Haze’evot: das hebräische Wort für Wölfin
Sie tanzen trommelnd durch das Publikum, grölen, lachen und feuern sich gegenseitig an. Bei einem Konzert der israelischen Punkrockband Haze’evot in Mainz ist ihre Energie im ganzen Saal präsent.
Haze’evot ist Hebräisch und bedeutet übersetzt Wölfin. Die fünf Frauen bezeichnen sich selbst als „DIY-Band“, denn sie produzieren ihre Musik und Videos nicht nur selbst, sondern organisieren auch ihre eigenen Tourneen. Aktuell sind sie in Deutschland unterwegs, schon seit Jahren touren sie regelmäßig durch Europa.
Dass hier viele die hebräischen Texte der Band aus Tel Aviv nicht verstehen, spielt für die Musikerinnen kaum eine Rolle. Entscheidend seien vielmehr Energie, Haltung und Gefühl.
Aus Terror und Trauma werden Songtexte
Die Intensität ihrer Auftritte hängt auch mit ihren Erfahrungen im Nahostkonflikt zusammen. „Wild sein, wie ein Tier. Wir halten so viel fest in unseren Körpern – all die Angst und Anspannung“, so beschreibt es die Sängerin Yifat Balssiano. Die Bühne sei genau der richtige Ort, das raus zu lassen.
Ich fühle es regelrecht körperlich: Ich gehe auf die Bühne und will einfach schreien.
Die Erfahrungen der fünf Frauen mit Krieg und Terror in ihrer Heimat spiegeln sich aber auch ganz unmittelbar in ihren Songs wider. Sie alle haben Traumatisches erlebt und Menschen verloren, die ihnen nahe standen.
Emotionen wie Angst und Trauer verarbeiten sie genauso in ihrer Musik wie Beobachtungen und Alltagssituationen. So ist beispielsweise der Song „Adama“ entstanden, den Yifat Balssiano am Anfang des Krieges vor fast drei Jahren geschrieben hat.
Als sie in panischer Angst nach einem Schutzraum suchte, beobachtete sie etwas. „Plötzlich sah ich jemanden, der sich beim Frisör einfach die Haare schneiden ließ. Ich habe mich direkt viel ruhiger gefühlt und gedacht: 'Okay, wenn ich meine Realität jetzt mit dieser Person teile, dann ist vielleicht alles in Ordnung.'"
Musikerinnen mit Bildungsauftrag
Von diesem Erlebnis erzählt die Sängerin von Haze’evot im Mai auch an einem Gymnasium in Bingen. Denn die Musikerinnen geben nicht nur Konzerte, sondern auch regelmäßig Workshops. Da ein Teil der Band aus dem Bildungsbereich kommt, wollen Haze’evot das mit ihrer Musik verbinden. Denn „Kunst ist für uns auch Bildung“, sagt Talia Ishai, Bassistin der Band.
Mit den Jugendlichen sprechen sie unter anderem darüber, wie Menschen miteinander umgehen. In Bingen erzählt ein Schüler beispielsweise, wie er früher andere gemobbt habe, während er heute einschreiten würde.
Für die Musikerinnen beginnt Veränderung genau in solchen Situationen. „Es gibt den Moment, in dem man etwas wahrnimmt, und den Moment, in dem man reagiert“, sagt Balssiano. „Dazwischen liegt ein kleiner Raum, in dem man wählen kann und genau dort kann Frieden beginnen.“
Ihre Herkunft ist Veranstaltern zu heikel
Bei den Workshops geht es auch darum, über Zusammenhalt und Schubladendenken zu reflektieren. Damit sehen sich auch die Musikerinnen selbst immer wieder konfrontiert: Oft würden sie gefragt werden, auf welcher Seite die Band steht: Israel oder Palästina, dafür oder dagegen, schwarz oder weiß.
Haze’evot wolle sich aber auf keine Seite stellen, denn das werde der Komplexität ihrer Realität nicht gerecht. „Das Leben besteht nicht nur aus Hashtags“, sagte Talia Ishai im vergangenen Jahr dem Bayerischen Rundfunk, „die unschuldigen Menschen in Gaza sind meine Brüder und Schwestern. Es darf nicht um die Regierung und die Terrororganisationen gehen, die uns trennen wollen“.
Manche Veranstalter hätten jedoch Auftritte abgesagt, weil die politische Situation um Israel zu sensibel sei. „Natürlich passiert das manchmal und es ist traurig, wenn Menschen das Gespräch gar nicht erst beginnen“, sagen die Musikerinnen. Trotzdem sehen sie genau darin ihre Aufgabe: den Dialog nicht zu vermeiden, sondern aktiv zu führen.
(K)eine Frauenband?
Eine weitere Schublade, in die Haze’evot oft gesteckt werde, ist die der „Frauenband“ oder der „feministischen Band“. Zwar besteht die vor rund 15 Jahren gegründete Band ausschließlich aus Frauen, doch darauf reduziert werden, wollen sie nicht.
Natürlich verbinde sie die gemeinsame Erfahrung als Frauen generell und insbesondere in der Musikszene, aber „Frausein ist nicht unsere Hauptkraft“, sagen die Musikerinnen. Es gehe ihnen viel mehr darum, wie sie Musik machen, auftreten und miteinander arbeiten.
Es geht uns vor allem um Freiheit und Wahrheit. Wir unterstützen uns gegenseitig dabei, das Leben leichter zu nehmen.
Ihre Hoffnung auf Frieden stehe am Ende über allem – eine Vision, die so groß ist, dass sie sowieso in keine Schublade passt. Für die Musikerinnen bedeutet Frieden aber nicht, Konflikte einfach auszublenden, sondern miteinander im Gespräch zu bleiben.
Gerade deshalb touren sie weiter durch Europa, treffen Menschen und suchen den Austausch. „Wenn man aus einem Ort kommt, der von Krieg und Instabilität geprägt ist, und trotzdem für Frieden einsteht, ist das alles andere als selbstverständlich“, sagt Gitarristin Or Ziegelbaum. „Aber wir glauben wirklich, dass das der einzige Weg ist, wie wir leben können.“