres Marketing in den sozialen Medien

Giambrone verfolgt auch eine clevere Marketingstrategie. Gezielt werden in der U-Bahn, wo stets große Kino- Blockbuster beworben werden, und auf den Bussen der öffentlichen Verkehrsmittel die jeweiligen Aufführungen präsentiert.

In den sozialen Medien ist das Opernhaus mit jungen Gesichtern präsent, die die neuesten Produktionen in einfachen Worten vorstellen.

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Für Rom ist das etwas Neues. Die Opera di Roma ist heute in der italienischen Hauptstadt und weit darüber hinaus in aller Munde.

So kann das Opernhaus die vielen Anfragen aus dem Ausland für die Saisoneröffnung am 27. November 2025 mit Wagners „Lohengrin” mit Dmitry Korchak in der Hauptrolle, Jennifer Holloway als Elsa und einer Regie von Damiano Michieletto nicht befriedigen. Die Premieren-Karten sind seit Wochen ausverkauft.

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Autor/in
Thomas Migge
Onlinefassung
Dominic Konrad