„Die Kultur der Anderen“

Ethel Smyth: Eine Suffragette auf dem Weg zur Nationalkomponistin

Ethel Smyth hat nicht nur ein großes und vielbeachtetes musikalisches Œuvre hinterlassen, sie hat auch Texte und Bücher geschrieben, war als Suffragette politisch aktiv und national und international bekannt und extrem gut vernetzt. Jetzt hat Angelika Silberbauer ein Buch geschrieben, das einen neuen Puzzlestein zur Lösung des Rätsels Ethel Smyth beiträgt.

Teilen

Stand

Von Autor/in Hannah Schmidt

Eine Komponistin in politisch angespannten Zeiten

„Gerade in der Rezeption der Opern zeigte sich (aber) äußerst klar, wie sehr die sich wandelnde politische Situation in den Jahren 1902 bis etwa 1914 Einfluss auf ihren Erfolg als Komponistin nehmen konnte“, schreibt Angelika Silberbauer in ihrem Buch über die britische Komponistin. Was bedeutet das?

Ethel Smyth kommt während des viktorianischen Zeitalters, im Jahr 1858 in England, zur Welt und erlebt als junge Frau den Wandel ihres Heimatlandes zur imperialen Großmacht. Die Zeiten, in denen sie als Komponistin aufs Parkett tritt, in Deutschland studiert und vermehrt um Aufmerksamkeit ringt, sind also politisch angespannt.

England, Deutschland, Frankreich, sie alle fürchten den wirtschaftlichen und politischen Bedeutungsverlust und reagieren mit Expansion, Konkurrenz und Krieg.

Zeichnung der Komponistin Ethel Smyth (1858-1944)
Als Suffragette kämpfte Ethel Smyth, hier in einer Kreidezeichnung von John Singer Sargent, für die Rechte der Frauen. Auch musikalisch: 1911 komponierte sie den March of the Women, der zur Hymne der englischen Frauenbewegung wurde. picture alliance/United Archives | 91020

Ethel Smyth: Britin in Deutschland

Angelika Silberbauer steigt in ihrer Dissertation „Die Kultur der Anderen“ tief in diese hochkomplexe Materie ein. Sie untersucht nicht nur, wie Ethel Smyth sich in diesem Umfeld als britische Nationalkomponistin zu positionieren versucht und damit Erfolge erzielt.

Sondern auch, wie genau dieses Bestreben dazu führt, dass ihre künstlerischen Arbeiten auf unterschiedliche Weise symbolisch abgewertet werden: „Sobald sie sich etwa als Dirigentin abbilden ließ, wurde sie nicht nur als Frau in einem männlichen Berufsfeld, sondern gleichzeitig als Britin in Deutschland als ‚anders‘ wahrgenommen.“

Smyth kämpft gegen misogyne und nationalistische Stereotype

In Deutschland gilt Smyths Musik zunächst als „typisch britisch“ – ebenso wie in England nach dem Ersten Weltkrieg. Doch mit der Zeit und den politischen Konflikten wandelt sich das Bild: In ihrer Heimat wird ihr Stil zunehmend als „Deutsch“ abgewertet.

Je länger sie öffentlich sichtbar ist, desto stärker erlebt sie Diskriminierung, erläutert Silberbauer: „Smyth war von Beginn ihrer Karriere an mit Kritik ohne ‚logische‘ Begründungen konfrontiert, die Abwertung ihrer Musik erfolgte vielmehr pauschalisierend durch misogyne und nationalistische Stereotype.“

„Die Nationsidee war stets von Sexismen geprägt“

Im Kontext ihrer nationalen Selbstverortung ergibt sich bei Ethel Smyth ein ebenso wirkungsvoller wie problematischer „Cocktail“: England bemüht sich im 19. Jahrhundert, als es noch als „Land ohne Musik“ galt, um kulturelle Aufwertung durch Investitionen in die Kunst.

Gleichzeitig, wie Angelika Silberbauer zeigt, ist dieser Prozess eng mit der Abwertung von Frauen verknüpft: „Die Nationsidee war stets von Sexismen geprägt“, schreibt die Autorin, „sei es aufgrund der unterschiedlich zugewiesenen Geschlechterstereotype, unterschiedlicher Behandlung vor dem Gesetz, wirtschaftlicher oder medizinischer Unterschiede, aber auch von Unterschieden im Ausbildungsbereich, die grundsätzlich allesamt negiert wurden.“

Zuschreibungen von Geschlechterstereotypen, erläutert Silberbauer, solllten vor allem Frauen unsichtbar und damit politisch handlungsunfähig machen.

Fotografie der Komponistin Ethel Smyth (1858-1944)
1877 setzte Ethel Smyth u.a. mit Hungerstreiks gegen den Widerstand der Familie ihr Musikstudium in Leipzig durch. Hier lernte sie Größen ihrer Zeit wie Clara Schumann, Anton Rubinstein, Edvard Grieg und Johannes Brahms persönlich kennen. picture alliance / World History Archive | -

Musikalisch trifft Ethel Smyth den Nerv ihrer Zeit

Ethel Smyths Absichten haben sich zu damaliger Zeit also irgendwie widersprochen: Ihre Musik trifft eigentlich genau den nationalen Nerv ihrer Zeit: Sie schreibt Opern – das Genre im Zentrum des Nationaldiskurses – mit traditionellen Melodien, militärischer Ästhetik, Chormusik und Renaissancebezügen. In ihren Texten bekennt sie sich offen zum Patriotismus.

Aber sie ist eben eine Frau: „Aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit zur Kategorie Frau erfolgte ihre Selbst-und Fremdverortung als britische Komponistin anders als bei ihren männlichen britischen Berufskollegen. Beginnend mit der Uraufführung ihrer Messe zeigte sich die Rezeption vor allem irritiert. (…) Die meisten Kritiken sprachen ihr das Können ab.“

Keine einfache, aber eine lohnende Lektüre

In ihrer Dissertation untersucht Angelika Silberbauer nicht nur Smyths außermusikalischen Strategien zur Selbstpositionierung als Nationalkomponistin, sondern sie analysiert auch im Detail ihre Opern „Der Wald“, „The Wreckers“, „The Boatswain’s Mate“ und „The Beggar’s Opera“. Dabei arbeitet sie für jedes Werk spezifische nationale Deutungsmuster heraus.

Sie zeigt: Egal, wie kunstvoll, wie öffentlichkeitswirksam oder absolut „britisch“ ihre Musik war, die misogyne Öffentlichkeit fand immer einen Weg, sich irgendwie von ihrer Komponistin zu distanzieren. Statt Smyth wurde ein anderer zum Nationalkomponisten erkoren: Edward Elgar.

Mit ihrem Text schließt Angelika Silberbauer eine Forschungslücke. Sie zeigt am Beispiel Ethel Smyths, warum und wie die Musikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts die Arbeit von Frauen unsichtbar macht. Zum Lesen braucht es Konzentration, „Die Kultur der Anderen“ ist ein wissenschaftlicher Text. Aber jede Zeile lohnt sich.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Hannah Schmidt
Hannah Schmidt
Onlinefassung
Dominic Konrad