Mit Knabenstimme zum Weltstar

Farinelli: Kastrat, Superstar, Verwalter

„Es gibt einen Gott – und es gibt einen Farinelli!“ Schon zu Lebzeiten war an derartigen Aussagen erkennbar, welchen Status der Kastrat, geboren als Carlo Broschi, in der Musikwelt genoss. Nun, fast 250 Jahre nach Farinellis Tod, wird in Karlsruhe der erste Wettbewerb für Countertenöre nach ihm benannt. Wer war der legendäre Sängeri?

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Stand

Von Autor/in Sebastian Campsheide

Zunächst möchte man behaupten, Farinelli war eigentlich gar nicht Farinelli. Sondern Carlo Maria Michelangelo Nicola Broschi, denn zwei Tage nach der Geburt am 24. Januar 1705 wurde er so in Andria in der Region Neapel getauft. Gut ein Jahr später wird der Vater von Carlo Broschi zum Gouverneur der Stadt Maratea ernannt. Die Familie gehört zum niederen Adel, große Reichtäumer sollte man sich in deren Besitz allerdings nicht vorstellen.

Vor allem die Beziehungen des Vaters sind jedoch wertvoll: Mit sieben Jahren zeigen sich die stimmlichen Talente von Carlo. Das Risiko, das der Stimmbruch für diese Gabe bedeutet, will man mit einer Kastration entgehen.

Der italienische Kastrat Farinelli am Hofe Philipps II. (Gemälde von Corrado Giaquinto)
Farinelli (eigentlich Carlo Broschi) ist der wohl berühmteste Kastrat der Musikgeschichte. In Neapel wurde er fünf Jahre ausgebildet, vor der Öffentlichkeit durfte er während des Studiums nicht singen. picture alliance / opale.photo | Darchivio

Vielleicht, denn die wahren Beweggründe hinter der Kastration sind bei Broschi unklar. Üblicherweise wurden jene Knaben zu Kastraten gemacht, denen damit ein Weg aus der Armut geboten werden sollte. Es folgten harte Jahre an Konservatorien.

Diese buchstäblich harte Schule blieb Carlo Broschi erspart. Er erhielt dank der Kontakte des Vaters in Neapel Privatunterricht bei Nicolò Porpora und kam bei der Magistratenfamilie Farina unter. Jenen widmete er seinen Künstlernamen und nennt sich den „kleinen Farina“, Farinelli.

Sein Stimmumfang verschafft ihm Weltruhm

Es folgten Jahre des Ruhms. Vor allem der Stimmumfang bei Farinelli soll gewaltig gewesen sein. Von bis zu drei Oktaven schreiben die Quellen. Aber auch sein langer Atem sorgte für Legenden. So soll er so lange eine Note gesungen haben, dass selbst ein Trompeter buchstäblich die Puste ausging und er rot anlief, während Farinelli noch genügend Luft für Verzierungen und Gegrinse übrig hatte.

Mit einem Brustkorb voller Sauerstoff und schwindeleregenden Höhen wurde Farinelli zum Superstar. Er war zwar nicht der einzige berühmte Kastrat seiner Zeit, neben ihm reihten sich der von Händel sehr geschätzte Senesino sowie Giovanni Carestini und Caffarelli ein, doch keiner erlangte solchen Weltruhm wie Farinelli.

Wie mag Farinelli wohl geklungen haben? Das Film-Biopic von Gérard Corbiau wagte einen Versuch mit der Mischung aus Countertenor und Sopran:

Film 'Farinelli' - Ombra fedele anch'io (Aria of Dario from opera 'Idaspe' by Riccardo Broschi)

Farinelli
Farinelli (Mitte) war gut befreundet mit dem großen Librettisten Metastasio (links). Dieser schrieb den Text für das Debüt des Kastraten, 1732 trafen sie am Wiener Kaiserhof wieder aufeinander. Beide starben im Jahr 1782. IMAGO / GRANGER Historical Picture Archive

Ein vermögender Superstar

Mit 15 Jahren gab Farinelli sein Debüt in einer Serenata seines Lehrers Porpora. Seinen ersten Auftritt in Rom hatte der Kastrat zwei Jahre später in Rom. Ein Jahr später, 1724, folgten Auftritte im Norden Italiens in Venedig, Mailand und Bologna.

