Besondere Aufmerksamkeit erregte Mitte September der Fall Lahav Shani: Das Flandern-Festival in Gent sagte das Konzert mit dem israelischen Dirigenten und den Münchner Philharmonikern ab. Begründung: Shani habe sich nicht klar genug von der israelischen Regierung distanziert.
Das Vorgehen des Festivals löste eine große Debatte unter Politiker*innen und Kulturschaffenden aus. Teilweise wurden Antisemitismus-Vorwürfe laut.
Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel Erinnerung an den 7. Oktober 2023 in BW: Gedenkveranstaltungen und Pro-Palästina-Demos
Jüdische Organisationen in Baden-Württemberg gedenken am Dienstag des massenhaften Mordes an Menschen in Israel am 7. Oktober 2023. Gleichzeitig gibt es Pro-Palästina-Proteste.
Absagen, Boykotte und unterbrochene Auftritte
Nur zwei Wochen später wurde ein Konzert im Wiener Musikverein der Münchner Philharmoniker unter Shanis Leitung durch eine pro-palästinensische Demo unterbrochen. Der Dirigent wartete ab und startete das Konzert anschließend neu.
Auch in Großbritannien sorgte der Konflikt für Folgen: Das Royal Ballett und die Royal Opera sagten eine für 2026 geplante Produktion in Tel Aviv ab. Vorausgegangen waren Proteste von Mitarbeitenden – erst zeigte ein Tänzer die palästinensische Flagge, dann unterzeichneten fast 200 Personen einen offenen Brief, der die Haltung des Hauses zum Krieg im Gazastreifen kritisierte.
Auch die BBC Proms wurden von pro-palästinensischen Demonstrierenden gestört. Ob mit der weiteren Eskalation des Nahost-Konflikts Absagen und Boykotte in der Kulturbranche zunehmen werden, bleibt abzuwarten.
Musiker im Konflikt: Neutralität oder Haltung?
Die jüngsten Fälle zeigen, wie sehr sich politische Fragen inzwischen auf die Kultur auswirken. Der Konflikt stellt Musiker*innen vor die schwierige Frage, ob und wie sie sich öffentlich positionieren sollen. Eine einfache Antwort gibt es nicht.
Bei den BBC Proms äußerte sich der israelische Dirigent Ilan Volkov nach seinem Konzert kritisch sowohl gegenüber der Kriegsführung seines Landes als auch gegenüber der Hamas.
Die Geigerin Anne Sophie Mutter sagte im BR-KLASSIK-Interview über den Fall Lahav Shani: „Es ist wahnsinnig, dass Musiker immer wieder als politische Barometer missbraucht werden. Man kann nicht ein ganzes Volk für seine politische Führung verantwortlich machen.“
Auch Pianist Igor Levit kritisierte das Ausladen Shanis scharf. Er engagiert sich seit Jahren als politischer Aktivist und bezieht regelmäßig öffentlich Stellung gegen Antisemitismus.
Barenboim und Said: Musik als Brücke
Es gibt aber auch andere Beispiele. Das von Daniel Barenboim und Edward Said gegründete West-Eastern Divan Orchestra vereint seit 1999 israelische und palästinensische Musiker:innen. Es zeigt: Annäherung, Frieden und Miteinander sind auch jenseits der Politik möglich. Barenboim und Said betonten von Anfang an, dass es keine militärische Lösung für den Nahost-Konflikt geben könne.
2015 kam die Barenboim-Said-Akademie in Berlin hinzu, an der rund 75 Prozent der Studierenden aus dem Nahen Osten stammen. Um den Dialog zu fördern, sind dort auch Philosophie, Literatur und Geschichte Pflichtfächer.
Gerade seit dem Krieg im Gazastreifen ist die Akademie ein wichtiger Ort der Begegnung – auch wenn Boykotte und Polarisierungen nicht spurlos an ihr vorbeigehen. Der Ansatz bleibt: Bildung durch Musik soll den Austausch ermöglichen und die Begegnung mit echten Menschen fördern.