Musik zwischen Neutralität und Haltung

Wie der Nahost-Konflikt Europas Konzertsäle erreicht

Der Nahost-Konflikt bringt nicht nur die Schrecken des Krieges mit sich, sondern wirkt sich auch zunehmend auf Europas Konzertsäle aus: mit Absagen, Störungen – aber auch mit Musik als Brücke der Verständigung.

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Stand

Von Autor/in Janine Putzek

Besondere Aufmerksamkeit erregte Mitte September der Fall Lahav Shani: Das Flandern-Festival in Gent sagte das Konzert mit dem israelischen Dirigenten und den Münchner Philharmonikern ab. Begründung: Shani habe sich nicht klar genug von der israelischen Regierung distanziert.

Das Vorgehen des Festivals löste eine große Debatte unter Politiker*innen und Kulturschaffenden aus. Teilweise wurden Antisemitismus-Vorwürfe laut.

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Absagen, Boykotte und unterbrochene Auftritte

Nur zwei Wochen später wurde ein Konzert im Wiener Musikverein der Münchner Philharmoniker unter Shanis Leitung durch eine pro-palästinensische Demo unterbrochen. Der Dirigent wartete ab und startete das Konzert anschließend neu.

Auch in Großbritannien sorgte der Konflikt für Folgen: Das Royal Ballett und die Royal Opera sagten eine für 2026 geplante Produktion in Tel Aviv ab. Vorausgegangen waren Proteste von Mitarbeitenden – erst zeigte ein Tänzer die palästinensische Flagge, dann unterzeichneten fast 200 Personen einen offenen Brief, der die Haltung des Hauses zum Krieg im Gazastreifen kritisierte.

Auch die BBC Proms wurden von pro-palästinensischen Demonstrierenden gestört. Ob mit der weiteren Eskalation des Nahost-Konflikts Absagen und Boykotte in der Kulturbranche zunehmen werden, bleibt abzuwarten.

Musiker im Konflikt: Neutralität oder Haltung?

Die jüngsten Fälle zeigen, wie sehr sich politische Fragen inzwischen auf die Kultur auswirken. Der Konflikt stellt Musiker*innen vor die schwierige Frage, ob und wie sie sich öffentlich positionieren sollen. Eine einfache Antwort gibt es nicht.

Bei den BBC Proms äußerte sich der israelische Dirigent Ilan Volkov nach seinem Konzert kritisch sowohl gegenüber der Kriegsführung seines Landes als auch gegenüber der Hamas.

Der israelische Dirigent Lahav Shani
Der isrealische Dirigent Lahav Shani und die Münchner Philharmoniker haben nach der Absage aus Gent stattdessen ein Sonderkonzert in Berlin gegeben. Sie setzten damit ein Zeichen gegen Antisemitismus und Boykott.

Die Geigerin Anne Sophie Mutter sagte im BR-KLASSIK-Interview über den Fall Lahav Shani: „Es ist wahnsinnig, dass Musiker immer wieder als politische Barometer missbraucht werden. Man kann nicht ein ganzes Volk für seine politische Führung verantwortlich machen.“

Auch Pianist Igor Levit kritisierte das Ausladen Shanis scharf. Er engagiert sich seit Jahren als politischer Aktivist und bezieht regelmäßig öffentlich Stellung gegen Antisemitismus.

Barenboim und Said: Musik als Brücke

Es gibt aber auch andere Beispiele. Das von Daniel Barenboim und Edward Said gegründete West-Eastern Divan Orchestra vereint seit 1999 israelische und palästinensische Musiker:innen. Es zeigt: Annäherung, Frieden und Miteinander sind auch jenseits der Politik möglich. Barenboim und Said betonten von Anfang an, dass es keine militärische Lösung für den Nahost-Konflikt geben könne.

Der israelische Dirigent Daniel Barenboim und der palästinensische Historiker Edward Said
Dirigent Daniel Barenboim (links) und Historiker Edward Said (rechts). Barenboim hat als einziger Mensch der Welt sowohl die israelische als auch palästinensische Staatsbürgerschaft.

2015 kam die Barenboim-Said-Akademie in Berlin hinzu, an der rund 75 Prozent der Studierenden aus dem Nahen Osten stammen. Um den Dialog zu fördern, sind dort auch Philosophie, Literatur und Geschichte Pflichtfächer.

Gerade seit dem Krieg im Gazastreifen ist die Akademie ein wichtiger Ort der Begegnung – auch wenn Boykotte und Polarisierungen nicht spurlos an ihr vorbeigehen. Der Ansatz bleibt: Bildung durch Musik soll den Austausch ermöglichen und die Begegnung mit echten Menschen fördern.

Diskussion „Was sagen Sie da als Jude?“ – Wenn der Nahostkonflikt persönlich wird

Gazakrieg, Angriffe auf Irans Atomanlagen oder der Schlag gegen die Hamas in Katar: Die Politik der israelischen Führung sorgt weltweit zunehmend für Verständnislosigkeit und Empörung. Und so weit der Nahostkonflikt entfernt zu sein scheint, so nah fühlt er sich für viele Juden und Jüdinnen hierzulande an, setzt sie unter Rechtfertigungsdruck: Wie hältst du es mit der Regierung Netanjahu? Das zeigt auch die Debatte über die Ausladung des israelischen Dirigenten Lahav Shani beim Flandernfestival. Seit dem Angriff der Terror-Organisation Hamas auf Israel im Oktober 2023 ist der israelbezogene Antisemitismus auch in Deutschland schlimmer geworden. Welche Erfahrung machen Betroffene und wie gehen sie damit um? Und wie lassen sich gefährliche Stereotype und Zuschreibungen überwinden? Andrea Beer diskutiert mit Stella Leder – Dramaturgin und Leiterin des Instituts für Neue Soziale Plastik, Berlin; Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai – Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit und Sozialarbeitsforschung Fachhochschule Potsdam; Doron Rabincovici – Schriftsteller und Historiker, Wien

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Autor/in
Janine Putzek
SWR-Reporterin Janine Putzek.