Rasch wurde er zu einem der gefragtesten und bestbezahltesten Sänger Italiens, Anfang der 1730er-Jahre wurde sein Ruhm über die Grenzen Italiens bekannt. Farinelli stellte sich am Wiener Kaiserhof vor.

1734 zog es ihn weiter Richtung Norden ans Londoner Lincoln’s Inn Fields Theatre, der Konkurrenzstätte von Georg Friedrich Händel. Keiner wurde in der britischen Metropole so umjubelt wie Farinelli, doch nur drei Jahre nach seiner Ankunft nahm Farinelli Abstand von London.

Er folgte dem Ruf des spanischen Königshauses. Statt die Massen zu begeistern, war die Stimme des Kastraten dort nur noch für ein Paar Ohren bestimmt.

Farinelli
Stefano Dionisi verkörperte im Film „Farinelli“ (1994) den Kastraten. Für den Gesang wurden die Stimmen vom amerikanischen Countertenor Derek Lee Ragin und der polnischen Sopranistin Ewa Malas-Godlewska digital zusammengemischt. In der biografischen Verfilmung nahm sich Regisseur Gérard Corbiau etliche künstlerische Freiheiten. IMAGO / Capital Pictures

Exklusivrechte an Farinellis Gesang

Der spanische König Philipp V. war schwer depressiv, als Therapie wählte er den Gesang Farinellis. Wann immer nötig, sang dieser dem König Arien vor. Ob der Gesang tatsächlich die gewünschte Wirkung brachte, ist nicht überliefert, doch ohne Ergebnis schien er nicht gewesen zu sein, immerhin wurde Farinelli zum criado familar, zum persönlichen Vertrauten, ernannt.

Auch der Sohn des Königs, Ferdinand VI. war depressiv und nachdem er die königliche Nachfolge antrat, behielt er die Exklusivrechte am Gesang Farinellis. Weiter noch: Er gab ihm verwaltende Aufgaben für das Königreich. Farinelli wurde Leiter der Hoftheater in Madrid.

1759 folgte Karl III. nach Ferdinands Tod auf den Thron. Mit dem Ableben des Königs fand auch Farinellis Karriere in Spanien sein Ende. Als reicher Mann kehrte er nach Italien zurück. Von 1761 bis zu seinem Lebensende 1782 lebte Farinelli in seiner Villa bei Bologna.

Audioaufnahmen eines Kastraten

Natürlich endete nicht mit Farinelli das Zeitalter der Kastraten. Der letzte Opernkastrat Giambattista Velluti wirkte bis in die 1820er-Jahre in Italien und Städten wie Wien, München, Petersburg und London. In der Kirche wirkten die Kastraten noch einige Zeit weiter.

Der letzte Kastrat, dessen Stimme Anfang des 20. Jahrhunderts in Tondokumenten festgehalten wurde, ist Alessandro Moreschi. Er sang in der Cappella Sistina in Rom.

Nicht zu verwechseln: Countertenöre und Kastraten

Heutzutage sind natürlich keine Kastraten mehr zu hören, An ihre Stelle sind Countertenöre getreten. Ein Phänomen das gar nicht mal so alt ist: Bis 1970 ersetzten Frauen die Kastraten oder die Stimmen wurden für Männer umgeschrieben.

Der englische Altus Alfred Deller spielte schon in den 1950er-Jahren Händels Opern ein, in Opernproduktionen war er jedoch nicht zu hören und zu sehen.

Doch es herrscht Verwechslungsgefahr: Der Countertenor James Bowman wand sich 2009 mit einem eindringlichen Appell im Guardian an die Öffentlichkeit: „Bitte verwechselt nicht Kastraten mit Countertenören.“

Countertenöre, so Bowman, singen im Falsett: einer Lage, in der ihre Stimme sich am wohlsten fühlt. Würde man bei Countertenören an etwas Unnatürliches oder eine Belastung der Stimme denken, sei man auf dem Holzweg.

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